Moment mal: Barbara

Man muss schon wissen, auf was man sich einlässt. In der Ahnenreihe der Beifahrerin findet sich Barbara. War Barbara eine ehrenwerte Person? Ihr Mann jedenfalls – Hanß – scheint eine gewesen zu sein, er war der örtliche Schultheiß. Barbara, um 1593 geboren, evangelisch getauft, verheiratet mit Hanß Denner. Noch heute gibt es Denners in den Dörfern rund um Dermbach, ihre Namen stehen an Klingelschildern und auf den Gedenksteinen für die Gefallenen. Barbara. Geboren, getauft, verheiratet. Und verbrannt. Verbrannt als Hexe am 17. Juni 1656 in Dermbach. Man muss schon wissen, auf was man sich einlässt.

Ob nun tatsächlich magisches Blut in den Adern Barbaras floss? Die Beifahrerin jedenfalls besuchte das Gymnasium in Kaltensundheim, nicht Hogwarts. Oder andersherum: Vielleicht war ja Barbara die Ausnahme, eine Muggelstämmige, die als Einzige einer langen Reihe von Bauern, Handwerkern, Schultheißen das Zaubern lernte? Sie wird wohl eine besondere Frau gewesen sein. Sicher ist sie es heute, da sie in den Ahnenpapieren durch ihren gewaltsamen Tod heraussticht.

Pfarrer i.R. Hartmut Hegeler kämpft für die Rehabilitierung der Hexen, die gefoltert und verbrannt wurden. Er kämpft dafür, dass die Rechtsnachfolger der damaligen Obrigkeit, d.h. Kreise und Städte, die Ehre der getöteten Frauen wieder herstellen. „Eigentlich sollte es doch eine Selbstverständlichkeit sein, Menschen die als Hexen verfolgt wurden, zu rehabilitieren,“ sagt Hegeler über sein Engagement. „Leider ist es aber ganz und gar nicht so. Bei vielen Städten stoße ich auf Unverständnis – ganz nach dem Motto: Glauben Sie, wir haben nichts Besseres zu tun?“

„Die Zauberinnen sollst Du nicht leben lassen.“

Mittlerweile haben nach seinen Angaben jedoch schon mehr als 40 Städte in ganz Deutschland per Ratsbeschluss die Ehre der damals Ermordeten wiederhergestellt. Und weil wir uns im Sauseschritt auf das Reformationsjubiläum 2017 zu bewegen, gerät auch der lutherische Beitrag an der Hexenverfolgung erneut in den Fokus: Luther befürwortete die Hexenverfolgung und sprach von einem „überaus gerechten Gesetz“. Dabei berief er sich auf einen Vers aus dem Buch Exodus: „Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen.“

„Ein Gedenkgottesdienst wäre ein symbolischer Akt, um zu zeigen, dass sich die Kirche auch mit den dunklen Seiten ihrer Geschichte auseinandersetzt,“ sagte Hegeler dem epd. Ein ähnlicher Gottesdienst hat bereits auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 in München stattgefunden. Der Gottesdienst sei aber vom Arbeitskreis und nicht von der Kirche selbst organisiert worden. Die Kirche müsse die „geistliche Verdammung der Opfer widerrufen und ihre Christenehre wiederherstellen“. Zudem warteten die direkten Nachfahren der Opfer nach wie vor auf eine Geste der Versöhnung.

Weder die Beifahrerin noch andere Anverwandte warten ernstlich darauf, dass unsere Barbara ihre „Christenehre“ zurückerhält. Hat sie jene denn überhaupt durch den dämlichen Verfolgungs- und Gewaltakt, der an ihr vollzogen wurde, verloren? Und was soll das eigentlich sein, die Ehre eines Christenmenschen?

Geistige und leibhaftige Brandschatzung aber trifft auch heute noch immer die Falschen. Welchen Verfolgungs- und Gewalttaten werden unsere Nachfahren einmal gedenken müssen? Werden sie neben den Opfern unseres Denkens, Glaubens und (Nicht-)Handelns auch unsere Christenehre rehabilitieren wollen?

Finite incantatem – Schluss mit dem Spuk

Was machen wir mit den besonderen Menschen? Mit denen, die von der vermeintlichen Norm abweichen? Gepfählt und verbrannt wird man hierzulande nur noch im Sprichwort. Mein Schmunzeln im Angesicht des Engagements von Pfarrer i.R. Hegeler & Co. jedenfalls wird in diesen Tagen von einem unguten Bauchgefühl begleitet.

Was wir getan oder nicht getan haben, das lässt sich nicht wie ein Zauber leicht zurücknehmen – finite incantatem -, das wird uns anhängen und hoffentlich nicht vergessen werden. Die Beifahrerin und ich stoßen heute einmal kräftig an, auf Barbara, die vor dreihundertneunundfünfzig Jahren zu Tode kam, verbrannt als Hexe am 17. Juni 1656 in Dermbach.

 

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