… und er träumte von streitlustigen Besen
Foto: Peter Schmelzle (CC-BY-SA 3.0)

Die Kerzen flackerten in einem sachten Windhauch. Langsam stand er von dem harten Holzstuhl auf und spürte, wie sich Muskeln und Sehnen in seinem Rücken unter schmerzhaftem Protest aus Verspannungen lösten. Es dauerte lang bis er gerade stehen konnte. In den letzten Stunden war es merklich kühler geworden im Raum, die verschlafene Wärme dieser lauen Juninacht fand ihren Weg nicht herein. Also schritt er im Zimmer auf und ab und rieb sich die Hände bis sie nicht mehr fahl und eisig waren, sondern wieder rosig. Die Finger seiner rechten Hand waren übersät von Tintenflecken und nicht weniger verspannt als der Rücken. Manchmal, wenn er seine Hände ansah, fragte er sich, ob ein Leben als aufrichtiger Handwerker nicht doch erstrebenswert gewesen wäre. Als Schmied oder Zimmermann jeden Morgen das Tagewerk beginnen, hart arbeiten und dann am Abend zufrieden ins Bett fallen – aber er wusste, dass es ein naives Bild war, viel zu idealisiert. Genau deswegen war es so nichtig, darüber nachzudenken, was hätte sein können. Denn er dachte zu viel. Seine Gedanken ruhten nie. Immer war er wissensdurstig, wollte den Dingen auf den Grund gehen, denen hier auf Erden, aber auch denen am und im Himmel. Texte, Sprachen, Philosophie und dann sogar Theologie wurden zu seinen Gefährten, mit ihnen umgab er sich Tag und Nacht. Und diese Hände waren dazu gemacht, zu schreiben, was seine Gedanken hervorbrachten, nicht, um Waffen oder Stühle herzustellen. Und diese Gedanken brachten alles, was bisher auf festen Fundamenten zu stehen schien, ins Wanken. Zuerst erzitterte Wittenberg unter der Wucht der Neuheit, dann wurde Rom von den Schwingungen getroffen und plötzlich war ganz Europa dabei, zu zerbrechen – sich neu zu formieren.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Er setzte sich wieder und stütze den Kopf in die Hände. Bücherstapel, unzählige Papiere und Pergamentbögen, Tintenfässer und Federn, die Bibel – sein ganzer Stolz, selbst wenn er es nicht offen zugeben wollte: die Heilige Schrift in seiner Muttersprache, deren Übersetzung ohne ihn nie so Gestalt hätte gewinnen können – stapelten sich ohne erkennbares System auf dem Tisch. Abbild seiner Überlegungen und Empfindungen, die in den letzten Monaten ebenso zu einem großen Chaos geworden waren? Dabei mochte er System doch so gerne, sie machten alles einfacher, logischer, nachvollziehbarer. Es war wie mit Sprachen, es gab Regeln, nach denen die Grammatik funktionierte, nach denen Deklinationen sich richteten, Regeln, die es unerlässlich machten, dass die Kombination von Buchstaben zu Worten wurde, die zu Sätzen wurden, die zu Sinn wurden, zu Argument, zu Lehre, zum Ausdruck der ewigen Wahrheit, die schon war, bevor die Schöpfung wurde. Impulsive Polemik, grobe Pöbelei und argumentative Unschärfe waren seine Sache nicht. Leisetreter hatten sie ihn deswegen genannt. Er schmunzelte als er daran dachte. Wer in der ersten Reihe stand, der musste sein wie ein Fels in der Meeresbrandung, es aushalten, wenn die steten Angriffe und offene Feindschaft, sogar der Bann einen trafen. Aber in der zweiten Reihe, da war man etwas sicherer. Und in der Lage, zu denken, wirklich und wahrhaftig zu denken und zu schreiben, frei von persönlicher Befindlichkeit und dem Druck auf alle Aktionen der Gegner reagieren zu müssen. Er war gern der Leisetreter, denn darin war er gut.

Lustlos schob er einige Bögen Papier hin und her. Korrespondenzen. Formulierungshinweise. Theologische Argumente. Wichtige Gedankenblitze. Standpunkte der Gegner, die geschwächt werden sollten. Artikel, die nach irgendwelchen Orten benannt wurden. Artikel, die nach irgendwelchen Gesprächen entstanden waren. Es war jetzt schon alles sehr unübersichtlich, wie sollte es erst sein, wenn zukünftige Generationen darauf zurückblicken würden? Aber warum an die ferne Zukunft denken, wenn die Unmittelbare energisches Handeln erforderte? Er wusste, dass die Druckerpressen nicht mehr stillstanden. Wenig stand still in der letzten Zeit. Angriff folgte auf Verteidigung, Konterschlag auf Gegenposition – er unterbrach seinen Gedankengang, da ihm auffiel, dass er keine ausreichende Kenntnis von der Sprache des Gefechts hatte, um das Bild angemessen zu Ende zu führen.

Er war müde. Nicht nur in dieser Nacht, deren Ende sich am Horizont in sachtem Rosé und warmen Goldgelb bereits abzeichnete. Jede Diskussion sollte irgendwann enden, jeder Lehrdisput kam irgendwann zu einem abschließenden Punkt, da sich die Parteien entweder einigten oder wenigstens anerkannten, dass es Unterschiede gab. Vor einigen Jahren dachte er, es wäre einfach, zu einem Konsens zu kommen. Wer Christus hat, hat alles und kann alles. Was gab es da noch im Kern zu diskutieren? Aber jeder Stein innerhalb der Theologie wurde umgedreht, geprüft, in Frage gestellt. Nichts war mehr greifbar in seiner Bedeutung, nicht einmal das kleine Wörtchen e s t ! Er wusste gar nicht mehr, wie oft er schon mit den verschiedensten Diskussionspartnern über Gott, den Sohn Gottes, die Rechtfertigung, die Sakramente, die Kirche, Ämter, Werke und Glauben diskutiert hatte. Die Standpunkte bewegten sich nicht mehr, alles war starr und die Spannung kaum noch auszuhalten. Sein Blick fiel auf die Papiere, mit dem er sich diese Nacht beschäftigt hatte. Er überflog es, schaute auf die Worte, aber füllte sie nicht mit Inhalt, denn er hatte schon länger verinnerlicht, was sie aussagten:

Unus Christus, vere Deus et vere homo … quod homines non possint iustificari coram Deo propriis viribus, meritis aut operibus, sed gratis iustificentur propter Christum per fidem … una sancta ecclesia perpetuo mansura sit … Si quid in hac confessione desiderabitur, parati sumus latiorem informationem, Deo volente, iuxta scripturas exhibere.

Plötzlich war die Müdigkeit von ihm abgefallen. Er sah, was er geschrieben hatte als wäre es das erste Mal. Seine Hand zitterte leicht, da er über das Papier strich. Das konnte das Ende all der Diskussionen sein. Vor ihm lag die Verdichtung all dessen, was seit mehr als zehn Jahren diskutiert wurde. Das war die Struktur für die Zukunft, das war ihre Lehrgrundlage, ihr Bekenntnis! Aufregung erfasste ihn und für einen kurzen Moment durchfuhr ihn eine mitreißende Woge unbeschreiblicher Gewissheit, dass das, was Luther vor einigen Jahren mit seinen Thesen begonnen hatte, hier in Augsburg seinen Höhepunkt erfahren sollte.

So schnell wie diese Stimmung ihn überkommen hatte, verschwand sie auch wieder. Ein schwacher Nachhall von ihr blieb und ging einher mit tiefer Erschöpfung. Gedankenverloren rieb er sich die Augen und lächelte leicht, im Fensterglas sah er verschwommen seine kleine und dünne Gestalt zurücklächeln. „Na, Graeculus, da hat dir die Müdigkeit wohl einen Streich gespielt! Ein wenig Schlaf solltest du dir vielleicht noch gönnen!“, sagte er sich mit leiser Stimme mit dem leichten Sprachfehler, den er nie ganz abgelegt hatte.

Bevor er sich erhob, sortierte er die Papiere ein letztes Mal, legte sie in eine lederne Mappe, sah auf seine Handschrift und seufzte leise: „Confessio Augustana, ein schöner Klang.“ Dann ging Philipp Melanchthon zu Bett und träumte von singenden Heringsfässern und streitlustigen Besen.


Kursivgesetzte Zitate entnommen aus:

  • Melanchthon, Ph., Loci communes 1521. Lateinisch-Deutsch, übers. und mit kommentierten Angaben versehen von Pöhlmann, H. G., hg. vom Luth. Kirchenamt der VELKD, Gütersloh 1993.
  • Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, hg. im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, 12. Aufl., Göttingen 1998.
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