Das Jüngste Gericht am Kloster von Voroneț, Rumänien

Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben steht, nach ihren Werken. – Joh 20,12

Ich weiß, ihr habt diese Woche bei Gernot schon etwas über Darstellungen des Jüngsten Gerichtes gelesen. Er hat euch Bilder von Hieronymus Bosch und Michelangelo Buonarroti beschrieben. Zwei sehr schöne, aber sehr westlich geprägte Werke – zumindest im Vergleich zu der Ikone, die ich euch heute vorstellen will. Es handelt sich um die rumänisch-orthodoxe Ikone des Jüngsten Gerichtes, wie ich sie an und in mehreren Klöstern in sehr ähnlicher Form gefunden habe. Sie ziert meist die Westwand über oder neben dem (Haupt-)Eingang in den Kirchraum.

Speziell habe ich die Westwand des Klosters Voroneț ausgewählt. Das Kloster befindet sich im Nordosten Rumäniens, in der Gegend Bukowina im Bezirk Suceava (nur falls ihr in einer Karte nachschauen wollt). Es wurde im Jahr 1488 eingeweiht. Unter anderem wegen seiner zahlreichen, zum Großteil sehr gut erhaltenen originalen Außenfresken wird es in der Liste der UNESCO-Weltkulturerben geführt – gerade auch wegen der die gesamte Westwand einnehmenden Ikone des Jüngsten Gerichtes.

Gesamtansicht der Westseite des Klosters Voroneț

Gesamtansicht der Westseite des Klosters Voroneț

Wenn man sich das Bild einmal im Gesamten ansieht, fällt sofort die Dualität auf, die das Bild prägt: auf der linken Seite Heil, auf der rechten Unheil.

SAMSUNG CAMERA PICTURES
Die trennende Achse bildet die Trinität, bestehend aus (von oben nach unten) Gott-Vater, Gott-Sohn auf dem Richterstuhl und dem Heiligen Geist als Taube auf dem Thron.
Darunter hält die Hand Gottes die Waage, die von Dämonen und Engeln mit Sünden und Heilstaten des dort wartenden, zu richtenden Menschen beladen werden. Während die Engel dabei fair handeln, versuchen die Dämonen, noch weitere Sünden auf die Waage zu schmuggeln, werden jedoch mit Speeren daran gehindert.

An Christi Füßen (auf dem Ausschnitt relativ schlecht zu sehen) entspringt der Fluss in die Verdammnis. Er bringt die Sünder weg vom Paradies, hin vermutlich zum Teufel. Sein Gesicht, sowie die der Dämonen, ist auf solchen Fresken-Ikonen häufig von Gläubigern zerkratzt worden, sofern sie sie erreichen konnten. So wird, laut Legende, ihre Macht auf Erden geschmählert.

Folgt man dem Strom von Jesu Füßen abwärts fällt auf Höhe des Heiligen Geistes auf der rechten Seite eine SAMSUNG CAMERA PICTURESFigur mit Nimbus (= Heiligenschein) und einer Schriftrolle auf. Sie weist eine dahinter stehende Gruppe von Männern ziemlich eindringlich auf Christus hin. Es handelt sich hierbei um Mose, der den Israeliten bereits durch das alttestamentliche Gesetz und Schrifttum das Heil in Christus zeigt. Da sie jedoch nicht auf ihn hören, sind sie bereits verdammt.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Direkt unter dieser Szenerie wird der Betrachter Zeuge der Auferstehung der Toten: Ein Engel weckt sie mit der Trompete und sie verlassen einer nach der anderen ihre Gräber.

Die im Moment des Gerichtes versterbenden Seelen SAMSUNG CAMERA PICTURESwerden am Grund der Bildmitte aufgenommen. Je nach dem ob es sich um Sünder oder Gerechte handelt, kümmert sich entweder ein Dämon oder ein Engel darum, der Seele den angemessenen Weg zu weisen. Das ganze wird von David auf seiner Laute begleitet.

SAMSUNG CAMERA PICTURES

Links neben dieser Szene wartet die Schar der Heiligen auf Einlass in das Paradies, in dem bereits die Urväter Abraham, Isaak und Jakob warten. Den Schlüssel dafür hat Petrus (vgl. Mt 16,19). Er führt die Schar auch im Fresko an. Hinter ihm stehen die anderen Apostel. Sie fallen durch den andersfarbigen Nimbus auf, der nicht golden sondern rotbraun gefärbt ist. Als Begleiter Christi kommt ihnen die Ehre zu, als erste das Himmelreich zu betreten.

Ich finde diese Darstellung des Jüngsten Gerichtes ungeheuer faszinierend! Das liegt vor allem daran, dass sie alles irgendwie unterbringt, was ich mit dem Gericht am Weltende verbinde. Gleichzeitig weist die Ikone eine große Liebe zum Detail auf, der ich in meiner Beschreibung gar nicht gerecht werden konnte.
Aber vielleicht fällt dir ja noch etwas auf?


Das Foto habe ich im Juli 2015 auf meiner Rumänienreise gemacht. Ihm habe ich auch die Detailausschnitte entnommen.

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.