Fremdling

Sie sitzen im Kreis. Sie, die über das Meer gekommen sind. Die Narben ihrer Seele in braunen Augen rot auf ihren Armen. Verbrannt, vertrieben, verzweifelt. Ihre Augen: Hoffnung, Angst, Alles, Nichts.

Sie sitzen im Kreis. Sie gehören zusammen. Nicht, weil sie aus dem gleichen Land geflohen sind, sondern, weil sie nur sich haben.

Seine Familie ist in Ägypten. Zehn Tage ohne Schlaf. Brot. Wasser.

Flucht ohne Ziel.

Ziel ohne Ankunft.

Ankunft ohne Willkommen.

Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken.

Sie sitzen im Kreis. Einer sieht zu ihr herüber. Steht auf „Kannst du singen?“

Langsam, gebrochen. Kannst du singen?

Er spricht ein paar Silben. Sie spricht nach.

Langsam, vorsichtig. Fremde Klänge auf vertrauter Zunge.

Ist das syrisch?

Arabisch.

Er spricht noch einmal. Sie spricht. Sie sprechen gemeinsam. Leise singt er ihr vor.

Janna.

Der Klang fesselt die Frage nach der Bedeutung. Nicht alle Töne haben ihren Platz. Aber er singt. Bannt sie.

Die anderen aus dem Kreis stimmen ein. Nicken ihr aufmunternd zu.

Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch

Sie tritt näher.

Vorsichtig bewegt sie die Lippen.

Märchenhaft fremder Klang. Sie versucht, ihn zu empfinden. Arabisch mit deutschem Akzent.

Sie lachen. Leises Licht in Ascheaugen.

Einer fragt: Wie heißt du? Lachend sprechen sie ihren Namen nach. Wie alt? Woher?

Plötzlich wollen sie alle. Reden. Aber nicht über sich. Nicht über das, was ihre Seelen verbrannte. Sie erzählt, beantwortet, aber stellt keine Fragen. Sieht die Angst. Ein Löwe im zu kleinen Käfig der Zurückhaltung.
Sie ist fremd unter fremden im eigenen Land.

denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.

Einer steht auf, nimmt sie an die Hand. Eins-Zwei-Drei-Vier. Fünf. Sechs. Drehen im Kreis.

Plötzlich wollen sie alle. Ihre Hand, mit ihr Tanzen.

Sie drehen sich im Kreis.

Mit ihnen Fremd unter Fremden im eigenen Land.

Ich will nicht sagen, dass sie sie versteht.

Sie heißen sie in Ihrer Mitte willkommen.

Obwohl sie nicht willkommen sind.

Fremd unter Fremden im eigenen Land.

Eine von denen bei ihnen.

Sie lachen noch viel an diesem Abend. Sie versteht nicht alles. Sie verstehen auch nicht alles. Aber sie tanzen, singen, lachen.

Am nächsten Tag trifft sie sie im Flur. Sie lächeln.

Khalid nimmt sie in den Arm.

und du sollst ihn lieben wie dich selbst

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