Lesenswert #27 – Das alte Leid

Anfang der Woche tagte in Bremen wieder einmal die EKD-Synode. Neben wichtigen Stellungnahmen – u.a. zum Rechtsextremismus und der Situation der Flüchtlinge – stand vor allem die Wahl des neuen Rates der EKD auf der Tagesordnung. Auf Probleme mit der Kandidatenliste wurde im Vorfeld der Synode schon hingewiesen. So gerieten die mangelnde Vertretung Ostdeutschlands und vor allem die mangelnde Repräsentanz junger Menschen in den Fokus.

Sie reden von Jugend, aber sie wollen sie nicht

Und dann passierte, was viele schon befürchtet hatten. Der einzige junge Kandidat, Ingo Dachwitz, wurde nicht in den Rat gewählt. Auch im 8. Wahlgang erhielt er nicht die notwendigen Stimmen, gar nur so wenige, dass er nach dem Wahlgang erschöpft und sicher auch desillusioniert das Handtuch warf. Doch es geht nicht um Ingo, sondern darum, dass sich der Rat hier eine Perspektive auf die Arbeit der EKD erspart, die eben das genaue Gegenteil auch seiner Zusammensetzung ist: jung, digital, mit deutlichen Anfragen an die bestehende Kirche.

Diese Perspektive ist im neuen Rat der EKD schlecht vertreten. Kein Ratsmitglied ist unter 40, jüngstes Ratsmitglied ist Jacob Joussen (geb. 1971). Nach der offensichtlichen Ablehnung von Dachwitz – Indiz dafür ist auch der im Vergleich verhaltene Applaus, den er nach seinem Rückzug bekam – muss sich die Synode fragen lassen, ob sie sich den Herausforderungen der Gegenwart ernsthaft stellen will. Als Aufbruch in die Zukunft kann man diese Ratswahl jedenfalls nicht verstehen.

Protestantische Systemfehler

Martin Horstmann (schon einmal hier auf theologiestudierende.de) weist in seiner Analyse der Synode auf eingebaute – und absichtsvolle? – Fehler im System hin. Mit diesem weiten Blick rückt er die Nichtwahl der Jugend in die richtige Perspektive: Sie ist sowohl Symptom als auch Ursache vieler Probleme, die sich der Protestantismus hierzulande selber macht.

Vielleicht ist es daher sogar gut, dass kein “Vertreter der jüngeren Generation” in den Rat gewählt worden ist. Nicht nur, weil die Person dann der Quoten-Jugendliche wäre (jedenfalls de facto, rhetorisch natürlich nicht!). Sondern weil die Synode ganz einfach zeigt, wie sie funktioniert. Und sie hat genauso funktioniert, wie sie angelegt ist. […] Mir geht es gar nicht darum, ob ein “Jüngerer” in den Rat gewählt wird oder nicht. Mir geht es darum, den nachfolgenden Generationen mehr Gewicht zukommen zu lassen. Dass eine Institution, die in einer religiösen Tradition steht, sich generationaler Wirkungen sehr wohl bewusst zu sein (“bis ins siebte Glied” etc…), hier keinen Modus hat, ist wirklich tragisch.

Mit der Kraft des Glaubens – und der Argumente

Auf der Synode wurde auch der bisherige EKD-Ratsvorsitzende, Heinrich Bedford-Strohm, im Amt bestätigt. Er ist ein Glücksfall für die Evangelische Kirche, meint nicht nur Wolfgang Thielmann in seiner Lobeshymne auf ZEITonline.

In den Jahren nach 2017 müssen sich die Kirchen darauf einstellen, dass sie schneller als bisher Mitglieder und Finanzkraft verlieren. Wenn die Generation der Babyboomer in den Ruhestand tritt und keine Kirchensteuer mehr zahlt, wird es eng. Dann drohen Resignation und Rückzug. Bedford-Strohm hält dagegen: Auch eine kleinere Kirche kann Begeisterung verbreiten und öffentlich ihre Stimme erheben. Dafür lebt er seinen Glauben und seine unverwüstliche Fröhlichkeit öffentlich. Das zeigen Videos auf YouTube. Ebenso leidenschaftlich, wie er Theologe ist und in Berlin vorspricht, zieht er den Talar aus, nimmt seine Geige und trifft sich zur Jam-Session mit Jazzmusikern.

Mir ist zwar nicht ganz klar, ob die von Thielmann geforderte „Einigkeit der Protestanten“ durch die Wiederwahl Bedford-Strohms tatsächlich befördert wird, noch ob es sich bei dieser Einigkeit überhaupt um ein erstrebenswertes Ziel handelt, doch mit dem Bischof aus Bayern hat die EKD ein theologisch versiertes, freundliches Gesicht an ihrer Spitze, dessen Träger sich in den nächsten sechs Jahren hoffentlich nicht damit begnügen wird, Aushängeschild einer feiertrunkenen (bis 2017) bzw. depressiven (ab 2017) evangelischen Christenheit in Deutschland zu sein. Gelobt wird Bedford-Strohms Musikalität, die er beim Jammen unter Beweis stellt. In diesem Sinne: Herr Bischof, das ist erst der Auftakt!

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