Teufelsglaube in Bolivien Von Minenarbeitern und frommen Selfies
Teufelsfigur in Bolivien: Coca-Blätter und Alkohol als Geschenk

In Bolivien besichtigt Daniel eine Silbermine, die aus Potosí in der Kolonialzeit die größte Stadt der Welt machte. Auch wenn noch heute Bergbau betrieben wird; blieb und bleibt vom Reichtum nichts übrig. Neben ihrer harten Arbeit unter Tage praktizieren die Bergleute einen magischen Teufelskult. Der Auslandsstudent im Ausland berichtet davon, und was das alles mit frommen Instagram-Selfies zu tun hat.

„Mit dem Silber, dass von Potosí nach Spanien verschifft wurde, hätte man eine Brücke von Bolivien nach Spanien bauen können. Und eine zweite daneben, mit den Knochen der Sklaven“. Drastische Worte zum Einstieg in die Besichtigung der Silberminen in Potosí, die mein Guide Cristiano wählt. Die Minen im Cerro Rico, dem „reichen Hügel“ in der bolivianischen Andenstadt sind noch in Betrieb, ein lebendiges Zeugnis der Kolonialgeschichte. Es wird angenommen, dass seit der Entdeckung 1545 rund acht Millionen Menschen ihr Leben in den Bergen ließen (1).

„Die Spanier kamen mit der Bibel in der linken, dem Schwert in der rechten Hand“, fährt Cristiano fort. Er kennt die Bräuche der Mineros, der Bergarbeiter gut, hat selbst in der Mine gearbeitet, um sein Studium zu finanzieren.

Eingang zu einer Mine in Potosí, Bolivien

Eingang zur Mine: Lama-Blut an den Wänden

Doch zunächst waren es Sklaven aus Afrika, die ab dem Betreten der Mine das Tageslicht nicht mehr sahen und spätestens nach drei Wochen finden sie den Tod;  solange dauerte es, bis die harte Arbeit ohne Pause zum Tod führte. Den Kolonialherren wurde der Import zu kostspielig, man versklavte nun die indigene Bevölkerung (2). Die religiöse Unkenntnis der zwangschristianisierten Sklaven wurde ausgenutzt, um die Arbeitsleistung zu steigern. Am Eingang aufgestellte Teufelsfiguren sollten daran erinnern, dass denen Strafe drohe, die zu wenig Silber zu Tage fördern. Soweit der geschichtliche Hintergrund, der zwar schockiert, aber eher wenig Anlass liefert, in einem Blog für Theologiestudierende ausgebreitet zu werden. Nun entwickelte sich um diese Teufelsfiguren aber ein Kult, der heute so lebendig wie damals ist.

Mein Gott, der Teufel

In jeder Mine findet sich Nahe am Eingang eine Bucht, in der eine Statue des Teufels steht. „Aber niemals wird der Teufel hier diablo oder sátanas genannt, sondern tío, also Onkel“. Beginnt die Schicht – oft sind die Männer mehr als 12 Stunden unter Tage –, steckt man der Teufelsfigur eine Zigarette in den Mund oder spendiert ihr ein paar Coca-Blätter aus dem eigenen Vorrat. Warum?

„Der Teufel ist Herr über die Unterwelt, er gibt die Minerale, Zink und Silber, die Bergleute bitten den Teufel um gute Funde und Schutz vor Unglücken.“ Zweifelnd frage ich, ob diese Bräuche eben zur Tradition gehören, oder ob der Teufel tatsächlich verehrt werde: „Oft sind die neuen Arbeitskräfte 15-, 16-jährige Jungs, die sagen, „Pah, lasst mich mit dem Schwachsinn in Ruhe“. Nach ein paar Wochen merken sie, dass ihnen Unglücke passieren, und die Kollegen bessere Erträge erzielen, also beteiligen sie sich ab dann an den Ritualen“. Wie sehen diese aus?

Teufelsfigur in Bolivien: Coca-Blätter und Alkohol als Geschenk

Teufelsfigur in Bolivien: Coca-Blätter und Alkohol als Geschenk

Opfer und Geschenke an den Tió

„Einmal in der Woche sitzt die Mannschaft um die Statue, man raucht und trinkt und kaut Coca und teilt dies mit dem Teufel, um ihn gnädig zu stimmen. Einmal im Jahr, am Carnival de los Mineros, dem Karneval der Bergleute, werden dann Lamas geopfert und es gibt ein großes Gelage. Wir sind hier nur eine kleine Genossenschaft, da werden nicht mehr als 10 Lamas geopfert, aber es gibt auch reichere Cooperativas, da sind es bis zu 30 Stück. Mit dem Blut bestreicht man dann den Eingang und die Wände der Mine, das Herz und die Innereien bringt man zum Tío und legt es vor der Figur ab“

„Immer wieder gibt es Gerüchte über die reichen Bergleute, diese sollen einen besonderen Pakt mit dem Tío geschlossen haben. Sie laden besoffene Bettler auf ein Bier ein, töten sie und übergeben sie dem Teufel. Für ihn ist das das wertvollste Opfer, deshalb ist er dann großzügiger und die Männer finden mehr Silber“.

Teufelsglaube und Katholizismus

Wo bei den Berichten die Legende anfängt und das tatsächlich Praktizierte aufhört? Schwer zu sagen. Ich hatte bereits von Lama-Opferungen gehört, hielt das aber eher für sensationslüsterne Geschichten, um die indigene Bevölkerung zu verunglimpfen. Cristiano zeigt mir die Blutflecken an den Wänden und am Eingang.

Woran glauben die Bergarbeiter, will ich von ihm wissen? „Draußen sind sie Katholiken, aber unter der Erde ist der Teufel ihr Gott“ – „Glauben sie dann nicht daran, dass der Gott im Himmel mehr Macht hat als der Gott der Unterwelt?“ – „Die katholische Kirche hat viele alte Bräuche aufgenommen, sincretismo. So gehört zu den religiösen Festen meistens auch ein Besäufnis“.

Gerne hätte ich mich darüber mit den Bergarbeitern unterhalten. Aber es ist bereits Nachmittag und Silvester steht vor der Tür, niemand arbeitet mehr. Stattdessen sitzt die Belegschaft am Eingang, trinkt Bier und Hochprozentiges, da will ich nicht stören.

Glauben die Bergleute tatsächlich an die Macht des Teufels? Als den Herrn über die Schätze des Berges, dessen Gunst mit Opfern und Geschenken erworben wird? Wie liesse sich diesem magischen Aberglauben entgegenwirken? Der Besuch in der Mine hinterlässt mich verstört und fragend.

Denn mich macht die Situation der jungen Männer betroffen. Unter denkbar harten Arbeitsbedingungen fördern sie für einen Hungerlohn die Rohstoffe zu Tage, von denen unser technologischer Fortschritt abhängig ist. Ein Besuch auf der anderen Seite der Konsumgesellschaft. Ein Blick ins Gesicht ihrer Opfer, die sich nur durch Alkohol zu helfen wissen. Die eine Lebenserwartung von kaum 40 Jahren haben, weil die harte körperliche Arbeit und die giftigen Gase ihren Tribut fordern.

Der gute Gott und die Hölle auf Erden

Kein Wunder, dass die Theologie der Befreiung quasi um die Ecke entstand. Wie schade aber, dass sich trotzdem so wenig geändert hat. Denn welche Kraft läge in einer Kirche, die einlöst, was das Evangelium verspricht! Die für Befreiung aus ausbeuterischen Verhältnissen streitet, die kostenlose Bildung bietet und so für eine neue Perspektive sorgt, und die durch großzügiges Teilen ihrer Reichtümer die gröbste Not lindert. Wie soll ein Mensch, der die Ungerechtigkeit der Welt so zu spüren bekommt, an den guten, liebenden Gott im Himmel glauben?

So beginne ich, die Attraktivität des Teufels, des Tíos, des Sátanas, zu verstehen. Wer in einer Situation lebt, die eher der Hölle als dem Himmel gleicht, fühlt sich vielleicht dem Herrscher der Unterwelt näher als dem Gott derer, die ihre Selfies auf Instagram mit Bibelversen verzieren und unter Schnappschüsse vom Cappuccino-Milchschaum die Güte des Herrn preisen. Auf Smartphones voller Zutaten aus den Minen der südlichen Welt (4).

Geschrieben auf meinem MacBook™ mit Zinn, Wolfram und Coltan.


  1. menschenhandelheute.net:  Daten und Geschichte zur Zwangsarbeit im spanischen Kolonialreich
  2. Spiegel Geschichte: Ausführlicher Artikel über die Ausbeutung in der Kolonialzeit und die Folgen für die heutigen ehemaligen Kolonien
  3. Süddeutsche: Artikel und Bilder einer Tour durch die Minen
  4. Weitere Links:
    • Film auf 3sat über Rohstoffe in Hightech-Produkten (LINK)
    • „Die dunkle Seite der digitalen Welt“ (Zeit Online)
    • Was mein Smartphone mit Kinderarbeit, Krieg und Selbstmord zu tun hat“ (c-kn.de)
Schlagwörter: , , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.