Rammsteins theologische Erfrischungen
Rammstein beim Wacken Open Air 2013. Foto: Jonas Rogowski (CC BY-SA 3.0)

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass zwischen dem letzten April- und dem ersten Maiwochenende die Zeit der feierlichen Eheschließungen – auch Hochzeiten genannt – beginnt. Die Argumente dafür liegen auf der Hand: Frühlingsbeginn und der Start in ein neues Leben passen zueinander wie die Faust aufs Auge. Hochzeiten sind  Zeremonien, bei welcher Menschen „ungestraft“ ihren wildesten Kitsch-Fantasien nachkommen dürfen. Was mit harmlos wirkenden Tischkärtchen oder einer Kutschfahrt beginnt, endet meist mit Silbermond – Ich habe einen Schatz gefunden. Über Geschmack lässt sich streiten. Das Schlagersternchen Tanja Hewer −Michelle genannt −  sprach in der Satireshow „Willkommen Österreich“ über ihre Vorliebe für die Band Rammstein und sprach folgenden bemerkenswerten Satz:

Außerdem ist es völlig egal in welcher Sprache du singst und was für Musik – es dreht sich immer alles um Liebe. […] „Bück dich“ ist ja auch ne Art von Liebe.¹

 

Man lerne nun von dieser Frau, tue genau das was sie „gemeint haben könnte“ und spiele bei der nächstbesten Hochzeit das Lied Bück dich von Rammstein. Ich wäre sehr daran interessiert, wie eine Hochzeitsgemeinde auf Textpassagen wie den „Zweibeiner auf allen vieren“ oder auf „dein Gesicht ist mir egal“ reagiert. Aber Scherz beiseite – dem Phänomen Liebe in Rammsteintexten wollte ich etwas genauer nachgehen und es stellte sich dabei tatsächlich heraus, dass Liebe als eines der tragenden, textlichen Elemente herausinterpretiert werden kann.

Er liebt die Knaben aus dem Chor
Sie halten ihre Seelen rein

Doch Sorgen macht ihm der Tenor

So muss er ihm am nächsten sein.

Hört man diese Zeilen aus dem Lied Halleluja(h), so denkt man mit hoher Wahrscheinlichkeit erst beim zweiten Mal an Liebe. Gehen wir an dieser Stelle trotzdem weiter dem Phänomen Liebe nach. Dabei stoße ich auf das durchwegs schwierige Unterfangen, Liebe überhaupt einmal zu definieren. Liebe kann sich vom einfachen mögen bis hin zum krankhaften Begehren (krankhafte Liebe) erstrecken. Rammstein widmet sich meist eher der pervertierten Eigenliebe, der krankhaften, narzisstischen Selbstliebe. Selbst das Lied Heirate mich − für den Ahnungslosen mag es ja romantisch klingen − besingt in lyrischer Schöne nichts anderes als Nekrophilie:

Mit meinen Händen grab ich tief
zu finden was ich so vermisst
und als der Mond im schönsten Kleid
hab deinen kalten Mund geküsst […]
So nehm ich was noch übrig ist
die Nacht ist heiss und wir sind nackt
zum Fluch der Hahn den Morgen grüsst
ich hab den Kopf ihm abgehackt.

Die verkommene Welt

Im Lied Feuer frei spielt die Liebe meines Erachtens nach eine unbedeutende Rolle, aber welche Rockband singt denn schon ausschließlich von Liebe? An dieser Stelle muss ich Michelle widersprechen und festhalten, dass sich nicht alles „nur“ um die Liebe dreht. Vielmehr besingt Rammstein eine verkommene, von Gott abgefallene Welt. Eine Welt, die unversöhnt und ungeliebt bleibt und sich nicht selbst aus sich befreien kann (vgl. hinsehen.net). Damit öffnet Rammstein – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – aber eine Türe hin zu einem großen theologischen Kernthema: die Erlösung des Menschen durch die Liebe Gottes. In Herzleid schneidet Till Lindemann (besonders ab Minute 2:30) diese Thematik überdeutlich an:

Theologische Frage

Ich kenne kaum einen anderen Begriff, der mir im Theologiestudium so häufig untergekommen ist wie die Liebe. Meist wird dabei die αγαπη (Nächstenliebe/Feindesliebe) behandelt, also die göttliche oder die von Gott inspirierte Liebe. Der Terminus der reinen Liebe Gottes wird − so meine Erfahrung − aber leider oft mit einer Liebe frei von Widersprüchen verwechselt. Denn der Widerspruch dieser Liebe Gottes zu den Menschen offenbart sich schlechthin mit der Kreuzigung des Gottessohnes. Viele meiner Bekannten können mit dieser Art von Liebe nichts anfangen, da sie das Kreuzigungsgeschehen vorrangig mit Blut, Pein und menschlicher Grausamkeit konnotieren. Ähnlich verhält es sich bei der Geschichte Hiobs, der (Beinahe-) Opferung Isaaks und bei anderen (ähnlichen) biblischen Geschichten. Möglicherweise hat die Theologie an dieser Stelle etwas wichtiges verlernt, möglicherweise suggeriert sie (unbewusst) das Bild einer „unbefleckten“ Gottesliebe, welche die Menschen mit ihrem persönlichen Leben nicht in Einklang bringen können. Vielleicht sollte an dieser Stelle mit in Betracht gezogen werden, dass Gottes Liebe durchaus, gerade wenn man die Kreuzigung Jesu betrachtet, etwas mit hart und dreckig zu tun haben könnte.

Ich vermisse des Öfteren, neben dem gelehrten oder suggerierten Bild der bloßen positivistischen Gottesliebe, die „leidende Liebe Gottes“, welche die Lieblosigkeit überwindet.² Diese leidende Liebe Gottes wird  durch Rammsteintexte für den Zuhörenden fassbar: Gerade diese lyrisch besungene Lieblosigkeit kann überwunden werden. Beim Lauschen der Texte ertappe ich mich oft selbst dabei, um wie viel mächtiger mir dadurch eine alles überwindende Liebe erscheint.


  1. Der Sendungsabschnitt mit Michelle ist auf youtube nachzusehen, ab Minute 9.
  2. TRE 21, S. 171
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