Moment mal: Und wie geht’s jetzt weiter?
Foto: Stephan Sperlich

„Und, wie geht’s jetzt weiter?“, fragt mich eine Bekannte. Eine berechtigte Frage. Eben habe ich ihr erzählt, dass ich mein Masterstudium bestanden habe. Ich bin jetzt stolze Master of Arts – im Master „Bildung, Leitung und Diversität mit Schwerpunkt auf Evangelischer Religionspädagogik“. Ich schaffe es nicht den ganzen Titel zu nennen ohne zwischendurch Luft zu holen. Meistens picke ich nur einen Teil heraus. Und zwar den Teil, der mir gerade wichtig erscheint. Mal Leitung, mal Religionspädagogik. Je nach dem wer fragt. Der Rest verwirrt eh nur.

Meine KommilitonInnen (zumindest alle, mit denen ich mich unterhalten habe) wählten eine der folgenden drei Standardoptionen: a) Vikariat, b) Referendariat, c) Arbeiten gehen. So haben sich das die Erschaffer unseres Masters ausgedacht. Alle drei Optionen haben bereits begonnen: Von der einen bekomme ich stete Berichte über Schulstunden und Unterrichtshilfen, von der anderen werde ich ins Pfarrleben hineingezogen (wobei sie auch derzeit mehr in der Schule ist, als im Gemeindehaus) und vom dritten in den Berufsalltag als Pädagogen. Per Mail bekomme ich mindestens jede Woche ein Stellenangebot über den noch bestehenden Semesterverteiler. Mindestens genauso oft werde ich gefragt, was ich denn nun mache. Meine gesamte Umwelt dreht sich um’s Berufsleben, um’s Brötchen verdienen und um Karriere.

Wie schön, dass der Mittelpunkt meiner Welt sich maximal um sich selber dreht. Oder eine Runde um den Wohnzimmertisch. Ich bin nämlich ganz offiziell in Elternzeit. Ich bin Mama und das Vollzeit. Mein Master hat im Titel viele der Kompetenzen, die man als Mama gut gebrauchen kann. Bildung: Auch Sprechenlernen, Farben unterscheiden und eine Biene nicht mit einer Fliege zu verwechseln, ist Bildung. Leitung: Die Logistik der Einkäufe, Tagesplanung und Mitgliedermotivierung und- ernährung obliegen meiner Führung. Religionspädagogik: Wer wäre prädestinierter für Fragen zur Kinderbibel und zum alltäglichen Tischgebet? Das sage ich stolz eben jener Bekannten, die mich fragte. Ich ernte einen distinguierten Blick. Sie scheint mich mit den Augen zu fragen: „Du machst also nichts?“ Tatsächlich sagt sie: „Ah, wie schön.“ Andere sind deutlicher: „Du solltest lieber arbeiten gehen – das wird doch langweilig!“ Oder: „Schick dein Kind doch in die Kita – du wirst verblöden und dein Gehirn verkümmert, wenn du den ganzen Tag nur Babytalk machst.“

„Aber ich lerne doch!“, möchte ich in solchen Momenten gerne ausrufen. Ich lerne und bin aktiver denn je! Ich habe schon gelernt, dass der Sandkasten zwar der Grund ist, warum wir das Haus verlassen haben, aber längst nicht unser Ziel sein muss. Würden wir blind zum vermeintlichen Ziel rennen, entginge uns das beste: Marienkäfer, Hummeln, Blumen, Kieselsteine, Hundekacke, Nachbarn mit Redebedarf, Autos beim Einparken, herunterfallende Federn … Manchmal kommen wir gar nicht beim Sandkasten an. Na, und? Ich lerne Kind zu sein, ich lerne zu leben. Nicht zu funktionieren, sondern zu leben! Karrieretechnisch könnte man das auch so ausdrücken: Das ist pure Burnoutprävention. Wenn ich morgens aufwache, freue ich mich auf den Tag und abends gehe ich glücklich schlafen. Theologisch springt einen die Parallele zur Perikope um Jesus und die Kinder (Mk 10, 13-16) an. Vielleicht ist das Himmelreich ja in der Elternzeit zu finden?

Karriere machen kann ich auch später noch. Andere schieben das Kinderkriegen bis zum letzten Drücker auf und ich eben die Karriere. Die läuft mir nicht weg – mein Kind irgendwann schon. Das wird groß. Es kommt jetzt schon an das dritte Fach in meinem Bücherregal ran. Das weiß ich, weil ich vorhin meine Kartoffeln dort gefunden habe. Mein Handy lag übrigens im Besteckfach und mein MP3-Player sicher in seinen Schuhen in der (leeren) Badewanne. Kreativität lerne ich also auch noch. Und für alle, die um meine Intelligenz bangen: Wenn mein Sohn Mittagsschlaf hält, habe ich alle Zeit der Welt mich mit Karl Barth, Lateinvokabeln oder dem Bibelstudium zu widmen.

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