Moment mal: Alte Männer
Der Besuch der Weisen, Heinrich Hofmann, Public Domain

Papst Franziskus wird in Kuba und in den Vereinigten Staaten gleichermaßen zugejubelt. In Großbritannien revolutioniert Jeremy Corbyn die Labour-Party und begeistert vor allem junge Menschen, ebenso wie Bernie Sanders, einem der Präsidentschaftskandidaten der Demokraten in den USA, junge Leute in Scharen zulaufen. Woher kommt die Begeisterung für die alten Männer?

50 000 neue Mitglieder, unter ihnen erstaunlich viele junge Menschen, sind in den letzten beiden Wochen der Labour-Party in Großbritannien beigetreten. Sanders füllt eine Riesenhalle nach der nächsten, es sind vor allem Collegestudenten, die seine Kampagne tragen. Beide sind im wahrsten Sinne des Wortes links, demokratische Sozialisten.

Papst Franziskus begeistert in den letzten Tagen vor allem mit seiner Initiative für den Klimaschutz. Er überholt christliche Kritiker an der Klimaerwärmung, indem er klar macht, dass der Mensch den Klimawandel (zumindest zum Teil) selbstverschuldet hat und es der Verantwortung gegenüber kommenden Generationen schuldig ist, ihn entschlossen zu bekämpfen. Mit dieser Botschaft dringt Bergoglio auch bei kirchenfernen und – ja, schon wieder – jungen Menschen durch.

Alle drei begeistern jene Generation der 18- bis 35-Jährigen, die im anglo-amerikanischen Raum gerne als Milliennials bezeichnet werden. Es ist gerade auch diese Generation, die die enge Bindung ihrer (Groß-)Eltern an die Kirche nicht mehr leben. Die Gründe dafür sind vielschichtig und oft besprochen (hier gibt es eine Menge Lesestoff dazu). In Deutschland läuft die Debatte um das Kirchenschrumpfen vor allem entlang der Linien unterschiedlicher Kirchenskandale. Dass auch hierzulande junge Menschen Ü18 ohne Kind kaum einen Platz in den Gemeinden finden, geht leicht unter.

Was ließe sich von Corbyn, Sanders und Bergoglio denn für die Situation der Kirchen in Deutschland und die der politischen Parteien unisono lernen?

Es gibt eine Sehnsucht innerhalb unserer Generation nach authentischen Anführern, die auch unbequeme und selten gehörte Wahrheiten verkünden. Das fällt ihnen leichter, weil ihr Alter ihnen eine gehörige Portion Unabhängigkeit verschafft: Sowohl für Sanders als auch für Corbyn ist dies der letzte Anlauf, der ohne Taktieren und ohne professionelle Medienschulung auskommt.

Und Bergoglio imponiert schon deshalb, weil er sich von den einengenden Strukturen seiner Kirche nicht beirren und schon gar nicht aufhalten lässt. Vielleicht spielt ja auch das wohlige Bauchgefühl eine Rolle, sich lieber von einem Großvater etwas sagen zu lassen, als dem nächsten Yuppie hinterher zu sprinten.

Alle drei eint im Übrigen, dass sie sowas von nicht 90er sind, d.h. mit den Jahrtausendwechselphantasien der Politik und des Westens im Allgemeinen nichts am Hut haben. Sie überdauerten diese Zeit einfach, sind Relikte einer vergangenen – vielleicht einfacheren Zeit – deren Antworten, oder eigentlich mehr Fragen, heute wieder gehört werden.

Soweit zum Phänotyp der alten Männer, die gerade die Debatten der letzten Tage aufmischen. Davon hätten wir ja auch in Deutschland ein paar im Angebot. Allein, es müssten halt Leute sein, die sich glaubhaft von manchem politischen und gesellschaftlichen Unfug der letzten Jahre distanzieren können.

Und das führt nun doch von den alten Männern weg und zu den jungen Leuten hin, die ihnen bereitwillig zuhören. Mit wem haben wir es da zu tun? Oder besser: Wer sind wir eigentlich?

Gibt es auch in Deutschland eine Generation von politisch eher links denkenden, gemeinschaftsorientierten, institutionskritischen jungen Menschen, die sich bereitwillig in den Dienst für eine bessere Gesellschaft stellen wollen?

Und wo finden diese mit ihren Anliegen Platz in den Kirchen?

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5 Kommentare anzeigen

  1. ....

    Der Ruf nach einem starken Führer ist billig und sinnlos. Pabst F. hat z.B. (bis jetzt) auch nichts gegen die für den bekennend homos. Priesters aus Rom unternommen. So sehr schmeist er doch das System nicht über den Haufen.
    All diese Alten Männer sind weit weniger Lichtgestalt, als der erste Blick glauben machen will.
    Rein von seinem Auftreten her passt D. Trump übrigens auch in die Reihe: In den 90igern nicht pol. aktiv, gegen das institutionalisierte Establishment, etc. pp. Nur ist er eben politisch anders gestrickt als die anderen beiden genannten Politiker.
    Bedeutet doch aber: Lieber mehr Mitbestimmung als einige wenige alte Männer, (oder einige wenige junge Menschen, oder einige wenige Mitvierziger) die für den Rest entscheiden.
    Der Platz eines Menschen in einer demokratischen Kirche ist da, wo man sich selbst hinsetzt. Nicht meckern, machen.
    Z.B. in der kirchlichen Jugendarbeit, die im Falle der EKM beispielsweise in die Landessynode Vertreter entsendet.

  2. In wiefern würdest du Sanders und Corbyn als Querdenker charakterisieren – also Leute, die unbequemes aussprechen? Bei F. kann ich das noch in dem Sinne nachvollziehen, dass es in der direkten, klerikalen Umgebung nicht gerne gehört wird.
    Aber selbst dann: Der Klimawandel anzuerkennen scheint mir nicht wirklich mutig zu sein, gesellschaftsweit im Osten betrachtet, oder?
    Bei allem dreien scheint mir weniger das „Querdenkertum“ das Rückgrat ihrer Popularität zu sein, als ihre Authentizität, oder?
    Zumal: Bernie Sanders wurde auch an der Liberty University zugejubelt; und die ist nicht wirklich ein Vorzeigefalgschiff linker, demokratischer Studentenschaft :)

    • Sanders schämt sich seiner sozialdemokratischen Ideen – die in den Staaten als Sozialismus verunglimpft werden – nicht, sondern bekennt sich zu Sachen und Beschreibungen, die jeder „vernünftige“ Politiker gleich welcher Couleur lieber weit von sich weisen würde, um nicht von Presse und Kontrahenten gegrillt zu werden. Gleiches gilt für den linken Ansatz Corbyns, der gegen die Mehrheit der etablierten Abgeordneten der eigenen Partei bisher Erfolg hat. Und den Klimawandel nicht zu leugnen, ist in den Staaten zwar für Progressive genauso selbstverständlich wie bei uns in Europa, aber eben nur unter Progressiven – zu denen gerade viele Christen nicht gehören.

      Ich habe die Liberty University Rede und Fragerunde komplett geschaut. Ja, es gab auch Zustimmung, aber die Gesichter und der Jubel an anderen Stellen haben mich jedenfalls erschrocken.

      PS: Ich habe mir vorgenommen, hier keine anonymen Kommentare mehr zu beantworten, auch wenn sie (un-)beabsichtigt Vorwürfe enthalten.

      • Aber wendet sich die Kritik an Corbyn nicht mehr gegenüber seiner Art – vor allem auch Kompromisslosigkeit – und weniger der generell linken Ausrichtung?
        Und innerhalb der Demokratischen Partei gibt es wohl niemanden, der Sanders als einen Sozialisten bezeichnen würde; ebenso wenig scheint mir wie die demokratischeren Leitmedien wie NYT und CNN.
        Das „Sozialismusargument“ scheint mir ja mehr eines der Strohmannargumente sehr konservativer Medien und Meinungsmacher zu sein.
        Bin nicht sicher, ob ich der „Sie gegen de Rest“ Logik des Artikels folgen kann, wenn auch ich zumindest Sanders und Franziskus für inspirierende Persönlichkeiten halte.
        Hm, AAgree to disagree“, vielleicht.

        • Sanders bezeichnet sich selbst als Sozialisten. Was er nach europäischen Maßstäben aber nicht ist, sondern eher Sozialdemokrat. Ähnlich wie die Unterscheidung zwischen Evangelikal und evanglical, glaube ich. Liegt auch daran, dass viele US-Amerikaner von Sozialismus überhaupt nicht mehr verstehen, als das Feindbild, das ihnen vor Augen gestellt wird.

          Schließlich ist Sanders auch in seiner eigenen Partei nicht mehrheitsfähig. Gleichwohl gibt es aber scheinbar vor allem viele junge Menschen, die vom moderaten Stil der Clintons und auch Obamas enttäuscht sind.

          Ja, wenn nur alle NYT lesen würden und von mir aus auch CNN schauen?

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