Momentaufnahme vom Jüngsten Gericht

Ein Gewimmel nackter Leiber. Dürre, sehnige Körper ineinander verschränkt, von Lanzen und Pfeilen durchbohrt, vor Schrecken erstarrte Gesichter. Hilflosigkeit, Schmerz und Verzweiflung ballen sich auf kleinstem Raum. Sündiges Treiben, das in der Übertreibung der Perversion zur Qual wird. Dazwischen Dämonen, grässliche Figuren, entstellt und doch mit Zügen, die menschlichen auffällig ähneln. Ein Auflauf von Gestalten, zerstörten Gebäuden und seltsamen Maschinerien, der auf den ersten Blick erschlagend wirkt.

Hieronymus Bosch, Das Jüngste Gericht, etwa 1482-1516, Öl auf Holz, 163x247 cm, Wien, Akademie der Bildenden Künste Wien (gemeinfrei).

Hieronymus Bosch, Das Jüngste Gericht, etwa 1482-1516, Öl auf Holz, 163×247 cm, Wien, Akademie der Bildenden Künste Wien (gemeinfrei).

Es dauert einen Moment, bis einzelne Details in den Vordergrund treten: Eine Alte mit krötenhaftem Körper begießt einen jungen Mann mit siedendem Öl. Daneben brät eine beleibte Frau mit Amphibienbeinen, die unter ihrem Rock hervorschauen, einen Menschen in einer Pfanne, seine Augen voller Panik, den Mund leicht zum Schrei geöffnet. Neben der Pfanne liegen zwei Eier. Die höllischen Herrscharen sind alptraumhafte Kreaturen, teils Insekten, teils Tier, schräg-faszinierend und abschreckend zugleich. Die Erde, über die sie hergefallen sind, ist lebensfeindlich, trist und nicht mehr als nackter Stein und niedergebrannte Ruinen – ihrer Heimat der Hölle darin ganz gleich geworden. In einer ätherischen Blase aus blauem Licht sitzt der Weltenrichter auf einem doppelten Regenbogen über diesem Geschehen, distanziert, so, als würde ihn das alles gar nicht recht etwas angehen. Umringt von zwölf Fürbitte haltenden Männern in bunten Gewändern, hocken ihm Maria und Johannes im Nacken, dazu noch links und rechts Engel, die unentwegt Posaunen blasen. Von Geretteten erstmal keine Spur, dafür eine überwältigende Masse derer, die verdammt sind.


Michelangelo_Buonarroti_-_Il_Giudizio_Universale

Ein anderer Ort, ein anderes Weltgericht. Ebenso ein Gewimmel nackter Leiber. Ebenso Schrecken, Angst, Dämonen und höllische Pein. Ebenso ein Strudel aus Körpern, aus Masse. Jedoch: ein anderer Schauplatz. Irdische und höllische Gefilde sind nur eine Randerscheinung, nicht mehr als ein grüner Grasstreifen, die kommende Hölle nichts als eine düster erleuchtete Gewitterwolke. Die eigentliche Bühne für das epische Geschehen ist der Himmel; sanftes Blau mit flauschigen Wolken, auf denen es eng wird, denn hier tummeln sich Heilige neben Geretteten. Gesunde Körper, muskulös und wohlproportioniert, nur spärlich bekleidet, richten sich nach dem Zentrum des Geschehens aus. Von allen Seiten umringt steht der Weltenrichter auf einer Wolke, neben sich Maria, die eher den Eindruck erweckt, von dem Trubel recht irritiert zu sein, hebt er den rechten Arm – abwehrend, befehlend? Unter ihm auf einer Wolke werden enthusiastisch Posaunen geblasen – ohne die geht nichts beim Jüngsten Tag. Links werden die Gerechten in himmlische Sphären entrückt – recht pragmatisch, denn es wird derb an Armen und Händen gezerrt. Hauptsache, man ist auf der richtigen Seite. Auf der falschen Seite, der linken, geht’s nach Unten, da kennen Dämonen keine Gnade mit Verdammten.


Ein Thema, zwei Ausgestaltungen und Interpretationen – zwei von unzähligen Darstellungen der bildenden Kunst zum Jüngsten Tag. Die absurd-verschreckende und zugleich packende düstere Endstimmung als ewige Qual hat Hieronymus Bosch (um 1450 bis 1516) auf ein Altarbild gebannt. Ein Altarbild in jeder Hinsicht im überdimensionalen Sinne ist auch das Wandfresko von Michelangelo (1475 – 1564), unbestritten eines der berühmtesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Und die hellen, freundlichen Farben, attraktiven Körper und flauschigen Wolken täuschen nicht darüber hinweg, dass hier gerichtet, gerettet und verworfen wird.

Die Ausgestaltung des Jüngsten Tags könnte unterschiedlicher nicht sein, doch eint eines beide Bilder: das Gericht geschieht auf der Bildebene, wird dargestellt, bleibt aber nicht für sich. Es tritt heraus aus der rein bildlichen Dimension. Zugleich bleibt der Betrachter nicht Außenstehender, er wird mitten ins Geschehen hineingezogen. Überwältigt, zum einen durch die reine Darstellung von Qual und Schmerz, zum anderen aber auch durch die dargestellten Konsequenzen der Lebensführung, die sich am Ende der Tage abspielen. Dennoch bleibt es nicht allein beim kognitiven Nachvollzug des Dargestellten, der räumlichen und zeitlichen Distanz zum Weltgericht – der Betrachter wird auf sein Innerstes verwiesen: Bewusstwerdung körperlicher Nichtigkeit, Erschütterung der Seele bis ins Mark, eine Gewissenserforschung, die zwar das Dasein als Sünder erkennt, zugleich jedoch unfähig ist, selbst zum Subjekt des Handelns zu werden und homo incurvatus in se ipsum bleiben muss. Er befindet sich jetzt schon vor dem Richterstuhl. Heizt die Alte schon das Feuer und sucht nach ihrer Pfanne? Oder reckt sich ein kräftiger Arm aus einer Wolke herab?

Der Ausgang des Gerichts vollzieht sich noch nicht, in dieser Hinsicht bleibt es Illustration, Vorschau kommender Ereignisse. Während es zutiefst erschüttert, verweist es ebenso deutlich auf das Medium der Erlösung: hell und sich vom düsteren Umfeld abhebend schwebt Christus über dem Weltuntergangsszenario bei Bosch. Michelangelo stellt nicht allein Christus in die Mitte des Treibens, sondern fügt auch die Passionssymbole Kreuz, Dornenkrone und Säule hinzu – der Mensch muss sich zum Opfer Christi wenden. Im liturgischen Handeln geschieht das durch das Bekennen des Glaubens, Evangelium und Sakrament, „so wir glauben, daß Christus für uns gelitten hat, und daß uns um seinetwillen die Sünde vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird.“ (CA IV) Während der Betrachter räumlich vor Gewimmel und Strudels aus Leibern steht, wird das Gericht innerlich erlebt, aber nicht vorweggenommen, und zugleich sind im liturgischen Vollzug Zeichen und Zeugnis des göttlichen Willens leibhaft erfahrbar.[1] Diese Altarbilder – und das gilt nicht allein für die Werke von Bosch und Michelangelo – sind weder schmückende Zier im Kirchenraum noch Horrorszenario des Untergangs und Freude an Qual und Verzweiflung. Sie haben theologische Aussage und frömmigkeitspraktische Bedeutung, darüber hinaus ist ihrem Wesen als Kunstwerk einen Zugang zum Menschen zu eigen, der sich zwischen Ästhetik und Leiblichkeit, zwischen Intellekt und Sinnlichkeit bewegt und auf Wege wirken kann, die nachzuvollziehen und zu beschreiben oft schwerlich möglich sind. Über die Zeit hinweg und durch sie hindurch handeln sie am Menschen. Ob es nun die absurden Gehilfen der Hölle sind oder Engel mit Bizeps, entspringt der künstlerischen Freiheit – und sicherlich auch den Vorlieben des Betrachters.


Hieronymus Bosch, Das Jüngste Gericht, etwa 1482-1516, Öl auf Holz, 163×247 cm, Wien, Akademie der Bildenden Künste Wien.

Michelangelo Buonarroti, Das Jüngste Gericht, 1536-1541, Fresko, 1,370×1,220cm, Rom, Sixtinische Kapelle.

[1] Das gilt jedenfalls, wenn sich Altarbilder in einer Kirche befinden. Im Museum könnte es Probleme mit einem liturgischen Vollzug geben und irgendwie scheint das auch nicht recht angemessen. Museen sind einmalige Orte der Kunst, die viele Möglichkeiten bieten, Kunst zu erleben und sich ihr zu öffnen, Kunstwerke zu präsentieren und auch durch Zusammenstellung neue Sinnzusammenhänge eröffnen können. Aber dennoch sind beispielsweise Altarbilder im Museum in gewisser Weise deplatziert, denn sie sind ihrem ursprünglichen räumlichen Sinnzusammenhang entrissen.

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