Gebenedeit sei die Jungfrau des Rosenkranzes! Zu Besuch bei katholischen Geschwistern

Als Undercover-Protestant in Peru besuche ich regelmäßig die Veranstaltungen meiner Glaubensgeschwister. Manchmal verstehe ich dabei nur die Hälfte, aber meine Erlebnisse teile ich trotzdem mit. Heute aus der katholischen Iglesia San Pedro.

Schon seit Tagen schmückt sich das Viertel: Palmzweige an den Türen, flatternde Fahnen für die Heilige Jungrau des Rosenkranzes, bunte Teelichter säumen die Straße. Als ich vor die Tür trete, um Empanadas kaufen zu gehen, zieht mich sanfte Musik zur katholischen Kirche des Viertels.

Dort drängt sich bereits eine bunte Menschenmenge um die Tür und füllt den Vorplatz. Alle versuchen, einen Blick ins Innere des vollgestopften Kirchenschiffs zu erhaschen, oder – noch besser – mit dem Smartphone ein Foto von der Zeremonie zu schiessen. Neugierig frage ich mich, warum an einem Donnerstagabend mehr Menschen zur Kirche strömen, als diese fassen kann. Was gibt es hier zu sehen?

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Viel Gold und viel Grau: gefeiert wird das Fest der Virgen del Rosario

Ich sehe bekannte Gesichter in der Menge; die Obsthändlerin, mit der ich mich täglich um den Preis der Avocado streite, um dann doch lachend zu viel zu zahlen; der Bettler, der nur noch ein Bein hat. Daneben stehen Männer in Anzügen und Teenage-Girls in High Heels und Hot Pants. Auch wenn der Rückhalt der katholischen Kirche in Südamerika bröckelt, ihre Vielfalt bleibt das schönste Merkmal der Volkskirche.

Ich bin wohl spät dran, Gebet wechselt sich ab mit ruhigen Gesängen. Die Liturgie scheint bekannt zu sein, immer wieder antwortet die Freiluft-Gemeinde auf das, was aus dem Innenraum kommt. Gebenedeit sei die Jungfrau Maria, Gottesmutter. Gesegnet sei Papa Francesco… Der Segen wird gesprochen, danach reicht man sich die Hände und wünscht sich per Küsschen oder Handschlag Paz, Frieden. Ich fühle mich plötzlich verbunden mit der Gemeinde, es berührt mich, gemeinsam mit der bunten Menge das Vaterunser zu beten. Seit drei Monaten habe ich keinen Gottesdienst besucht, sieht man von der Hare-Krishna-Zeremonie ab, in die man mich mit einer kostenlosen Mahlzeit lockte.

Und dann passiert, was zu befürchten war: Einladung zum Abendmahl, zur Cena del Señor. Darf ich als Protestant teilnehmen? Fragt man nach meiner Konfession, schließt man mich aus? Was würde James Bond tun, um nicht aufzufliegen? Fragen rasen mir durch den Kopf, als der Priester bereits an der Kirchentüre angelangt, bei uns Menschen auf dem Vorplatz. Mein Puls beschleunigt sich, Schweißperlen auf der Stirn, obwohl die Nacht in den Anden kühl ist. Doch meine Sorgen lösen sich in Luft auf, als der Priester drei Hostien an die Umstehenden verteilt, um sich dann winkend wieder ins Innere der Kirche zurückzieht. Die Greise, die auf den Bänken sitzen, die Jugendlichen, die neugierig am Rand stehen, sie haben keine Chance auf das Abendmahl.

Nun ist der Gottesdienst vorbei, die Kirchgänger strömen dem Mann mit dem großen goldenen Hut hinterher, hinaus auf die Straße, das Fußvolk drängelt in die Kirche, um die ausgestellte Virgen de Rosario, die Rosenkranzjungfrau zu begutachten. Ich stelle mich in die Schlange, erwarte etwas Besonderes. An der Jungfrauen-Figur angekommen, gibt es drei Möglichkeiten: ihr Geld zu Füßen legen, ein Foto zu machen oder ihre Hand zu küssen. Ein junger Mann hat einen Blumenkranz ergattert, um den sich jetzt zwei würdig-graue Damen zanken. „Der heilige Kranz gehört mir“, schallt es durch das Schiff. Ich verlasse die prächtig geschmückte Kirche, habe Hunger, schließlich wollte ich bereits vor einer Stunde essen gehen. Aber ich komme nicht weit, denn draußen werden Teigtaschen, Cupcakes und Punsch angeboten, die Gemeinde steht plaudernd in der Nacht und bestaunt das Feuerwerk.

Das Fest der Jungfrau vom Rosenkranz findet in meinem Viertel jährlich statt, eine Woche voller Messen, Tänze und Prozessionen. Auch sonst ist das katholische Kirchenjahr hier prall gefüllt, aber scheinbar gefällt das den Gläubigen. Noch immer erreicht die katholische Kirche breite Gesellschaftsschichten Perus, rund 80%. Dennoch verzeichnen die Pfingstkirchen in Südamerika stetigen Zulauf und großes Wachstum. Den Katholiken werden bunte Feste mit Tanz und Feuerwerk geboten, Mahlzeiten und Prozessionen. Was ist es, das die Menschen in den pfingstlerischen, charismatischen Gemeinden suchen, was gibt es dort? Davon muss ich mir bald ein Bild machen!

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2 Kommentare anzeigen

  1. MHK

    (1) Gold und Grau? (vgl. Bildunterschrift) Wohl eher Gold und Weiß: die Farben des Wappens des Vatikans, wie sie bei allen großen Festen gehistet werden, z.B. Ostern oder Fronleichnam.

    (2) Und auch dass Protestanten nicht an der Kommunion teilnehmen dürfen, kann so pauschal nicht gesagt werden, wenngleich leider der verlinkte Artikel da auch nicht sehr hilfreich ist. Wer das Sakramentenverständnis der katholischen Kirche teilt (d.h. zu dem »Amen« sagt, was im Hochgebet gebetet wird (Stichwort: Lex orandi – lex credendi – lex bene operandi)), darf an der Kommunion teilnehmen. Denn: Vom Tisch des Herrn wird niemand zurückgewiesen.

    • Danke für deine fachkundige Antwort!
      Zu 1: Das Wappen ist tatsächlich nicht grau, aber es gibt eine Menge graue Haare in der Menge.
      Zu 2: In der Tat hatte (und habe) ich wenig Wissen über die Voraussetzungen zur Teilnahme an der Eucharistie. Deshalb behauptet dieser Artikel auch nicht pauschal, dass Protestanten nicht an der Eucharistie-Feier teilnehmen dürfen, vielmehr formuliere ich die Fragen, die ich als Unwissender während der Feier habe. Falls du mir einen Link mit hilfreichen (und zutreffenden) Informationen zur Abendmahl- oder Eucharistiepraxis hast, würde ich mich darüber freuen.

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