Die beflügelnde Schönheit der Stadt Leipzig Eine kleine Entdeckungstour
Theologische Fakultät Leipzig. Foto: Max Melzer

Ich war nun also das erste Mal in Leipzig und ich muss sagen, es war zu kurz. Für mich war Leipzig bisher die Stadt der Thomaner, des Gewandhausorchesters, der Friedlichen Revolution. Mit diesen drei Begriffen habe ich nur einen Bruchteil dessen genannt, wofür Leipzig steht – wie mir an diesem Wochenende nochmal bewusst wurde. Dennoch kann man – denke ich – sagen, dass diese drei Begriffe für sich die Stadt recht gut darstellen.

Leipzig ist eine Stadt der Kultur und der Geschichte. Das wurde mir selbst während der SETh-Vollversammlung im November bewusst, als ich in der Mittagspause am Samstag auf Erkundungstour ging. Ich tat dies alleine, da ich bei Besichtigungen ganz gerne mal ein Hans-guck-in-die-Luft bin, die Stadt auf mich wirken lasse und auch den Kopf von den ganzen Debatten mal frei bekommen will.

Die Fakultät

Theologische Fakultät Leipzig. Foto: Max Melzer

Theologische Fakultät Leipzig. Foto: Max Melzer

Ein kurioses Gebäude für eine Fakultät. Als ich am Freitag anreiste, stand ich fast zehn Minuten auf der Straße, überprüfte mindestens dreimal die Adresse, weil ich doch unsicher war, wo da eine Fakultät sein soll. Zu Bedenken gilt dabei, dass ich davon ausging die Tradition der Fakultät auch am Gebäude zu sehen. Ich lag falsch. Zur Zeit befindet sich die Fakultät interimsmäßig in einem Wohnhaus und Bürogebäude, das an der Außenfassade im Erdgeschoss von diversen Geschäften geschmückt ist. An keiner Stelle des Gebäudes ist mir ein gut sichtbarer Verweis aufgefallen, dass sich in diesem Gebäude auch die Theologische Fakultät der Uni Leipzig befindet. Wären nicht die Zettel des Tagungsbüros gewesen, die groß mit „SETh“ und Pfeilen beschriftet waren, hätte ich wohl früher oder später verzweifelt jemanden angerufen.

Das Neue Rathaus

Thomaskirche Leipzig. Foto: Max Melzer

Neues Rathaus Leipzig. Foto: Max Melzer

Gegenüber der Fakultät steht das Neue Rathaus. Der Anblick eröffnete sich mir als eine große Festung, eine Burg mitten in der Stadt und ich war ob des Namens Neues Rathaus doch etwas verwundert. In meiner Welt sind die Neuen Rathäuser aus diesem oder dem letzten Jahrhundert – große mit viel Glas versehene Bauten, meist aus Beton. Witzigerweise ist das Neue Rathaus in Leipzig zwischen den Jahren 1899 bis 1905, also genau genommen im letzten Jahrhundert erbaut worden, im Historischen Stil, um den Turm der davor dort stehenden Pleißenburg als Wahrzeichen erhalten zu können.

Die Thomaskirche

Ich begab mich also in die Stadt. Als Kind der Kirchenmusik war für mich natürlich einer der ersten Anlaufpunkte die Thomaskirche und das davor stehende Bachdenkmal. Viele Menschen tummelten sich hier, fotografierten Bach, lasen die Tafel, fotografierten sich und sammelten sich vor dem Bachportal.

Ein etwas anderes Selfie mit Bach

Ein etwas anderes Selfie mit Bach

Ich fand es recht amüsant, dass direkt gegenüber ein Weingeschäft ansässig ist, weshalb mein Selfie mit Bach etwas anders ausgefallen ist. Die Kirche selbst konnte ich leider nicht mehr besichtigen, da es um 15 Uhr ein Motettenkonzert mit den Thomanern geben sollte und die Kirche im Vorfeld geschlossen wurde. Natürlich wäre das das absolute Highlight für mich gewesen, gleich beim ersten Besuch in Leipzig eine Bachmotette in der Thomaskirche zu hören. In Anbetracht meiner Aufgabe auf der SETh-VV hatte ich zu dem Zeitpunkt aber andere Prioritäten. Es wird sich hoffentlich noch einmal die Gelegenheit ergeben, wenn ich insgesamt mehr Zeit für die Stadt habe.

Der Markt und das Alte Rathaus

Aber nun wollte ich ja noch mehr von der Stadt sehen. Also schaute ich mich um, in welche Richtung ich denn nun gehen könnte, da an jeder Ecke, bei jedem Blick in eine andere Straße sich eine weitere Schönheit zeigte, die näher betrachtet werden wollte und ich mich immer neu entscheiden musste, welches dieser ich denn nun näher betrachten wollte.
So landete ich über mehrere Ecken auf dem Markt, an dem das Alte Rathaus steht. Beim Lesen der Goldschriften rund um die Fassade, wurde nun also klar, dass dies das Alte Rathaus ist, und das Neue Rathaus im Verhältnis mit Recht diesen Namen trägt. Immerhin wurde das Alte Rathaus schon im 14. Jahrhundert erbaut.

Hier tat sich mir ein Bild auf, das meine Phantasie mit Leichtigkeit mit mittelalterlicher Lebendigkeit zu füllen wusste. Der Platz gefüllt mit Marktständen und den dazu gehörenden Händlern, die laut ihre Waren anpreisen. Frauen, die an eben diesen ihre Körbe füllen und ihre Beutel leeren; Kinder, die johlend zwischen den Ständen durchlaufen; Menschen, Tiere, Karren; lebendiges und lautes Leben und über allem trohnt das Rathaus und der tiefe wohltönende Klang seiner Glocke.

Die Nikolaikirche und ihre Umgebung

Von diesem Platz aus fand ich auf ähnliche Weise wie vorher schon meinen Weg zur Nikolaikirche. Das Betreten dieser war nicht einfach, weil der Strom der herein- und herausgehenden Gäste kaum abbricht; als ich gerade ankam, war es nun mal der Strom der herausgehenden. Die Kirche scheint ihren Ort in der Friedensbewegung gefunden zu haben. Schon an der Außenfassade hing ein Transparent für die Ökumenische Friedensdekade und innen war die Ballustrade der Empore mit Bannern und Motti der verschiedenen Friedensbewegungen geschmückt.

Als ich es wieder gegen den hineinfließenden Strom nach draußen geschafft hatte zeigte sich mir erneut ein von meiner Phantasie geschmücktes Bild, ausgelöst von den zahlreichen Stadtführungsgruppen auf dem Platz, die vom 9. Oktober 1989 berichteten und auch auf dem Platz selbst mehrfach an eben dieses Datum erinnert wurde. Mir zeigte sich dieser Platz auf einmal voll mit Menschen, denen es nicht mehr möglich war, die Kirche zu betreten, da diese schon voll war. Die sich hier versammelten, mit Kerzen in den Händen und friedlich gegen die Regierung der damaligen DDR demonstrierten. Ein geschichtsträchtiger Abend, an den ein Denkmal erinnert, bestehend aus einem Brunnen und einer Lichtinstallation, die ich nicht habe sehen können, da der Brunnen aufgrund der Jahreszeit kein Wasser mehr führt und die Lichter aufgrund der Tageszeit noch aus waren. Ein weiterer Grund für mich, nochmal nach Leipzig zu kommen.

Die Oper und ihre Umgebung

An diesem Punkt meines bis dahin kurvenreichen Rundgangs erschlossen sich mir endlich die immer wieder in den Boden eingelassenen DSC_0581wellenförmigen Markierungen. Sie sind Wegweiser eines Rundgangs durch die Stadt, dem ich mich nun anschloss. Mit Hilfe des Rundgangs und der Wellen kam ich als nächstes an die Oper. Die Tafel des Stadtrundgangs davor erinnert daran, dass hier schon Bruckner, Mendelssohn und viele andere Musiker gewirkt hatten. Unter anderem fanden hier einige Uraufführungen des jungen Wagner statt, dessen Geburtsstadt Leipzig ist (was ich schon wieder vergessen hatte). Der Platz vor der Oper ist groß und ich nehme an, dass ein großer Teil dessen im Sommer mit Wasser bespielt ist. Erst später auf dem Rückweg fiel mir auf, dass hier ja auch das Gewandhaus sowie der Neubau der Paulskirche stehen und zu sehen sind. Ein prägnantes Beispiel der vielfältigen Schönheit der Stadt, dass hier ohne Probleme verschiedene Gebäude verschiedener Zeiten und Baustile nebeneinander stehen.

Das graphische Viertel und überhaupt

Das hatte ich schon zuvor in der Innenstadt bemerkt, wie hier jeder Baustil jeweils die Schönheit und Besonderheit des benachbarten Baustils unterstreicht. Auch im weiteren Verlauf meiner Entdeckungstour war dies sichtbar.

Dem Rundweg folgend kam ich dann ins graphische Viertel, das ich sonst sicher nie gefunden hätte. Auf dem Weg durch dieses Viertel, in dem bis Anfang/Mitte des 20. Jh die namhaften Musikverlage Deutschlands angesiedelt waren, war ich stets aufs Neue erfreut und überwältigt von der unkomplizierten Nachbarschaft der Stuck-verzierten Jugendstilhäuser zu den schmucklosen Häusern der Moderne und zum Plattenbau.

Mein Fazit

Ich muss auf jeden Fall noch einmal nach Leipzig kommen. Ich habe längst nicht alles gesehen. Es gibt noch vieles, was ich gern gesehen hätte und gewiss gibt es noch viel zu sehen, von dem ich noch nichts weiß.

Leipzig ist eine sehenswerte Stadt voll Geschichte, sei sie historisch, sei sie kulturell. Warum nach Wien reisen, um die Gräber von Beethoven oder Mozart zu sehen, wenn Leipzig doch quasi direkt vor der Tür liegt. Warum Red Bull trinken, wenn einen die Schönheit einer Stadt beflügeln kann.

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Ein Kommentar

  1. Felix Weise

    Sehr schön, einen so begeisterten Bericht über Leipzig zu lesen. Auf einen Fehler sei hier aber hingewiesen: Die Kirche am Augustusplatz ist nicht die Paulskirche, sondern die Paulinerkirche, bzw. nach Wikipedia offiziell „Universitätskirche St. Pauli“.

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