Moment mal: Ich wünsche mir keine menschliche Welt

Da ist es wieder: „Diese Welt braucht mehr Menschlichkeit. – Seid doch mal menschlich!“ Und ich denk mir nur: „Nee! Menschliche Welt haben wir doch schon.“

Gerade in der aktuellen Flüchtlingskrise hört man Sätze wie die oben genannten immer wieder. Wenn ich die Leute richtig verstehe, denken sie dabei an Dinge wie Hilfsbereitschaft, Liebe, Barmherzigkeit oder kurz: gutes Verhalten.

Wenn ich mir dann aber die Menschen angucke – mich, meine Familie, meine Freunde, meine Nachbarn, die Menschen in meiner Stadt und in den Nachrichten – dann sehe ich auch ganz andere Eigenschaften des Menschen. Menschlich ist es zu lieben und zu hassen, zu helfen und zu zerstören, gutes zu tun und schlechtes zu tun. Denn nicht nur Mutter Theresa war ein Mensch, sondern auch Adolf Hitler.

Der Mensch ist nicht nur gut, menschliches Handeln ist nicht nur gut. „Gut ist nur einer“, sagte Jesus einmal, „Gott“. Also lasst uns das Menschlich-Sein nicht vergöttlichen!

Nein, ich wünsche mir keine menschlichere Welt. Eine menschliche Welt, die haben wir schon. Ich wünsche mir Barmherzigkeit, Liebe, Vergebung.

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6 Kommentare anzeigen

  1. Christopher

    Hallo!
    Vielen Dank für deinen Impuls! Genau das habe ich auch öfters gedacht. In dem Zusammenhang finde ich auch den Begriff „Humanität“ bzw „human“ schwierig. Hört man ja auch im Studium öfters bei sozialethischen Fragen.
    Da muss man eigentlich schon ein extrem positives Menschenbild haben.

  2. Christian

    Die im Artikel zitierten Äußerungen über „Menschlichkeit“ sitzen dem selben Missverständnis auf, wie der Autor selbst: Dass Menschlichkeit sich am Verhalten des Menschen bemessen würde. Menschlichkeit wird theologisch aber an Christus festgemacht. Er ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Menschlichkeit zeigt sich also in der Person Jesu Christi und seinem Umgang mit der Welt. Deswegen brauchen wir sehr wohl (wahre) Menschlichkeit!

  3. Ich würde Christian zustimmen, aber untheo(-christo-)logisch formulieren, da es glaube ich so auch in der Geschichte des Humanismus getan wurde: Der Begriff „Menschlichkeit“ oder „Humanität“ bezieht sich auf die guten Aspekte des Menschen, spricht also von einem Ideal. Und ich denke, das ist auch in der heutigen Wahrnehmung der Fall. Andernfalls würde ja auch zum Beispiel eine Rede von der „Unmenschlichkeit“ gar keinen Sinn ergeben.

  4. Wolf-Dieter Steinmann

    Wenn diese Argumentation sinnvoll wäre, wäre es dann nicht auch konsequent auf den Begriff „Menschenrechte“ zu verzichten?
    Oder auf den Begriff „christlich“ (was ist im Namen unserer Religion schon geschehen und geschieht noch ?) oder auf „Liebe“ und ihre Ableitungen. Was haben „liebevolle“ Menschen im Namen ihrer Liebe anderen nicht schon alles angetan.
    Oder müssten dann (wir) TheologInnen nicht auf „Gott“ verzichten?
    Aber wem wäre damit gedient und vor allem was wäre gewonnen?

    ME ist „Menschlichkeit“ (und auch die anderen Worte) als Begriff deshalb sehr sinnvoll und unverzichtbar, weil er als „Regulative Idee“ zu verstehen und vor allem auch zu füllen ist.
    Und weil – wenn man inhaltlich füllt, was „menschlich“ ist – im streitbaren Diskurs zu unterscheiden versucht, was denn Menschlichkeit und was Unmenschlichkeit ist.

  5. Schön, dass der Artikel ein paar Rekationen hervorruft, das ist doch schonmal nett.

    @Christian: Wenn „Menschlichkeit“ sich quasi a priori an Christus ausrichten würde, dann könnten nicht Gläubige Menschen diese Begrifflichkeit ja kaum verwenden. Wenn man aber in die Medien schaut, so taucht er ständig auf. Und auch die Herkunft dürfte wohl eher im „Humanismus“ liegen, als im Christentum.
    Aber egal ob mit deiner Defintion, an Christus ausgerichtet, oder mit einem weltlich „humanen“ Verständnis, so steckt doch darin ein Ideal, was ich an sich gut finde, aber für mich wenig mit dem Begriff Menschlichkeit zu tun hat, da ich darin ein äußerst verkürztes Menschenbild sehe.
    Übrigens kritisiere ich genau das, was du meinst, was mein Missverständnis sei. Nämlich, dass sich der Begriff Menschlichkeit, so wie er landläufig verwendet wird, gerade nicht an dem Verhalten des realen Menschen bemisst. (Oder bin ich etwa kein Mensch mehr bzw. Verhalte mich etwa nicht menschlich, wenn ich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wäre?)
    Ich bleibe dabei, die Verwendung suggeriert: „Eigentlich“ ist der Mensch doch nur gut. (Neben der meiner Erfahrung spricht auch Gen 8,21 dagegen.)
    Und mit meinem Verweis auf Barmherzigkeit, Liebe und Vergebung fühle ich mich gerade bei Jesus Christus in guter Gesellschaft.

    @Fm: Genau das ist ja mein Kritikpunkt, da ich das als stark verkürztes Menschenbild empfinde.

    @Wolf-Dieter: Gerne denke ich über diese Kritik nach. Den Begriff „christlich“ finde ich sowieso total panne, wie er in der normalen Welt verwendet wird. Da kann der Dalai Lama durchaus schonmal christlicher sein, als der Papst. Mit Christus hat die Verwendung von christlich oft wenig zu tun. (Auch wenn ich nicht glaube, dass der Papst alles so macht, wie Jesus Christus es gemacht hätte.) Deshalb bin ich auch mit der Verwendung durchaus vorsichtig.
    Bei „Gott“ und „Menschenrechten“ geht es mir spontan aber ganz anders. Darauf würde ich nicht verzichten. Ich kann es auf Anhieb nicht genau sagen, aber die Begriffe scheinen mir adäquat(er) verwendet zu werden. (Auch wenn es natürlich unterschiedliche Gottesvorstellungen gibt.) Das, was damit im alltäglichen Gebrauch verbunden wird, scheint mir mehr zu der Buchstabenkombination, also dem Wort selbst, zu passen. Auch wenn um das genaue Verständnis natürlich gestritten werden muss.

  6. Noch ein Nachtrag zu Christian: Ich finde ja gerade, dass sich der Begriff Menschlichkeit an dem realen Verhalten des Menschen orientieren sollte(!), da er sonst falsches suggeriert.

    Und wenn sich Menschlichkeit in der Person Jesu Christi zeigt, sollte man dann nicht versuchen eher den Begriff Christlichkeit o.ä. neu zu buchstabieren und stattdessen zu verwenden? Wäre das nicht zumindest theoretisch eine viel sinnvollere Verwendung? Vielleicht könnten wir so auch wieder den Glauben an Christus als (Kraft-)Quelle für genau dieses Verhalten, welches ich allein aus meinem Mensch-Sein heraus nicht leisten kann – was m.E. aber der Begriff „Menschlichkeit“ suggeriert – bezeugen.

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