Stille halten – Herzeleid Mutmaßlicher Anschlag auf Weihnachtsmarkt in Berlin

Am Montagabend ist ein LKW in einen Berliner Weihnachtsmarkt gefahren. Nach Polizeiangaben wurden 12 Personen getötet, 48 zum Teil schwer Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht. Die Polizei geht von einer vorsätzlichen Tat aus. Die Vermutung, es handele sich um einen Terroranschlag, konnte bisher nicht bestätigt werden. Für Dienstag 13 Uhr werden Presseerklärungen der Polizei und des Regierenden Bürgermeisters erwartet. Auf ZEITonline kannst Du lesen, welche Informationen zum gegenwärtigen Zeitpunkt als gesichert gelten können.

Wir bitten unsere Leser_innen darum, ungesicherten und gefährlichen Meldungen in den Sozialen Medien keinen Raum zu geben. Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und den vielen Nothelfern.

Untenstehend findet ihr einen Text, der anlässlich der Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 erschienen ist. Wir bringen ihn heute nochmals, weil es in ihm vor allem um unseren Umgang mit der Angst geht. Ob es sich bei der Katastrophe in Berlin ebenfalls um einen Terroranschlag handelt, ist weiterhin unklar.

Die Redaktion

 


Herzeleid – Wider die Angst?

In der Nacht wurde Paris von schlimmen Anschlägen heimgesucht. Vieles, ja fast alles bleibt bisher unklar. Wer genau führte die todbringenden Angriffe durch, und warum? Wie wird Paris, ganz Europa auf die Anschläge reagieren? Und da sind auch die Fragen, die nach diesen Anschlägen offen bleiben werden, wie sie nach noch jedem Terroranschlag, jedem Akt wütender Gewalt offen bleiben: Woher der Hass, der Menschen einander töten lässt? Wie umgehen mit der Angst, die der Terror erneut in das Herz Europas trägt? Welche Mächte und Gewalten sind am Werk?

Wenn alles gut geht, dann werden Präsidenten und Premierminister und auch die Kanzlerin sagen, dass sich Europa auch von diesen Anschlägen keine Angst machen lässt. Ich warte auf diese Aussagen, die doch vor allem Affirmation sind. Sie sollen Solidarität und Zusammenwirken begründen und in ihnen steckt eine gewaltige Menge Trotz und Widerstandsgeist – alles Eigenschaften, von denen unser Kontinent mehr, viel mehr nötig hat. Aber sie werden nicht stimmen. Jedenfalls nicht in dem Sinne, als dass sie eine zutreffende Beschreibung unserer Realität sind.

Nicht nur die Menschen in Paris haben Angst. Wir werden diese Anschläge an alle Orte mitnehmen, an denen sich viele Menschen versammeln – sei es ein Fußballstadion, eine Demonstration oder nur das Café um die Ecke. Ich weiß nicht, ob sich die Bedrohungslage wirklich verschlimmert hat. Ich glaube aber, dass die unterschwellige Angst uns in den Gliedern sitzt.

Zu dieser meiner Angst gehört auch die Angst unserer muslimischen Mitbürger, dass sich die Angst in Ausgrenzung verkehrt, dass der Terror der Wenigen die Ressentiments und die Wut der Vielen schürt. Dass er damit sein Ziel erreicht.

Solidarität und Trotz sind es, die wir bereits zu Beginn dieses Jahres an den Parisern und ein wenig ja auch an uns selbst bewundert haben. Gute, vielleicht die besten Regungen, zu denen Menschen fähig sind. Doch Solidarität kann, wenn sie sich nur aus Angst speist, umschlagen in Ab- und Ausgrenzung, und Trotz sich verkehren in Wut und Vergeltung.

Deshalb sollten wir die Angst nicht verschweigen und verdrängen. Sie liegt am Grunde meiner Empfindungen. Sie zu verleugnen, würde nur bedeuten, uns die wahren Beweggründe unseres Denkens und Handelns nicht einzugestehen.

Ja, die Attentäter von Paris, aller Terror, wollen uns Angst machen. Und es scheint logisch, ihnen nicht durch öffentliche Bekundungen derselben Recht zu geben. Doch indem wir uns unsere Angst eingestehen, setzen wir nicht die Terroristen ins Recht, sondern uns angegriffene Menschen. Die eigene Angst mitzuteilen, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern eines der Stärke. Es kündet davon, dass wir fühlen können – Angst und Mitleid und Trost. Als Menschen sind wir angreifbar, doch darin liegt keine Schwäche, sondern unsere eigentliche Stärke.

Wenn wir unsere Angst und unser Mitleid zeigen, dann machen wir Türen auf, wie die Menschen in Paris, die verängstigte Bürger in ihre Wohnungen einließen (#PorteOuverte). Denn in der Gemeinschaft unterschiedlicher Menschen werden wir Trost finden. Gemeinschaft, zu der wir erst in der Lage sind, weil wir unsere Angst und unser Mitleid auch in den Augen und Umarmungen anderer Menschen wiederfinden.

In Zeiten der Angst ist es gut und richtig, dass wir angreifbare Menschen beieinander Trost suchen und finden werden. Ich suche diesen Trost auch in meiner Glaubenstradition und finde ein Bibelwort (Daniel 10, 18-19), das ich mir im Herzen behalten will:

Da rührte mich abermals der an, der aussah wie ein Mensch, und stärkte mich und sprach: Fürchte dich nicht, du von Gott Geliebter! Friede sei mit dir! Sei getrost, sei getrost! Und als er mit mir redete, ermannte ich mich und sprach: Mein Herr, rede; denn du hast mich gestärkt.

 

Schlagwörter: , , , ,