Liberal oder Konservativ Kirche zwischen Traditionsbewusstsein und Innovationsbereitschaft

Vor kurzem hat mich jemand auf meinen kritischen Blogartikel zum sächsischen Bischof Carsten Rentzing hin gefragt, warum ich mir denn eine liberalere Landeskirche wünsche und ob eine solche Liberalität nicht Gefahr laufe, profillos zu werden.

Die Sache ist folgende: Ich wünsche mir eigentlich gar keine „liberale Landeskirche“.

„Liberal“ und „Konservativ“ sind zunächst einmal nur Behilfs-Kategorien für (im Fall einer Kirche) verschiedene theologische Profile. Vereinfacht lässt sich vielleicht sagen, dass „konservative“ Positionen primär die Tradition bewahren („konservieren“) wollen, wohingegen „liberale“ Positionen solche sind, die vor allem Flexibilität im Umgang mit aktuellen Herausforderungen ermöglichen wollen. Häufig werden „liberal“ und „konservativ“ auch als Vorurteile und Kampfbegriffe gebraucht. Dann haben die Begriffe jedoch nicht mehr viel mit der genannten Definition zu tun. Denn eine Einteilung theologischer Positionen in eine der beiden Kategorien beinhaltet zunächst keine Wertung.

Ich würde behaupten, eine vernünftige Kirche braucht von beidem etwas, Traditionsbewusstsein und Innovationsbereitschaft (oder vielleicht besser: Bereitschaft zur Selbstkorrektur).

Am Ende sind einzelne theologische Streitfragen im Diskurs zu klären. Über die jeweils „richtige“ Entscheidung entscheidet nicht, ob sie eher liberal oder eher konservativ ist, sondern ob sie theologisch schlüssig begründet werden kann.

Ich persönlich brauche nicht unbedingt eine „liberale“ Landeskirche. Viele Positionen, die man als „konservativ“ einordnen würde, finde ich wichtig und richtig (zum Beispiel den Hinweis, dass Jesus Christus unserer Sünde wegen am Kreuz gestorben ist, oder den, dass erfüllte Sexualität den geschützten Rahmen einer verbindlichen Beziehung braucht).[1]

In der Frage der Homosexualität finde ich jedoch die gängige „konservative“ Argumentation nicht überzeugend. Nicht, weil sie mir „zu konservativ“ wäre oder so, sondern weil ich die Aussage, Homosexualität entspreche nicht dem Willen Gottes, nicht theologisch schlüssig finde. Sie lässt sich in meinen Augen nicht aus dem biblischen Befund ableiten (exemplarisch hier erörtert: moehrenzahn.de/Homosexualitaet-im-Roemerbrief-eine-Hilfestellung) und widerspricht wichtigen biblischen Grundsätzen wie der universellen Gottesebenbildlichkeit aller Menschen.[2]

Der Eifer, den viele Christen (die ihrem Selbstverständnis nach konservativ sind) an den Tag legen, wenn es um die Ablehnung von Homosexualität geht („weil es in der Bibel steht!“) ist aus meiner Sicht fehlplatziert. Ein sogenanntes „konservatives Profil“ erschöpft sich heutzutage leider viel zu häufig in einer unreflektierten Verbalinspirationslehre.[3]

Kurzum: Ich wünsche mir keine liberale und keine konservative Kirche. Ich wünsche mir eine (Landes-)Kirche, die Entscheidungen allein auf Grundlage der Schrift trifft und danach strebt, die Worte der Bibel sinngemäßer zu verstehen und sachgemäßer damit umzugehen.[4] Und eine Kirche, die bisherige Entscheidungen revidiert, wenn sich herausstellt, dass sie aufgrund eines falschen Verständnisses der Schrift getroffen wurden (und das scheint im Falle des Umgangs mit Homosexualität in Sachsen aktuell dringend geboten).

Ein klares theologisches Profil ist eine super Sache, darf aber nicht zum Selbstzweck verkommen.


  1. Das Problem, dass sich an dieser Stelle schnell andeutet ist, dass nicht jede theologische Sachfrage immer eindeutig entschieden werden kann. Ich glaube, dass das Wort Gottes uns an vielen Stellen bewusst den Spielraum lässt, selbst eine Entscheidung zu treffen. Hier ist es nicht etwa „liberal“, unterschiedliche Meinungen stehen zu lassen (sofern diese der Schrift nicht widersprechen), sondern einfach nur vernünftig.
  2. Wer diesen Punkt gern fundiert diskutieren möchte, möge bitte davon absehen hier die Kommentare vollzumüllen und schreibe mir lieber eine Mail.
  3. Sehr pointiert (und polemisch) wurde dieses Problem bereits unter der Überschrift „Was heißt hier Konservativ?“ von Philipp Greifenstein behandelt.
  4. Ironischer Weise entspricht diese Haltung exakt den lutherischen Bekenntnisschriften. In gewisser Weise bin ich also stramm konservativ.
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3 Kommentare anzeigen

  1. Chris

    Vielen Dank für den anregenden Artikel!

    Interessanterweise haben wir ja eine lange, mehr als ein Jahrhundert andauernde Tradition liberalen Christentums in Deutschland. Ist nun konservativ, wer diese Tradition erhalten will und so sein theologisches Profil schärft? :-D

  2. Zur Diskussion „liberal/konservativ“ finde ich folgende Unterscheidung wichtig: theologisch liberal bzw. konservativ auf der einen und strukturell liberal bzw. konservativ auf der anderen Seite.
    Meiner Erfahrung nach wird oft theologisch konservativ mit strukturell konservativ gleichgesetzt.
    Konservative Positionen wie beispielsweise die von dir genannten („dass Jesus Christus unserer Sünde wegen am Kreuz gestorben ist, oder den, dass erfüllte Sexualität den geschützten Rahmen einer verbindlichen Beziehung braucht“) können gerade nach progressiven Formen fragen: Wie kann ich das Evangelium in unserer Zeit vermitteln?

    So weit mein Senf,
    Lothar

  3. Oliver

    Oftmals werden sogar die Begriffe vertauscht, sodass viele konservativ-thelogisch denkende Menschen eher liberal sind, obwohl sie konservative Positionen im weltlichen Sinne vertreten.

    Es stimmt leider, dass häufig „liberal“ und „konservativ“ auch als Vorurteile und Kampfbegriffe gebraucht werden.

    In diesem Sinne ist es notwendig, Gegenpositionen zu kennen, um sich behaupten zu können.

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