Kettenträger
Foto: Kaley Dykstra (CC0)

An einem gewöhnlichen Sonntagvormittag beschloss ich, als ich die Glocken hörte, in die Kirche zu gehen. Eigentlich war ich nicht so recht gläubig, aber Freunde hatten mir diese Kirche empfohlen und mich Tag auf Tag genötigt, es doch einmal zu versuchen.

Also saß ich nun nichts Böses erwartend in der Bank und lauschte der Predigt. Der Pfarrer sprach über die zehn Gebote. Kalter Kaffee, dachte ich, hat man alles schon hundertmal gehört. Gegen Ende war ich sogar kurz davor, einzuschlafen, doch die Glocke riss mich aus meiner Lethargie, sodass ich zum Gebet aufstand.

Noch leicht benebelt verließ ich die Kirche. Mir fiel ein, dass ich noch etwas zu erledigen hatte und so beschleunigte ich meinen Schritt. Doch irgendwas hielt mich zurück. Ich sah angstvoll an mir herunter und erkannte die Bescherung: Um die Hüften trug ich eiserne Ketten. An deren Ende hing eine bleierne Kugel, so groß wie der Reifen eines Lastwagens, nur weitaus schwerer. Es erinnerte mich an einen Film, in dem Sträflinge an vergleichbare Kugeln gekettet wurden, damit sie nicht flohen, wenn sie im Steinbruch arbeiteten. Aber ich war kein Sträfling! Woher also diese Ketten?

Auf der Kugel prangte in großen Lettern das Wort „Sünde“. Ich versuchte, die Ketten durch allerlei Bewegungen wie ein Kleidungsstück loszuwerden. Je intensiver ich mich damit beschäftigte, desto enger schlangen sie sich um mich und schnürten mir die Luft ab. So erkannte ich voller Trauer, dass ich Ketten und Kugel mit mir tragen musste, bis mir eine Lösung einfiel.

Die Kugel sah aus wie neu; als ich sie hochhob, konnte ich keinen Kratzer feststellen. Noch verwunderlicher war allerdings, dass die Straße, auf der ich hergekommen war, durch eine tiefe Furche entstellt war, die dieselbe Breite wie meine Kugel hatte. Hatte ich sie etwa mit mir herumgeschleift, ohne es zu merken? Ich stieß den Gedanken gleich wieder von mir. Das immense Gewicht der Kugel hätte mir früher auffallen müssen. Oder war ich all die Jahre gefühllos gewesen?

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Ich schleppte die Kugel widerwillig mit, während ich interessiert den Schaden im Straßenbelag begutachtete. Irgendwann begegnete ich einem kleinen Jungen, der am Rand der Furche saß und bitterlich weinte. In dem neu entstandenen Graben entdeckte ich ein zerbrochenes Skateboard. Die Ketten klirrten laut, als ich an dem Jungen vorbeiging. Dieser hörte augenblicklich auf zu weinen, bemerkte die Kugel in meinen Händen, sprang auf und schrie wütend, ich solle für sein zerstörtes Skateboard aufkommen. Sein Gesicht lief rot an. Ich hatte aber kein Geld bei mir, denn mein restliches Kleingeld hatte ich in den Opferkasten geworfen. Ich entschuldigte mich und versprach, für den Schaden aufzukommen, sobald ich etwas Geld von der Bank abgehoben hatte.

„Rutschen Sie mir doch den Buckel runter!“, kreischte der Junge und verschwand um die Ecke. Ich hatte den Vorfall bald vergessen. Da kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sie ging an Krücken, ihr Fuß steckte in einem Gips.

„He, Sie!“, rief sie plötzlich, blieb stehen und zeigte mit einer ihrer Krücken auf mich, „sind Sie nicht der, der mir vorhin den Fuß gebrochen hat?“ Ich schüttelte rasch den Kopf. Ich konnte mich nicht erinnern, dass ich sie auf meinem Weg verletzt hatte, ich hatte überhaupt noch nie irgendwem etwas gebrochen!

„Doch, es war genau hier!“, sie zeigte mit der Krücke in die Furche, „Sie haben Ihre Kugel einfach weitergezogen und sich nicht einmal umgedreht, als ich geschrien habe.“ Ich war ein wandelndes Fragezeichen. War ich all die Jahre völlig blind und taub für die Leiden gewesen, die ich bei den Menschen anrichtete? Nachdem sich die Frau über meine Unachtsamkeit beschwert und verkündet hatte, sie werde mich anzeigen, begegnete ich einem Hüter des Gesetzes. Er trug Kugelschreiber und Notizblock in der Hand und hielt mich mit folgenden Worten an:

„Jetzt habe ich Sie endlich gefunden. Ich verhafte Sie wegen Vandalismus, Freundchen, es sei denn, Sie kommen gleich für den Schaden auf. Und das wird nicht billig, das sag ich Ihnen.“ Ich bekam es mit der Angst zu tun. Der Polizist kramte Handschellen hervor und hielt mich schon am Arm fest, doch ich machte einen Hechtsprung zur Seite und floh in eine Seitenstraße. Trotz des Gewichts der Kugel lief ich schnell, ohne Rücksichtnahme auf Passanten entkam ich dem Polizisten, indem ich mich hinter der Lagerhalle des Baumarktes versteckte. Während er über Funk Verstärkung anforderte, fand ich heraus, dass die Tür offen stand. Ich schlüpfte hinein und fand mich in einer riesigen Lagerhalle wieder. Das Licht hatte sich automatisch aktiviert.

In den meterhohen Regalen waren unzählige Kettensägen aufgereiht. Erleichterung durchfuhr mich wie ein Blitz. Ich durfte keine Zeit verlieren! Wenn ich mich so von der Kugel befreien konnte, war ich vielleicht auch vor der Polizei sicher! Schließlich suchten sie ja nach einem Kettenträger. Ich ergriff die glänzendste und stabilste Säge, Modell „Dekalog“, warf ihren Motor an, schloss die Augen und hörte ein schrilles Knirschen, als das Sägeblatt mit den Ketten in Berührung kam. Ich gestattete mir ein triumphierendes Lachen, öffnete die Augen und gefror vor Schreck zu Eis: Die Ketten waren vollkommen unversehrt. Sie hatten nicht einmal einen Kratzer abbekommen. Die Säge hingegen war schrottreif. Enttäuscht warf ich sie weg und trat wütend gegen die Kugel. Ich verfluchte innerlich meinen Kirchenbesuch, trug er doch die Schuld an meinem Leid und an all dem Schaden. Bevor ich mit der Kugel in Berührung gekommen war, hatte ich ein friedliches Leben geführt, ohne den Arm des Gesetzes im Nacken oder die quälenden Erinnerungen an gebrochene Füße. Die Ketten schlangen sich durch die Vorwürfe und Verwünschungen nur noch enger um mich. Das Atmen fiel mir schwerer; auch die Kugel schien an Gewicht zuzulegen. Ich rief um Hilfe. Wenn ich nicht bald befreit wurde, würden mich die Ketten noch umbringen.

Da erschien ein Lagerarbeiter. Seine Kleidung war dreckig und seine Haare starrten vor Sägemehl. Auf seinem Namensschild stand „Martin Luther“.

„Sonntags ist geschlossen“, sagte er nur und hob verwundert die lädierte Kettensäge auf. Da fiel sein Blick auf meine Kugel und die Ketten. Er prüfte, wie stark sie sich um meine Hüften gewunden hatten und bekam einen besorgten Gesichtsausdruck.

„Das sieht übel aus. Wenn Sie nicht bald etwas dagegen tun, wird es Sie das Leben kosten. Denn der Lohn der Sünde ist der Tod.“ Ich zog scharf die Luft ein.

„Bedauerlicherweise existiert auf der ganzen Welt kein Werkzeug, das stark genug ist, um die Ketten zu durchtrennen. Selbst die Kettensägen des Modells Dekalog aus der Produktionsreihe Alttestamentliches Gesetz vermögen das nicht. Denn jeder Mensch, der versucht, durch das Gesetz frei zu werden, scheitert kläglich. Ich habe es selbst erlebt. Sehen Sie her.“ Er hob sein T-Shirt und offenbarte mir prächtige Narben auf seinem Bauch, die die Form von Kettengliedern hatten.

„Wie sind sie die Ketten dann losgeworden?“, fragte ich.
„Ich habe in der Bibel nachgelesen. Dort steht, dass der Mensch nur durch den Glauben an Jesus Christus gerecht werden kann. Christus hat uns erlöst vom Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch für uns wurde, indem er ans Kreuz ging und dort unsere Schuld trug. Ich übergab ihm mein Leben und bereute meine Sünden. Im selben Moment fielen die Ketten von mir ab. Diese Freiheit erlangt man nur durch Buße, nicht durch das Gesetz. Das Gute daran ist, dass Gott nicht mehr von uns fordert. Zwar ist das keine Einladung, sich zurückzulehnen, aber ich finde es sehr tröstlich, dass er sich um unseren Glauben kümmert. Denn er ist gnädig, weil er Sünder liebt.“

„Das klingt ja alles sehr schön, aber es bleibt abstrakt. Was heißt es denn genau, Buße zu tun?“

„Gehen Sie dazu am besten in die Apotheke „Heiliger Geist“ im Gebetsweg. Die hat 24 Stunden offen. Dort kippt man Ihnen eine Säure namens Christi Blut über die Ketten, sodass sie sich auflösen. Aber ich sollte Sie vorwarnen. Der Gebetsweg ist sehr schmal und steil und wurde schon seit Jahren nicht mehr erneuert. Die Reise auf diesem Weg nennt sich Buße. Es ist kein schöner Ausflug auf den Berg, sondern ein langer harter Marsch, auf dem allerlei Gefahren lauern. Aber es lohnt sich, Sie werden sehen.“ Dann verschwand Martin Luther so plötzlich, wie er gekommen war. Hinter mir ertönte ein Krachen. Die Polizisten hatten mich aufgespürt und die Tür eingetreten.

„Schnappt ihn!“, rief der vordere und zeigte mit einer Pistole auf mich. Ich hob die Kugel auf, nahm die Beine in die Hand und durchquerte den Lagerraum. Der Polizist schoss mehrmals, doch er verfehlte mich. Ich kletterte durch ein offenes Fenster und machte mich auf zum Gebetsweg. Die Hoffnung auf baldige Befreiung war stärker als die Angst vor den Polizisten oder den übrigen Gefahren. Ich wusste, die Freiheit würde schwerer wiegen als die Kugel in meinen Händen und lauter rasseln als die Ketten.

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