Moment mal: Die ersten Wochen "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne"

„Reisen, nach Münster ziehen und dort katholische Theologie studieren.“ So habe ich vor einem halben Jahr die obligatorische Frage in der Abiturzeitung beantwortet und jetzt sitze ich hier. 700 Kilometer von meiner Familie und meinen langjährigen Freundinnen und Freunden entfernt und studiere katholische Theologie. Nach einem Monat lässt sich gewiss kein erstes Fazit ziehen, das wird mir wahrscheinlich auch während der kommenden fünf Jahre nicht vollständig gelingen.

Die erste Zeit als Studentin war bunt und voller Überraschungen: ein unerwarteter Raumwechsel mündet dann schnell in einen Radsprint durch die Stadt, nach zwei Folien Präsentation im Seminar ist eine Diskussion entbrannt, die den Rest der Zeit für sich beansprucht. Hier einen Vergleich zur Schule zu ziehen macht wenig Sinn, so viel ist anders. Was vorher zwei Stunden pro Woche beanspruchte, nimmt nun meine gesamte Woche ein, reißt auch bei gemeinsamen Mittagessen und Abenden mit meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen nicht ab. Während sich in den Tischgesprächen und im gemeinsamen Alltag individuelles Vorwissen mit noch viel individuelleren Glaubensvorstellungen und Erfahrungen mischt, ist der Zugang zur Religion in den Vorlesungen und Seminaren wie erwartet und erhofft sehr rational und systematisch: Im exegetischen Proseminar der historisch-kritische Zugang zum Alten Testament, in der systematischen Theologie der Blick auf die Anthropologie und in der praktischen Theologie die Grundlagen dessen, was im Religionsunterricht jahrelang zur Anwendung gekommen ist, endlich verstehen lernen.

Zwischen allen Texten, Lektüren, Diskussionen und übersetzen Bibelstellen taucht sie dann aber doch immer wieder auf, die Frage nach dem, was ich meinen Glauben nenne: Wie ist das jetzt? Wie bringe ich das alles zusammen, was ich lerne? Warum habe ich bestimmte Dinge bisher immer genau so gemacht und nicht anders? Und was ist Glauben eigentlich? Mit schnellen Schritten raus aus dem, was vom Kinderglauben noch übrig war. Vieles, was bisher selbstverständlich war, hinterfrage ich mehr als zuvor. Manches kann ich jetzt schon bejahen, manches passt nicht mehr zusammen. Was vorher schon reflektiert war, wird mit jeder Vorlesung neu hinterfragt und erscheint wieder in einem neuen Licht.

Diesen Prozess der Veränderung nur auf die vielen Wochenstunden des Theologiestudierens zu „schieben“ wäre aber trotzdem kurzsichtig: Nicht wenige Denkanstöße resultieren aus den Tischgesprächen, den gemeinsamen Abenden und Zwischenpausen. Innerhalb weniger Wochen ist aus einem kleinen Raum voller Erstis eine Gemeinschaft geworden, in der Themen zur Sprache kommen, die (zumindest bei mir) vorher nie ein großes Gesprächsthema mit Gleichaltrigen waren. Das alles passiert so offen, ehrlich und respektvoll, dass die 700 Kilometer fast vergessen scheinen.

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Ein Kommentar

  1. Wie schön! Gerade denke ich, wieder zurück an den Anfang des Theologiestudiums zu sehnen ist wie sich wünschen, nochmal Herr der Ringe zum ersten Mal lesen zu können: wunderbare Vorstellung. Leider unmöglich, zuviel passiert.
    Du wirst viel viel Freude haben!
    Nur eines: Lass nicht alles von deinem Kinderglauben hinter dir. Tatsächlich ist er es oft, der dich in schwierigen Zeiten trösten wird. oder Gott, durch ihn.

    Lieber Gruß,
    M

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