17. Dezember Was ist Weihnachten?

Dieser Gastbeitrag ist von Stefan.

Was ist Weihnachten?

Es ist wieder Advent! Die herrlich wundersame (und meistens auch wundersam stressige) Adventszeit, die uns zum Kern des Ganzen führt: Weihnachten! So viel Lärm, so viel Aufregung, so viel Kitsch und so viel… Freude. Um was denn eigentlich? Was ist das, was an Weihnachten passiert – oder passiert ist?
Normalerweise würde ich jetzt antworten: „Na klar! Die Geburt Jesu!“ und mit großen süßen, unwiderstehlichen Kinderaugen in den Raum starren. Aber das wäre zu einfach. Und dem scharfsinnigen Theologen auch nicht präzise genug.

Die Geburt Jesu – damit ist ja quasi noch nichts gesagt. „Eine Referenz auf den historischen Jesus – und über den können wir eh nichts aussagen!“[1], schimpft Ernst Käsemann. „Wo bleibt das Kerygma?“, schließt sich Rudolf Bultmann dem Ruf an. Und auch Ernest Renan hebt den Zeigefinger: „So geht die Moral vor die Hunde!“
„Na gut“, seufze ich, „sie haben ja Recht, die großen Denker.“ Aber zufrieden bin ich trotzdem noch nicht. Doch ich bin mir bewusst darüber, dass starke Theorien helfen können, Weihnachten besser zu verstehen. Wie gut, dass das Theologiestudium, wenn man an den richtigen Schrauben dreht, eine Zeitreisemaschine ist!

Und so stürze ich mich auf die Bücher, bis ich über den Schriften Pannenbergs einschlafe – und an seinem Tisch wieder erwache. Müde blinzelnd blicke ich in sein freundliches und gepflegtes Gesicht, während er gerade Tee schlürft. „Was Weihnachten ist?“, Pannenberg lächelt wissend,

„Weihnachten ist der Beginn der gehorsamen Anwesenheit des ewigen und ewig unterschiedenen Sohnes in der Geschichte des irdischen Jesus“

„Das klingt richtig.“, denke ich und im nächsten Moment, „Und weiter?“ Aber noch bevor ich den hochintelligenten Universitätstheologen weiter ausfragen kann, verschwindet er im Nebel meiner Müdigkeit.
Glücklicherweise lichtet sich der Nebel bald, und vor mir steht Karl Barth. Er hat sein keckes Grinsen aufgesetzt. Und während er sich der hochdeutschen Sprache bemüht, beginnt auch er, mich zu belehren:

„Weihnachten ist der Beginn der Offenbarung des alle Zeiten durchdringenden Heilsplans – das endgültige göttliche Ja zur ihn ablehnenden Welt – welcher im Kreuz seine Vollendung findet.“

Ich gerate ins Staunen ob der großen Worte. Und obgleich sie im Nebel nicht leicht zu greifen sind, habe ich ein Gespür dafür, wie viel sie der Bedeutung von Weihnachten herausstellen mögen.
Doch eilig geht die Reise weiter, immer weiter in die Vergangenheit zurück, und gleich schon treffe ich einen, den Barth nur allzu gut gekannt hatte: Schleiermacher. Der lächelt mir friedlich zu und weiß sofort zu ergänzen:

„Weihnachten ist eine entscheidende Ermöglichungsform des Bewusstseins unserer schlechthinnigen Abhängigkeit, welches uns in den Glauben führt.“

„Faszinierend wie wortreich und auch wie verschieden man an Weihnachten herantreten kann!“, denke ich. Und schnell begreife ich, dass hier der Mensch ganz anders in den Fokus gerückt wird. Doch auch Schleiermacher verschwindet im nebligen Schleier und alsbald finde ich mich an einem Hafen wieder.
Wo ich bin? Die Frage beantwortet mir ein netter Herr am Wegesrand: „In Kopenhagen.“ Da steht in Alltagskleidung Sören Kierkegaard und sieht mich mit seinen tiefen, traurigen Augen an. Doch als es um Weihnachten geht, blitzt Freude auf:

„Weihnachten ist das Paradox des Knechtsgestalt gewordenen Gottes, welches uns augenblicklich die Bedingung zur Wahrheit eröffnet, indem es unseren Verstand zum Untergang reizt.“

Noch bevor ich reagieren kann, gibt es einen lauten Knall und ich schrecke hoch. Irgendjemand hat neben mir in der Bibliothek die Bücher fallen lassen. Ich reibe mir die Augen und denke über die Traumreise nach.

Zufrieden zupfe ich mir mein Hemd zurecht. Wenn mich jetzt jemand nach Weihnachten fragt, bin ich bewaffnet mit vielen neuen Worten! Gehorsame Anwesenheit, Ewigkeit, Unterscheidung, Gott in der Geschichte, Offenbarung, Heilsplan, Ermöglichungsform, schlechthinnige Abhängigkeit, Paradox, Knechtsgestalt, Wahrheit, Untergang des Verstandes ­ da soll mir nochmal einer kommen ­ ich bin ein Weihnachtsprofi! Und so schlappe ich siegessicher in die Heidelberger Altstadt hinaus.

Nach kurzer Zeit kommt mir meine Schwester entgegen: „Schau mal, der Weihnachtsmarkt! … Duhu, was ist eigentlich Weihnachten?“ Ich überlege kurz, dann antworte ich: „Die Geburt Jesu.“ Ihre Augen fangen an zu leuchten: „Wir feiern Geburtstag!“ Und alles Wichtige ist gesagt.


[1] Diese und alle weiteren Aussagen von Theologen im Text sind lose an deren Texte angelehnt, vor allem aber von mir konstruierte Summarien. Bei solchen Vergrobungen können die Theologen nicht hinreichend zur Geltung kommen, ich bitte um Nachsicht.

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