15. Dezember Von einem Abend an dem Gott auf einen Champagner vorbei kommt

Heute ein vertontes Gedicht, mehr nicht.

Von einem Abend, an einem durchschnittlichen Tag, an dem Gott auf einen Champagner vorbei kommt.

Am Abend eines durchschnittlichen Tages,
an dem ich mal wieder viel zu viel nachgedacht hatte,
an dem diffuse Hoffnungen, Unsicherheit und Müdigkeit
mich umschwirrten wie eine Horde depressiver Fliegen,
betrat ich angemessen missmutig mein Wohnzimmer,
und sah dort im Schummerlicht Gott sitzen.

Direkt vor dem Kamin,
die Füße entspannt auf dem Hocker,
eine Davidoff-Zigarre im Mund,
eine Flasche Champagner und zwei leere Gläser
direkt vor sich auf dem Tisch.

Ich traute natürlich meinen Augen kaum,
doch, mein Gott, tatsächlich, er war es.
Woher ich das wusste?
Keine Ahnung. Wahrscheinlich, weil sich die Frage nicht stellte.
Und es deshalb auch keinen Zweifel gab.

Gott bedeutete mir freundlich,
mich zu ihm zu setzen.
Ich zögerte nicht.
„Ich habe viel über dich nachgedacht heute“,
sagte ich vorsichtig.

Er lachte nur und sagte:
„Das weiß ich schon!“.
„Und jetzt?“, fragte ich.
„Wir feiern!“, sagte Gott fröhlich,
und hob sogleich das Glas.

„Aber was?“, fragte ich beinahe tonlos.
Was sollte ich feiern?
Dass ich langsam Frieden machte,
mit all den Kriegen,
die hinter und sicher noch vor mir lagen?
Ich glaube das, was mich eigentlich tieftraurig stimmte,
war die Ahnung, dass es aus dem Krieg einfach kein Entkommen gab.
Mir war also nicht wirklich nach Party.

Gott war davon allerdings ganz unbeeindruckt.
„Wir feiern, dass du dem Himmel heute ein ganzes Stück näher gekommen bist“, sagte er.
Da lachte er, und nahm einen tiefen Zug von seiner edlen Zigarre.
„Für mich fühlt es sich eher an,
als sei ich heute meilenweit in die falsche Richtung gegangen“,
sagte ich leise.

„Glaubst du wirklich,
dass man in einem Kreis in die falsche Richtung gehen kann?“
fragte Gott und kicherte.
Kein Spruch, er kicherte wirklich.
Irgendwie nahm mir das die Lust zum diskutieren,
und das fühlte sich gut an.
Ein bisschen wie Absolution, Amnestie.
Allem, was er sagte und nicht sagte,
haftete der liebliche Duft von Gnade an.
„Entspann dich, Sohn“, sagte er.

Und dann schenkte er uns ein Glas nach dem anderen ein,
und wir tranken zwei Flaschen des kostbaren Tropfens,
und feixten, und erzählten die ganze Nacht Geschichten,
und lachten bisweilen so heftig, dass Gott sich vor Schmerzen den Bauch halten musste.

Ich lachte ebenfalls und spürte immer wieder Tränen auf meinem Gesicht.
Die meisten davon waren vom Lachen,
ein paar andere waren aber auch dabei:
Rührung, Trauer, Erleichterung.
Insgesamt fühlte es sich an wie die Tränen der Freiheit
eines zu lebenslänglichem Leben Verurteilten.

Erst in den frühen Morgenstunden gingen wir wieder auseinander.
Ich holte Gott noch einen Pullover von oben,
denn draußen war es kalt geworden
und ich wollte nicht, dass er auf dem Heimweg friert.
Er zog ihn an, umarmte mich und ging.

Achja, und dann wär ich übrigens noch beinahe die Treppe herunter gefallen,
aber es war weniger der Alkohol und mehr der Segen des Moments,
der mir zu Kopf gestiegen war,
aber sicher kann ich da nicht sein.

Und nachdem Gott gegangen war,
und ich mich etwas sortiert hatte,
schaute ich oben aus dem Fenster,
ob ich ihm vielleicht noch ein Weilchen nachsehen könnte.
Aber obgleich es eigentlich eine sternenklare Nacht war,
ging das nicht.

Ich verstand nicht recht.
Alles, was ich schemenhaft erkennen konnte
war seine unbeleuchtete, ausgelassen tanzende,
schliesslich ganz plötzlich und vollkommen in der Finsternis verschwindende Silhouette.

Ich schaute in den Himmel und suchte die Sterne,
und kaum zu glauben,
aber Gott hatte sie einfach ausgeknipst.
Und ich dachte, es stimmt,
man kann ihn natürlich nur dann sehen,
wenn er es will.

Aber sein Lachen, dieses wunderbare, befreiende Lachen,
das konnte ich noch sehr lange aus der Entfernung hören.

Warum hatte ich ihn eigentlich nicht gebeten, zu bleiben?
Warum bat ich ihn nie, einfach zu bleiben.
Er war mir ja nicht das erste Mal begegnet.
Merkwürdig.

Aber dieses Lachen, mein Gott,
dieses ansteckende Lachen!
Irgendwie hallt es noch in mir nach,
als wäre es gar nicht wirklich von außen gekommen,
sondern von innen,
aus einem gedankenlosen Land in mir,
das mir wie Zuhause vorkommt,
und in das ich, trotz dieses furchtbaren, chronischen Heimwehs,
viel zu selten reise.

Jens Böttcher – Wie ich eines Abends mit Gott Champagner trank
aus dem Album Anklagend Schweigend Rosenrot.

 

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