Du bist Mufasas Erbe! Vom Recht am prophetischen Dienst aneinander

Ich liebe den König der Löwen. Vor allem muss ich oft an die Stelle denken, in der der weise Rafiki den jungen Königssohn Simba mit zum Teil handfesten Argumenten zurück auf seinen Weg bringt.

Ich liebe diese Stelle, weil ich denke, dass wir solche Menschen in unseren Leben brauchen – Menschen, die uns korrigieren, und zur Rechenschaft ziehen über den Schund, den wir hin und wieder produzieren.

Nur, mit Blick auf meinen möglichen Dienst als Pastor frage ich mich, ob ich jemals in der Lage sein kann, ein solcher Mensch für andere zu sein.

Was gibt mir das Recht, mit dem sprichwörtlichen Stab anderen Menschen auf den Kopf zu schlagen und sie an ihre Bestimmung zu erinnern?

Ist doch egal, es ist Vergangenheit. – Ja, aber es tut immer noch weh.

Ob ich das Recht habe …

Ich erreiche diese Frage mit gewissen biographischen Vorurteilen. Aufgewachsen in einer sehr konservativen, reformierten Freikirche, habe ich meine ersten geistlichen Schritte in einer Atmosphäre gemacht, in der Autorität ein wichtiger Wert war, um Gemeindeleitung zu praktizieren.

In meinen späten Teenagerjahren hat es mich dann auf unstetere Routen gezogen, wo der Horizont weiter gewesen ist, aber die gangbare Route auch weniger offensichtlich. Ich habe gelernt, dass die Frage etwas kraftvolles und befreiendes sein kann. Gleichzeitig werden die Beine schnell müde, wenn der Boden sich immer bewegt und man nirgendwo zur Ruhe kommen kann.

Es war in diesen prägenden Jahren meiner Persönlichkeit und meiner Spiritualität, dass ich gemerkt habe: ein Amt alleine macht dich nicht weise. Und ohne Weisheit hat niemand Recht, in die Leben anderer Menschen zu sprechen.

Wenn man die schwierige Erfahrung übersteuerter Autorität gemacht hat, dann lernt man schnell, dass jede Autorität eine klare Kompetenz braucht. Eine Erfahrung, die wir alle Tage machen. Wir sind ja auch ganz froh, dass jeder Chirurg im Krankenhaus nicht auf Grundlage seiner Herkunft ausgewählt wird, sondern weil er Medizin studiert hat. Nicht das Amt des Arztes befähigt ihn, einschneidend in das Leben der Menschen einzugreifen, sondern seine Kompetenz, soll das heißen.

In ein Amt, in dem ich auch Autorität über andere Menschen habe, muss ich also hineinwachsen, aber auch die Kompetenz mitbringen, die es benötigt.

Ich denke, dass die großen Volkskirchen bewusst ein Vikariat für Anwärter auf ein solches Amt eingeführt haben. Nicht der gelernte Student, den Kopf voll seiner Bücher und Formeln, soll diese Form von Autorität übertragen bekommen; er soll die Möglichkeit haben, dieses Wissen in die nötige Weisheit zu verwanden.

Denn Weisheit ist Wissen, das richtig angewendet wird, wie ich mal gelesen habe. Und zu richtig gehört mehr als nur ein Faktencheck. Oder das passende Amt.

… sagt mir nicht nur meine Befähigung.

Nur dass meine Perspektive trotz allen Vikariatszeiten niemals vollkommen sein kann, und Fehler weiterhin Teil meiner Weisheit sein werden.

Mitten in diese Gedanken hinein habe ich einen Abschnitt aus Rowan Williams Buch Being Christian gelesen, der mir einen anderen, ermutigenden Gedanken gegeben hat.

The baptized person identifies with Jesus in these three ways of being human which characterize and define his unique humanity [die drei sind: Prophet, Priester und König – MH]. As we grow into his life and humanity these three ways come to characterize us as well. [Das bedeutet: O]ne of the the very uncomfortable roles we have to play in the Church is to be prophets to one another – that is, to remind one another what we are here for.[1]

Ich denke, Williams ist hier auf einen wichtigen Gedanken gestoßen. Die neue Menschlichkeit, die wir in Christus erkennen, beinhaltet auch, dass wir in das Leben von einander sprechen. Und wir erkennen das im Handeln Christi selbst. Wenn Christus Petrus zurechtweist, wenn er der Frau am Jakobsbrunnen die Wahrheit sagt, wenn er Paulus vor Damaskus begegnet – da ist Wahrheit, aber da ist auch immer Gnade.

Und vielleicht ist es das, was Paulus meinte, als er sagte, dass „die Liebe Christi [uns] drängt“ (2Kor 5,14; LUT), wenn wir einander und allen anderen von Versöhnung und Erlösung erzählen.

Das bedeutet aber auch, dass Gnade in beide Richtungen fließen muss. Von den Prophet*Innen zu den Empfänger*Innen, natürlich. Denn die Gnade ist überhaupt der Grund, dass wir in dieser Position zueinander stehen. Aber auch in die andere Richtung, denn wir wissen alle: perfekt ist keiner von uns. Noch lernen wir nur, in die Menschlichkeit hineinzuwachsen, die Jesus uns vorgelebt hat.


[1] Williams, Rowan, Being Christian. Baptism Bible Eucharist Prayer, London: SPCK 2014, S.12f

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9 Kommentare anzeigen

  1. Interessante Frage, woraus „prophetische“ Autorität in der Gemeinde erwächst und wie man so etwas erlernen kann.

    Aber ich erfahre es auch so, dass in Gemeinden immer genug Menschen zu finden sind, die für sich ganz natürlich die Autorität in Anspruch nehmen, anderen Menschen Ratschläge oder Anweisungen für ihr Leben zu erteilen. Und Menschen, die sich von anderen – gerade vom Herr Pfarrer – gerne etwas sagen lassen.

    Vielleicht ist die prophetische Aufgabe von Pfarrerinnen und Pfarrern ja zunächst, der Versuchung zu widerstehen, andere als Prophet auf den rechten Weg zurück bringen zu wollen. Und sich und andere, die sich so gerne als Blindenführer anbieten (Lk 6,39), zu fragen: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“ (Lk 6,41)

    Vielleicht ist das ja alle Kompetenz, die es braucht…

  2. Hm, das wäre dann aber weniger eine „Prophetischer Dienst“, oder? Nicht zumindest, wie ihn Williams in dem Abschnitt definiert?
    Es mag durchaus möglich sein, dass wie z u s c h n e l l beginnen, so in das Leben anderer Menschen zu sprechen, es scheint mir aber in vielen Fällen auch eine Notwendigkeit. Ich bin in meinem Leben (und das erst mit 25!) extrem froh, dass ich an vielen Stellen genau solche Leute hatte. Ein Zurückziehen wäre in solchen Fällen nicht hilfreich und auch nicht liebevoll gewesen.
    Zumal Jesus ja in der Stelle nicht das Korrigieren Anderer grundsätzlich verwirft, sondern die Perspektive erstmal auf die eigene Fehlerhaftigkeit lenkt.
    Das wäre dann eher, dass man nicht aus einer Position moralischer Überlegenheit heraus Ratschläge erteilt, sondern aus einer Position erfahrener und erlebter Gnade heraus.

    MBH

  3. Dem würde ich nicht widersprechen, gerade auf der individuellen Ebene. Mir ist nur ein etwas anders gelagerter Gedanke gekommen, wenn man mal weniger von der Vier-Augen-Situation her denkt:

    Ich würde das prophetische Amt zumindest auch, wenn nicht vornehmlich politisch verstehen. Ein Prophet geht schließlich nicht umsonst meistens als erstes zum König (bzw. zum legitimen Thronfolger im Falle Rafiki ;-). Ist das prophetische Amt damit eingesetzt als kritische Instanz des Gemeinwesen stellt sich die Frage: Welche Kritik braucht dieses Gemeinwesen?

    Und da wäre die Frage, ob wir in Kirchen nicht immer schon eine rege Kultur des moralischen Bewertens, des einander Beobachtens, manchmal auch des Verurteilens haben. Wenn es davon also oft eher zu viel als zu wenig gibt – wäre es dann nicht prophetisch geboten, die Vertreter dieser Kultur (also oft genug die Pfarrerinnen und Pfarrer als Leitungspersonen selbst) zur Demut anzuregen? Und vor allem stellt sich die Frage: In welche Richtung sollten Pfarrerinnen und Pfarrer steuernd einwirken?

    Was nicht bedeutet, dass gegenseitige Lebenshilfe unter Christenmenschen schlecht ist – das sei ferne! Aber man muss immer zuerst vermeiden, dass die Botschaft der Gnade unter einer moralisierenden, tendenziell gesetzlichen Kultur der Zurechtweisung verschüttet wird.

    • Zum Prophetenamt würde ich wohl etwas anders denken. Mir scheint der Prophet, alttestamentlich gedacht, nicht nur zur Regierungsschicht, sondern zum „Volk Gottes“ als Entität gesendet. Gerade in John Goldingays neuem Buch einen Abschnitt dazu gelesen.
      In diesem Sinne wäre eine prophetische Kritik sicher nicht immer „one on one“, aber nicht direkt in großen, gesellschaftsweiten Dimensionen zu denken; eher innerkirchlich im Sinne von Salz und Licht?
      Williams geht auch mehr in diese Richtung, aber das führt uns wohl in eine andere Richtung.

      Die grundsätzliche Kritikkultur scheint mir eine pessimistische, aber nicht gänzlich unrealistische Sicht zu sein – zumindest aus meiner gänzlich freikirchlichen Perspektive. Widerspricht dem Gedanken im Artikel aber nur bedingt. Eine solche Kultur scheint mir vor allem von einer Position moralischer Überlegenheit gespeißt und erschaffen, ist aber nicht die Position, die ich im Artikel in Gedanken getragen habe.
      Wie im anderen Kommentar geschrieben, schwebt mir eine Position erlebter Gnade vor.
      Oder, ein Zitat aus einer Predigt, die ich vor einiger Zeit gehört habe, etwas zugespitzt: Da sagte ein Pfarrer, dass er erst glaubt, dass seine Gemeinde das Evangelium von Gnade verstanden hat, wenn die Menschen aufhören, ihre Masken zu tragen, und gegenseitig offen mit ihren Fehlern und Sünden umzugehen.

      Gnade und Frieden und alles,
      MBH

    • Da mach ich doch unter Tobias Kommentar mal einen „Strich“. Das bedeutet Zustimmung in manchem Seminar, damit nicht das Gleiche auch noch von anderen gesagt wird, kann man auch einfach mal „Strich!“ reinrufen.

      Dazu noch:

      „Politische Protestanten“ (in der KG religiöse Sozialisten, Befreiungstheologie, etc) nehmen das Prophetenamt wie Du wohl stark „gesamtgesellschaftlich“ wahr – eine Lesart, der ich stark zustimme. Und es bleibt dann die Frage, die Du schon gestellt hast: Welche Kritik?

      Erweckliche Kreise, Pietisten (schade eigentlich, die waren ja auch mal „politisch“) und Evangelikale beziehen dagegen das Prophetenamt auf die Gemeinde, also auf den Binnenraum. Da sticht sicher auch die Geschichte reformierter Kirchenzucht (Calvin) durch.

  4. Oliver

    Hallo Marcus,

    nicht alle theologische Systeme sind in allen Kirchen bzw. Gemeinden anwendbar. Freikirchlich reformiert ist zudem nicht kompatibel mit landeskirchlich reformiert. Insbesondere benutzt Du ja auch die Thesen eines baptistischen Pfarrers, der zudem anglikanischer Theologe ist. In diesem Falle musst Du Dich selber fragen, ob puritanisch auch reformiert ist. Die Frage aller Fragen ist, wie sehr Freikirchen den katholischen Weg gehen und den evangelischen Weg verlassen haben. Insbesondere ist dies beim Abendmahl bemerkbar. Meinst Du etwa, dass ein kleiner Fingerhut als Abendmahlskelch die geistliche evangelische Gemeinschaft darstellt, die man in der evangelischen Landeskirche hat? Lehrsysteme sind nicht immer kompatibel und als Vikar bei der EKD kommt man zudem auf ganz andere Probleme zu.

    Herzlichen Gruß
    Oliver

    [Anm. d. Red.: Tippfehler rausgenommen und dafür entsprechenden Kommentar gelöscht.]

    • Heyah,

      eigentlich möchte ich gerne die Fragen beantworten, die mein Geschreibe so aufwerfen.
      Aber wie bei meinem letzten Beitrag verstehe ich irgendwie nicht recht, worauf die hinauswillst, Oliver.
      Soweit ich verstehe, meinst du, dass meine Gedanken für Anwärter eines pastoralen Postens in der EKD nicht hilfreich sind?
      Nun, das tut mir Leid, kann ich aber wohl nicht ändern :)

      Lieber Gruß,
      MBH

      • Oliver

        Hallo Marcus,

        die Frage, ob Du qualifiziert bist, einen bestimmten Posten zu übernehmen, entzieht sich meiner Kenntnis, da ich nicht weiß, wer Du bist und was Du kannst.

        Die Untermauerung von Argumenten fremder Theologen für die eigene theologische Arbeit zeigt auf, welchen Geist Gottes man ist.
        Ob nun die freikirchliche Denkweise, die Du teilweise hinterfragst, aber auch teilweise bestätigst, hilfreich sein kann im Dienste der EKD hinterfrage ich.

        Das Kirchenvolk innerhalb der EKD ist zweifelsohne nicht in der Bibel bewandert. Dagegen setzt Du aber voraus, dass das EKD-Kirchenvolk einen Frömmigkeitsstil lebt, den nur gewisse Freikirchen an den Tag legen. Diesbezüglich kann es in bestimmten Gemeinden hilfreich sein, die autoritative Moralkeule zu schwingen und in anderen Gemeinden eben nicht.

        Die Rechenschaft vor anderen Menschen, die Du am Anfang Deines Artikels für Dich persönlich als wichtig erachtest, gilt für Dich persönlich und nicht für andere Menschen.

        Es ist eben fragwürdig, ob wir „solche Menschen in unseren Leben brauchen – Menschen, die uns korrigieren, und zur Rechenschaft ziehen über den Schund, den wir hin und wieder produzieren.“

        Es stellt sich die Frage, ob das katholische Element der Rechenschaft innerhalb bestimmter Freikirchen überhaupt die evangelische Theologie repräsentiert.

        Darf aus moralischen Gründen eine kleine Horde bibelfester Menschen über die große und unbewegliche Menge des EKD-Kirchenvolkes herrschen, wie sie wollen ?

        Bedenke auch die EKD-Kirchenmitglieder sind Christen. Allerdings schwach im Glauben.

        „Wir aber, die Starken, sind verpflichtet, die Schwachheiten der Kraftlosen1 zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen.“ (Römer 15,1)

        Lieben Gruß
        Oliver

        • Hey,

          na, das bezweifel ich nicht, dass sie Christen sind. Bzw. ging es mir gar nicht darum. Der Boom von Mentoringkonzepten im säkularen Bereich scheint mir eher ein Hinweis darauf zu sein,
          das abseits einer christlichen Identität die Bedeutung von Lebenskorrektur von außerhalb eine immer mehr erkannte Wirklichkeit ist – hatte nicht den Eindruck, dass es sich um etwas umstrittenes handelt.

          Von einer Moralkeule war dabei allerdings bewusst nicht die rede, und es tut mir Leid, wenn es so geklungen hat.

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