Großes Interview mit Ottilie Müntzer „Ich stärke ihm den Rücken …“
Foto: Lauri Kosonen (CC BY-SA 3.0)

EMMER – Leitblatt der Gleichberechtigung

Ottilie Müntzer: Die Teamworkerin

Ohne sie wären viele positive Impulse des deutschen Bauernkrieges vielleicht untergegangen. Ein Rückhalt für ihren Ehemann Thomas Müntzer. „Ich wollte meinem Herzen folgen und Gott“, sagt die junge Frau über ihr bewegtes Leben. Nonne, Revolutionärin, Witwe und alleinerziehende Mutter. Mit EMMER spricht sie über ihr bewegtes Leben.

EMMER: Liebe Frau Müntzer, haben Sie …

O. Müntzer: Bitte, wollen wir nicht „Du“ sagen? Wir sind doch dafür, weniger den Stand, als den Menschen zu sehen.

EMMER: Sehr gern. Also, hast du jemals bereut, für deine Überzeugungen und deinen Mann eingetreten zu sein?

O. Müntzer: Nun, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es war immer eine schöne Zeit. Die Anfeindungen, der Tod von Thomas und die soziale Ächtung waren hart. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderer Weg möglich gewesen wäre.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

EMMER: Aber zunächst hast du dich ja für einen ruhigen, abgeschiedenen Weg entschieden. Erzähle uns doch über deine Zeit als Nonne.

O. Müntzer: Ja, das ist wahr. Ich war als Novizin der Zisterzienserinnen im Kloster Beuditz und später im Kloster St. Georgen in Glaucha. Es war aber keine ruhige Zeit, wie du andeutest. Die Unzufriedenheit im Volk, Armut und Hunger bemerkten wir auch im Kloster. Es brodelte. Und verschiedenste theologische Ansichten rüttelten an den eingefahrenen Abläufen der Kirche. Es war eine bewegte Zeit. Und für mich persönlich war natürlich auch Thomas immer wichtiger geworden.

EMMER: Ja, berichte unseren Lesern doch bitte von eurer Beziehung. Ein Skandal, muss man ja sagen. Eine Nonne und ein Pfarrer …

O. Müntzer: Wir waren nicht die einzigen, aber das stimmt schon. Ich hatte Thomas zuerst als Beichtvater von uns Nonnen kennengelernt und später wurde er durch Zufall dann Kaplan in Glaucha. Und dann hat es gefunkt (kichert). Die neuen Gedanken der Reformatoren und natürlich unsere Liebe führte dann dazu, dass wir den Entschluss trafen, an Ostern 1523 zu heiraten.

EMMER: Sicherlich kein alltägliches Ereignis …

O. Müntzer: Nein, das ist wahr. Es war eine Übergangszeit zwischen Weltanschauungen und wir waren nie sicher, das Richtige zu tun. Als ich schwanger wurde, dachten viele, das Kind würde missgestaltet zur Welt kommen, als Kind eines Pfarrers und einer Nonne. Aber wir liebten uns und besiegten unsere Bedenken.

EMMER: Und ihr fandet neue Betätigungsfelder …

O. Müntzer: Oh ja, mein Mann hielt seine Messen ja in deutscher Sprache und hatte sich eine Druckerpresse beschafft, die ich mit betrieb. Wir sahen das Leid des einfachen Volkes und scharten Anhänger um uns, die mehr Rechte forderten. Das war dann irgendwann nicht gern gesehen.

EMMER: Dein Mann musste im Sommer 1524 fliehen, nachdem er und sein Allstedter Bund eine Kapelle angezündet hatten und ebenfalls seine Schriften den Zorn des Kurfürsten und auch Martin Luthers auf sich gezogen hatten.

O. Müntzer: Wo gehobelt wird …Natürlich verurteilten diese Menschen uns. Aber wir waren nah am Menschen, sahen ihre Not. Und diese Not brach sich auch Bahn und führte zu Aufständen.

EMMER: Für diese Einfachheit stand auch das Symbol ihrer Bewegung, der Bundschuh.

O. Müntzer: Ja, unsere Bewegung war eine von vielen in ganz Europa. Aber für unsere Gegend ist das richtig. Einfach als Gegensatz zu den metallenen Schuhen der Ritter. Aber stolzer bin ich eigentlich auf das andere Symbol, unsere Fahne.

EMMER: Die Regenbogenfahne. Du hast sie selbst entworfen und genäht.

O. Müntzer: Richtig. Sie wurde unsere Standarte.

EMMER: Bereust du auch etwas?

O. Müntzer: Ja, natürlich. Wir wollten ja nie einen Krieg. Wir wollten nur etwas ändern. Und ich denke auch, das haben wir. Wir haben neue Gedanken geweckt. Und der Tod von Thomas und anderer lieber Menschen ist natürlich fürchterlich.

EMMER: Er wurde nach der Schlacht bei Frankenhausen gefangen genommen, gefoltert und geköpft.

O. Müntzer: Ja, das ist richtig. Und das war schlimm. Und unser Aufstand damit auch beendet. Aber wie gesagt, ich glaube, wir haben Gedanken verbreitet. Und Gedanken bewegen den Menschen.

EMMER: Aber die Zeit danach war hart für dich. Es kam sogar zu Übergriffen auf dich.

O. Müntzer: Ich möchte nicht darüber sprechen. Ich war mittellos und musste schwanger und mit meinem kleinen Sohn zu Verwandten fliehen. Darüber hinaus kann ich nur sagen, dass Soldaten oft Tiere sind. Ich habe erlitten, was viele andere Frauen auch erleiden mussten.

EMMER: Wir danken dir für dieses Gespräch. Nun mag Ihr Leseerlebnis, liebe Leser, mit einem kleinen Gedicht abgerundet sein, welches Sie daran erinnern soll, dass kleine Dinge und Menschen einen Unterschied machen.
Danke!


EMMER-LYRIK zur Erinnerung an die Ideen der Bauernkriege

Stets Joch im Nacken, fressen tun die oben
Der Teller leer, ihn füllt nur kleines Land
Kein Fürst, kein Klerus sieht den schwelnden Brand
Nun ramm dein Recht in Eisenhemd und Roben!

„Wie tolle Hunde“ wird ein Luther spotten
Bös Mörder, Räuber wird man uns heissen
wo wir falsch Macht vom hohen Rosse reissen
wenn abgefeimt’ Heer trifft gerechte Rotten

So zog das Zeichen des Regenbogen
hinein in Stechen, Hau’n und Schlachten Wogen
bei Frankenhausen Müntzers Kraft zerrieben

Doch wo auf Erden leidet heut’ der Knecht
setzt nun durch gegen Bös’ aller Menschen Recht,
ist auch Rest von der Müntzers Geist geblieben.

Schlagwörter: , , , ,

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.