Beten, Bauen, Bier trinken Kirche und Theologie in Hull

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun Religion and Philosophy in Hull/ England und berichte hier regelmäßig über meine Erlebnisse.

Methodistisch

… ist die studentische Bibelgruppe, in die es mich Anfang des ersten Semesters verschlug. Am Sonntag zuvor hatte ich in der methodistischen Kirche bei mir um die Ecke einen sehr sympathischen Gottesdienst besucht. Aber heute sind außer mir komischerweise nur eine weitere Studentin und ein paar ältere Leute mit Kindern erschienen. Vielleicht weil es in dem Gemeinderaum wirklich ungemütlich kalt ist und man es nur mit Jacke halbwegs aushalten kann. So nimmt das Bibelgespräch in kleiner Runde seinen Lauf.

Entgegen meinen Erwartungen besprechen wir keinen zusammenhängenden Text, sondern der Leiter präsentiert so etwas wie die Zusammenfassung seines Glaubens. Von Vers zu Vers springend arbeitet er sich durch die halbe Bibel und kommt zu dem Schluss, dass Gott immer alles gut macht. Wir restlichen Teilnehmer haben wenig Mitspracherecht, aber die anderen murmeln sowieso meist nur zustimmend „Amen“. Doch Aussagen wie „Abraham hätte Isaak bereitwillig geopfert, weil er wusste, dass es eine Auferstehung gibt und er ihn da wieder sieht“ irritieren mich ehrlich gesagt ziemlich.

Noch irritierender wird es, als der Leiter der Bibelgruppe fragt, ob er für den behinderten Sohn des einen Ehepaares beten darf. Die Eltern nicken freudig und stellen sich mit an den Kinderwagen, die Hände in Richtung des Jungen ausgestreckt. Der scheint sich nicht groß dran zu stören, dass der Gesprächsleiter mit lauter Stimme zu beten beginnt. Je mehr Leute sich mit dazustellen und mitbeten, desto gewaltiger wird seine Stimme. „Heile dieses Kind, oh Herr! Und wenn es die Schuld der Eltern ist, wenn sie gesündigt haben, so vergib ihnen!“ Dem Jungen scheint es noch gut zu gehen zwischen all den Händen, die sich ihm entgegenstrecken. Mir allerdings nicht. Ich halte Abstand, bete still ein Vaterunser nach dem anderen und wünsche mich einfach nur weg.

Anglikanisch

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CHEERS! Pfarrer Matt Woodcock bei Werbeaufnahmen für das jährliche Bierfestival. (Bild: Kate Woolhouse)

… ist manchmal ein bisschen verrückt. Nicht nur, dass man in der Kirche durchaus einen Weihnachtsbaum mit Dekor des aktuellen Disney-Filmes finden kann und das Motto für einen Kinderbibeltag schon mal Piraten beinhaltet. Die englische Staatskirche ist bunt und offen. Sonntags gibt es in der großen Stadtkirche von Hull drei verschiedene Gottesdienste: Einen um 9 Uhr in lockerem Rahmen für Familien. Einen kurz nach 11 Uhr mit traditioneller Liturgie und Chor. Und einen am Nachmittag im Gemeindehaus mit kleiner Band und freier Predigt.

Im Gemeindebrief wird auf neue Veranstaltungen wie eine Rock-Eucharistie hingewiesen und zu Spenden für den ambitionierten Umbau des alten Kirchgebäudes samt seines Vorplatzes aufgefordert. Ein Café soll in den Kirchraum integriert werden, ebenso wie ein Laden mit Lernzentrum und die alten Bänke sollen beweglicher Bestuhlung weichen. Das kommt wahrscheinlich auch Veranstaltungen wie dem Real-Ale-and-Cider-Festival entgegen, wenn für ein Wochenende lang eine beachtliche Anzahl von Bierfässern in die Kirche gerollt und anschließend gemeinschaftlich geleert werden.

Katholisch

… sind alle meine Dozenten. Nicht etwa, weil ich an einer katholischen Fakultät studiere, das hat sich einfach so ergeben. Paul, der heute vor uns steht, kam zur katholischen Theologie, weil er nur hier die antiken Philosophen genug gewürdigt sah. Er ist ein sehr gebildeter und engagierter Dozent.

Heute fragt er nach Meinungen zu einer Abhandlung über den Katholizismus als Symbolsystem. Ich fand den Text sehr spannend, bis der Autor seine Ergebnisse an einem Beispiel auszuführen begann und zu dem Schluss kam, dass die Ordination von Frauen in einem christlichen Kontext nicht möglich sei. Die Argumentationsweise (erst wurde hergeleitet, warum Jesus Christus ein Mann hatte sein müssen und daraus dann geschlossen, dass alle, die Christi ehegleiche Beziehung zur Kirche repräsentieren möchten, auch Männer sein müssen) war mir sehr befremdlich.

Ein Semester später besuche ich einen Kurs mit Debattierstunden und muss auf einmal selbst gegen die Frauenordination argumentieren. Wieder ist Paul als Dozent dabei. Zur Vorbereitung lese ich den Text aus dem ersten Semester nochmal und jetzt kann ich zumindest die Logik des Argumentationsganges nachvollziehen. Als ich später nochmal mit Paul spreche, meint er, wie unterschiedlich Theologie doch betrieben werden kann. Er selbst habe zum Beispiel keine Ahnung von exegetischen Methoden, dafür umso mehr von Aristoteles und Co. Die Frage nach der Frauenordination würde ich immer noch anders beantworten. Und ich weiß, dass ich gerade die historisch-kritischen Methoden zur Bibelauslegung in Hull sehr vermisse. Aber ich merke auch, wie viel Spaß das philosophische Denken macht.

Durch die verschiedenen Konfessionen hindurch ist mir Befremdliches begegnet, Lustiges und Kluges. Und auch wenn ich definitiv nicht alles unterstütze, was „die Anderen“ machen, so bin ich doch immer noch der Meinung, dass erst die verschiedenen Ansätze immer wieder zum Nachdenken und Lernen anregen können.

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Und, weil es diesmal so wenig BIlder gibt, zum Schluss noch was Anderes: Bisschen befremdlich, bisschen lustig, aber weniger klug – der Zustand einer englischen Studenten-Küche. (Und wer sich noch an meinen ersten Beitrag erinnert: Das hier ist nicht halb so schlimm, wie das Haus, in das ich nicht einziehen wollte.)

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