#heimkommen Mehr als Weihnachtssentimentalität?
Grafik: Heye Jensen - CC BY-SA 3.0

Die Unibibliothek ist am späten Nachmittag recht gemütlich, wenn es draußen dunkel ist und regnet. Ich schreibe an einer dieser Hausarbeiten, die nie fertig zu werden scheinen und informiere mich zwischendurch in regelmäßigen Abständen, ob gerade wieder etwas Wichtiges passiert ist in der Welt. Facebook ist da eine nicht zu unterschätzende Informationsquelle. Und tatsächlich: Eine ehemalige Klassenkameradin, mit der ich schon zu Schulzeiten so gut wie nix zu tun hatte, hat ein Video mit „gefällt mir“ markiert. Es ist die neue Werbung von Edeka und da ich Edekawerbung zugegebener Maßen immer recht lustig finde, krame ich meine Kopfhörer hervor und schaue mir das Video an.

Und dann sitze ich tatsächlich mit Tränen in den Augen vor meinem Laptop und versuche angestrengt, nicht noch weiter in Weihnachtssentimentalität zu versinken, sondern halbwegs wie eine in ihre Arbeit vertiefte Studentin zu wirken. Die Werbung hat funktioniert und den Kommentaren bei Youtube nach zu urteilen, nicht nur bei mir. Ein paar Momente lang träume ich noch von den bevorstehenden weihnachtlichen Familientreffen vor mich hin. Bis die Wohlfühlstimmung plötzlich von Ärger unterbrochen wird: Stehen wir nicht im Moment vor größeren Problemen, als entfremdeten Familien? Müssen wir nicht gerade jetzt über den engsten Verwandtenkreis hinausdenken an all die Menschen, die zu uns fliehen? Und was um Himmels Willen sind das für Kinder, die erst aus der Traueranzeige erfahren, dass ihr Vater gestorben ist? Wundern die sich nicht, wer die Anzeigen gedruckt hat?

Die letzten beiden Fragen wird man mit dem Hinweis auf die Dramaturgie des Clips großzügig beantworten müssen. Realistischer kann man die Handlung in ein paar Sekunden wahrscheinlich nicht darstellen. Und die Traueranzeige kann ja auch symbolisch als Nachricht über den Tod des Vaters bzw. Opas gedeutet werden. Bleiben also die ersten Fragen. Doch bevor ich weiter darüber grübeln kann, kommen mir zwei ganz andere Assoziationen in den Sinn.

Zunächst ist da meine Hausarbeit, für die ich unter anderem Eberhard Jüngel lese und zwar in Bezug auf sein Verständnis des Todes. Für Jüngel ist der Tod die absolute Verhältnislosigkeit. Das Ende aller Beziehungen zu Welt, anderen Menschen und sich selbst. Und man merke: Genügend Beziehungen zerbrechen auch schon zu Lebzeiten, sei es durch Streit, Vernachlässigung, rücksichtsloses Streben nach Selbstverwirklichung oder ähnliches. Genau an solchen Stellen hält der Tod bereits Einzug ins Leben. Der Edeka-Opa stirbt in diesem Sinne mit dem Einschlafen der Beziehungen zu seinen Kindern und Enkeln. Und die Traueranzeige offenbart letzteren, dass der Tod sich auch schon in ihre Leben eingeschlichen hat. Also eine Werbung, die durchaus theologisch interessante Gedankengänge zulässt.

Zum anderen ist da ein Film, den ich vor kurzem gesehen habe: The Game. Und schon, dass ich ihn in diesem Zusammenhang überhaupt erwähne, verrät wahrscheinlich schon zu viel für alle, die ihn noch nicht kennen. Also nur ganz kurz: Ein reicher und reichlich egozentrischer Investmentbanker erhält eine Einladung zu einem mysteriösen Spiel, das immer mehr mit seinem realen Leben zu verschmelzen und sich zu einer großangelegten Verschwörung auszuweiten scheint. Am Ende fragt sich der Zuschauer vielleicht: Kann Manipulation etwas Gutes bewirken? Ebenso geht die Frage an Edeka: Wie weit kann man gehen, um andere davor zu bewahren, schlechte Menschen zu werden? Bis zum Vortäuschen des eigenen Todes? Und funktioniert das dann wirklich so einfach? Also eine Werbung, die durchaus hintergründige Fragen aufwirft.

Und trotzdem stört mich immer noch, wie die Familie so übertrieben erfolgreich, normal und (abgesehen von der Entfremdung) ohne jegliche Macken dargestellt wird. Zu typisch Werbung. Wenn der Opa schon für so viele bei Edeka eingekauft hat, dann hätte er wenigstens noch ein paar andere Einsame mit einladen können. Ein bisschen mehr Willkommenskultur über die engste Familie hinaus hätte nun keinem geschadet. Hat Weihnachten nicht viel damit zu tun, in der Fremde ein Zuhause oder zumindest Aufnahme zu finden? Also heimzukommen in einem weiteren Sinne? Aber gut, irgendwo muss man anfangen. Meinetwegen auch in der Vorzeigefamilie. Denn letztendlich kommt es darauf an, auch in den großen Katastrophen die kleinen Lieblosigkeiten nicht zu übersehen. Und wenn Edeka mit ein bisschen Weihnachtssentimentalität dazu beitragen kann, schön. Die ersten Youtube-Nutzer fangen bereits an umzudenken: „germans have feelings… ??? omg…“.

Am 5. Dezember schrieb auch Paul über das Video und seine Ansichten dazu im Adventskalender:
„#heimkommen“. Die Utopien der Adventszeit

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