Gelesen – „Die Hochzeit der Chani Kaufman“ von Eve Harris

Der Titel klingt ein wenig nach Kitsch oder historischem Roman, doch der Inhalt hat erstaunlich wenig von einer Liebesgeschichte und ist auf seine Weise aktuell.

Der Roman spielt im jüdisch-orthodoxem Milieu – mitten im gegenwärtigen London, im Stadtteil Golders Green. Er entführt in eine vollkommen unbekannte, faszinierende Welt und bleibt doch völlig realistisch.

Die junge Chani Kaufmann ist eine von acht Töchtern einer armen, jüdisch-orthodoxen Familie. Lebensziel ist es, wie für alle Frauen in ihrem Umfeld, zu heiraten – insofern ist sie eine ganz gewöhnliche junge Frau. Andererseits ist sie ungewöhnlich clever und neugierig. Sie lebt gerne in ihrer Welt, stellt aber auch manches in Frage und sucht nach Informationen, die ihr Schule und Elternhaus verweigern: Was genau passiert in der Hochzeitsnacht? Wie funktioniert Verhütung?

Baruch, ein 20 jähriger junger Mann, sieht Chani auf einer Hochzeit- schon an sich ein Skandal, Frauen und Männer feiern eigentlich strikt getrennt. Sie gefällt ihm und er möchte sie gerne treffen. Ehen werden in der Welt der beiden aber grundsätzlich arrangiert, also geht er den üblichen Weg, spricht mit seinen Eltern, die über die Heiratsvermittlerin der Gemeinde Kontakt zu Chanis Familie herstellen. Nach einigen wenigen Treffen verloben sich die beiden. Der Roman erzählt die Geschichte von ihrer ersten Begegnung bis zur Hochzeit. Trotz der engen Grenzen ist es eine Geschichte der Selbstbestimmung: Chani und Baruch entscheiden alleine und auch gegen den Widerstand von Baruchs Eltern, dass sie heiraten möchten.

Chani nimmt vor ihrer Hochzeit Unterricht bei der Frau des Rabbiners, die sie über ihre ehelichen Pflichten aufklären soll. In einem zweiten Erzählstrang wird die Geschichte dieser ungewöhnlichen Frau Rivka erzählt: Aus einer relativ säkularen jüdischen Familie stammend geht sie in den 80er Jahren von England aus zum Studium nach Jerusalem, wo sie ihren späteren Mann kennenlernt. Chaim ist ebenfalls ein säkularer Jude, doch gemeinsam entdeckt das Paar mehr und mehr die Faszination tiefer orthodoxer Frömmigkeit.

Sie befolgen nach und nach immer mehr Regeln, Chaim entscheidet sich, Rabbi zu werden. Später kehrt das Paar nach England zurück, sie bekommen drei Kinder. Auch von einem ihrer Söhne, Avromi erzählt der Roman. Avromi studiert an der Uni, kommt in Kontakt mit einer anderen Welt, mit Frauen, Parties und Alkohol. Er bricht zeitweilig aus seinem Milieu aus. Doch auch seine Mutter ist sich nicht mehr sicher, ob sie das einst frei gewählte orthodoxe Leben noch führen möchte.

Kritisch, liebevoll und ehrlich wird von ganz unterschiedlichen Menschen in einer ganz anderen Kultur mitten in der unsrigen erzählt, ohne zu verurteilen und ohne zu beschönigen. Das Buch ist wie eine Reise in ein fernes Land. Es geht um Schicksal und Freiheit, um Selbst – und Fremdbestimmung. Der Roman zeigt viel von jüdisch-orthodoxen Bräuchen und Lebensart, ganz nebenbei und spielerisch, während man den Hauptpersonen auf ihrem Weg folgt.

Die Hochzeit der Chani Kaufman ist der Debütroman von Eve Harris, einer säkularen Jüdin, die mehrere Jahre Lehrerin an einer jüdisch-orthodoxen Mädchenschule war. In deutscher Übersetzung ist das Buch im Diogenes Verlag erschienen. Super für verträumte Sonntagnachmittage oder als Geschenk!


978-3-257-30020-8Die Hochzeit der Chani Kaufman
Eve Harris (Kathrin Bielfeldt, Übersetzung)
Diogenes Verlag
16 €
Link zur Verlagswebsite

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