Moment mal: Faulheit

Da sitzt man da, in dieser unglaublich ruhigen Adventszeit zuhause am Kaminfeuer. Jeder ist am rennen: Weihnachtseinkäufe erledigen, Adventskalender basteln, lange nicht gesehene Freunde besuchen, Geburtstag feiern – so türmt sich der Dezember auf wie ein Ungeheuer. Und man ist zugebombt mit allen möglichen Feierlichkeiten und Familienstreitigkeiten. Adventsfeier hier, Adventsfeier dort. Weihnachtsmarkt hier, Weihnachtsmarkt dort. Geschenke hier, Geschenke dort. Tausende Lichter brennen, und irgendwann ist doch der letzte Funke Geschmeidigkeit vergangen. Da klopft auch schon der nächste Bekannte an der Tür und den will man natürlich nicht im Regen stehen lassen – ja der Klimawandel, wie wir ihn hassen – und bittet ihn herein, muss ja sein.

Man hat ihn sich gar nicht so genau angeschaut, den Mantel abgenommen, und ist in die Küche verschwunden. Dort staut sich der Wasserdampf des Tees an, den man gerade aufgesetzt hatte, als man ein Klicken und Krachen, aus dem Wohnzimmer hört. Nanu-Nana? Was das wohl war, was hier meine Ruhe stört? Ehe man sich versieht, steht der Mann auch schon neben einem und ergreift das Smartphone, welches man kurz zuvor auf den Küchentisch gelegt hatte und verschwindet so plötzlich, wie er auch gekommen war. Zurück bleibt Argwohn.

Völlig verdattert bringt man also den Tee und das Gedeck ins Wohnzimmer und da fällt einem schier das Tablett aus der Hand. Hängt da so ein unförmiger Kasten mit Schloss an der Wand. Daneben der vermeintlich Bekannte und doch so verwandte – grinsend. Was hat er sich nun da schon wieder ausgedacht und wo ist eigentlich mein Smartphone? Ich wollte doch noch der Lola auf Whatsapp schreiben, ob sie lieber die blauen oder gelben Blumen zum 5. Hochzeitstag am 5. Dezember will.

„Entschleunigung“ steht da auf einmal im Raum. Es kommt mir vor wie in einem Traum. Hat er das gerade wirklich gesagt? Oder hat mich wieder irgendsolch Sorge geplagt? Hätte ich gewagt etwas zu sagen? Oder zeige ich wieder mal, mit nur einem kleinen Seufzer mein Klagen. Der Gute Mann tut was er tun kann, weil da für ihn eine große tiefe Wahrheit dran. Doch für mich kleinen gemeinen Mann ist diese scheinbar unverständlich. ‚Ist doch alles gut, ich wollte ja nur eben noch schnell, weil es ja gerade im Sonderangebot‘ … „Stille“, im Zimmer. ‚Wie auch immer, ich muss ja eigentlich auch gerade gehen, um nach einem gescheiten Baum zu sehen‘. Der Mann lässt nicht locker und setzt sich auf den Hocker:
„Ich bin die Faulheit und die wohnt jetzt hier!“ – Achso? Dann ist das wohl so. Aber eigentlich, wenn man es sich mal so überlegt ist die ja gar nicht mal so übel. Sie bewahrt einem auf jeden Fall, vor dem Übel sich zu überarbeiten oder seinen Horizont zu überdehnen, aber andererseits steht man dann voll und ganz im Moment. Moment, ich wollte doch eigentlich… nein. Das kann warten. Oh. Heute ist ja zufällig Sonntag. Da haben die Läden ja sowieso gar nicht auf! So ein Zufall aber auch. Stattdessen gehe ich in die Küche und schnippel den Lauch, den mir die Oma letzte Woche mitgegeben, und der große Mann rührt schon mal den Rest der Suppe an. Weil das ja zur Weihnachtzeit passt.

Gemeinsam sitzt man am Essenstisch und genießt – ganz frisch – die köstlich warme Speise, auf einer einzigartigen Reise. Eine Reise durchs Leben, die sich auf jeden Fall nicht von alleine geht und weder geprägt von Hektik oder Faulheit und konfuser Dialektik ist, sondern mich versteht. Versteht so wie ich bin, wenn ich mal nicht weiter kann und auch nicht weiter muss. Wenn ich mich wie eine Nuss, auf die Couch lege und dem Nichts-Tun nachgebe oder aber, wie ein aufgescheuchter Gockel herumflattre und mit meinen Ideen alle damit beschenkten Freunde verdattere! ‚Einfach geben‘, das ist die Devise, die gibt einem das Leben, im Leben, zum leben (hier ist es egal ob man Leben groß oder klein schreibt). Und wie wir ja wissen: Beim Leben-geben, da kann es nur einen geben, dessen größtes Bestreben – glaube ich – ist, dass wir leben.

Der große Mann steht auf. Zurück lässt er ein Päckchen mit der „24“ drauf. Sieht verdächtig, wie ein Schlüssel aus…

– Johannes 10,10 „Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

 

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