Das Beste zum Schluss Oder: Warum es sich lohnt, Neues auszuprobieren

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang habe ich nun Religion and Philosophy in Hull/ England studiert und hier mehr oder weniger regelmäßig über meine Erlebnisse berichtet. Zum Abschied erlaube ich mir noch ein paar rührselige Schlussworte und zu viele Bilder. Ich hoffe, ihr verzeiht mir.

Es war das Beste. Das Beste, das ich dieses Jahr hätte tun können. Und das beste Jahr überhaupt (neben diversen anderen denkwürdigen Jahren, die schon hinter bzw. hoffentlich noch vor mir liegen). Ein Jahr, wie ich es mir besser nicht hätte erträumen können.

Hullarious, Adj. aus Hull + hilarious [engl. für urkomisch, lustig, vergnügt]

Denn es war ein lustiges Jahr. Ich habe wöchentlich mehr Zeit mit Tanzstunden verbracht, als in Vorlesungen. Dazu gehörten auch Auftritte im lila Tutu oder Indianerkostüm. Ich habe auf verlassenen Friedhöfen nach Geocaches gesucht und mechanische Vögel (Ornithopter) gebaut, die tatsächlich geflogen sind. Meiner sogar so gut, dass ich ihn nicht wiederfinden konnte, nachdem er sich im Park über die Bäume davon gemacht hatte. Also, für alle, die mal mehr Zeit für neue Hobbies brauchen, ist ein Jahr in England nur zu empfehlen. Und für alle, die ein wenig Lockerheit im Alltag zu schätzen wissen. Denn wenn im Zug ein paar junge Erwachsene ein bisschen angetrunken und recht laut die Hits der letzten Jahrzehnte schmettern, sollte man nicht erwarten, dass die alte Dame, die sich in Richtung der Sänger durch den Gang schiebt, dort endlich mal für Ruhe sorgt. Höchstwahrscheinlich wird sie sich dazusetzen und mitsingen.

Den Löwen auf dem Trafalgar Square konnte ich nicht widerstehen und wenn es nicht schon genug zu lachen gegeben hätte, wäre dieser Laden noch eine Option gewesen.

Hullicious, Adj. aus Hull + delicious [engl. für köstlich]

Und es war ein köstliches Jahr. Auf die englische Küche werden selten Loblieder gesungen, was durchaus seinen Grund hat. Eine ordentliche Mensa sucht man auf dem Campus vergeblich und der durchschnittliche Student ernährt sich komplett von Fertigprodukten und Take-Aways. Aber wer meint, seine Burger bei McDonald’s essen zu müssen, ist selbst schuld. Von denen bekommt man in jedem Pub ein viel besseres und frisches Exemplar. Leider kann man sich das nicht täglich leisten, sodass ich mich mehr aufs selber kochen verlegt habe. Und da hatte ich einfach das größte Glück der Welt oder (zumindest von Hull), gleich am Anfang die besten Freunde zu finden. Meine neuen Lieblingsgerichte reichen vom pakistanischen Chicken Karahi bis hin zum (offensichtlich deutschen) Sauerbraten. Auch an den englischen Nationalspeisen haben wir uns ausprobiert: Fish& Chips und Chicken Tikka Masala. Letzteres hat in etwa eine Geschichte vorzuweisen, wie man sie vom Döner hierzulande kennt: Angeblich entstand es, als ein englischer Gast in einem indischen Restaurant Soße zu einem Hühnchengericht verlangte.

Was sie können, die Engländer: Burger (Pommes dürfen natürlich nicht fehlen) und Scones (süße und herzhafte Brötchen).

Hulliness, Subst. aus Hull + homeliness [engl. für Behaglichkeit]

Außerdem war es ein sehr freundliches und herzliches Jahr. In Hull kann man schnell heimisch werden. Denn das englische Studiensystem sieht die Uni nicht nur als Ort akademischen Lernens, sondern lässt auf dem Campus auch Raum, um Hobbies und Leidenschaften auf durchaus professioneller Ebene zu pflegen. Wer also nicht nur gern Jura sondern auch Gesang oder Drama studiert hätte, kann sich z.B. dem Performance Team anschließen. Und wer lieber den ganzen Tag lang Game of Thrones schauen würde, findet Gleichgesinnte in der entsprechenden Society. Herzlich aufgenommen wird man überall, aber Swing Dance ist und bleibt die beste Society (falls irgendjemand nach meinen bisherigen Berichten noch am zweifeln gewesen sein sollte). Wer den Tag in der Uni trotz oder gerade wegen der netten Gesellschaft nicht ohne Alkohol verbringen will, kann es sich schon mittags im unieigenen Pub bequem machen oder nach den Vorlesungen in den Nachbarort fahren und im gemütlichen Schein von Gaslampen seinen Cider genießen. Wer Gelassenheit und Unkompliziertheit zu schätzen weiß, wird sich in England wohlfühlen. Als Deutscher sollte man bloß beachten, dass ein Gespräch nicht begonnen wird, indem man über das Wetter oder die Arbeit meckert, sondern mit positiven Anmerkungen wie z.B. Komplimenten. Und mit denen dann bitte nicht sparen!

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Erwähnter Pub: Mit Gaslampen und Kamin, uriger geht es kaum.

Hull of life and packed with fun, Redewendung aus Hull + full of life and packed with fun [engl. für lebensfroh und vergnügt]

Verrückt und überraschend war das Jahr auch. Ich habe Halloween gefeiert statt des Reformationstages und fand die Abwechslung sehr gut! Nicht, dass man in England große Chancen hätte, den Reformationstag zu feiern, selbst wenn man wollte. 2017 ist trotzdem in aller Munde in Hull. Das hat jedoch nichts mit einem kirchenhistorischen Jubiläum zu tun, auf das man sich jahrelang vorbereiten müsste, sondern mit der Tatsache, dass Hull dann Kulturhauptstadt des Vereinigten Königreichs sein wird. In den Kirchen in und um Hull kann man natürlich auch einiges an Kultur entdecken. Und geschnitzte Mäuse, die sich überall verstecken. Und den weißen Hasen aus Alice im Wunderland (bzw. dessen Vorbild). Zeit zu haben für solche Entdeckungen war eine der besten Seiten dieses Jahres. Neulich habe ich  gehört, dass Erwachsenen das Leben deshalb so schnell zu vergehen scheint, weil sie nicht mehr jeden Tag Neue Sachen ausprobieren und überraschende Erkenntnisse machen. Also ist das Geheimrezept für ein langes Leben vielleicht: Neues ausprobieren. Immer wieder. Ich sage nicht, dass jeder unbedingt ein Auslandssemester machen muss (auch wenn ich es uneingeschränkt empfehlen kann, trotz der Erasmus-Bürokratie). Es können ganz kleine Dinge sein. Die besten Momente verstecken sich überall.

Erwähnter Hase und eine Lichtinstallation am Kirchturm.

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