Gnocchi rot-weiß Eine satirische Erzählung

Die Geschichte, die ich nun erzähle beruht nicht auf Begebenheiten die mir persönlich widerfahren sind, sie ist vielmehr ein Sammelsurium mir zugetragener Erfahrungsschätze.

Angefangen hat alles mit tiefgefrorenen Shrimps. Das sind die kleinen rosa Würmchen, die man in Fett aus der Pfanne braten kann. Ob ich sie heute noch verzehre? Nein, ich verzichte darauf. Womöglich war die Tiefkühlpackung bereits vorher einmal geöffnet worden und längere Zeit im Sonnenlicht gestanden, weshalb der Geruch beim Anbraten dieser Würmchen intensiver und heftiger war als sonst. Shrimps habe ich lange Zeit gerne gemocht, bis mich am selben Tag ein Kommilitone in der Stockwerksküche meines Studentenheims konsultierte.

Als er den Küchenraum betrat, musste er sich prompt – auf Grund des intensiven Würmchengeruchs – übergeben. Sein mir zu Füßen geworfener Mageninhalt erinnert mich seither jedes Mal an die kleinen rosa Shrimps aus dem Tiefkühler.

Hummus

Unlängst entdeckte ich Hummus bei einem mir nahe gelegenen Diskonter. Der Zufall schien recht passend, da nach dem vorher geschilderten Erlebnis mir Fisch einfach nicht mehr schmeckte. So ernährte ich mich zwei Wochen lang ausschließlich von Hummus.

Hummus auf einer Scheibe Schwarzbrot, Hummus auf einer aufgeschnittenen Semmel, Hummus auf Obst, Hummus auf Knäckebrot, Hummus einfach so. Hummus einfach so ist gar nicht mal so schlecht, nach zwei Wochen aber leider doch. Der fade, nichtssagende, mehlige Geschmack auf der Zunge verschnürt mir mittlerweile die Kehle wenn ich nur daran denke.

Falafel dazu? Kommt nicht in Frage! Nicht nur, dass das Kichererbsenzeug nach rein Garnichts schmeckt, man frittiert es auch noch. Bluthochdruck und Herzinfarktrisiko nimmt man also völlig umsonst in Kauf. Da bleib ich doch lieber bei meinem saftigen Wienerschnitzel und sündige mit vollem Geschmackserlebnis.

Brot

So ließ ich den Hummus weg und widmete mich ernährungsmäßig ganz dem Brot. Brot gibt es in zahlreichen Variationen und so besorgte ich mir ernährungsbewusst eines aus natürlichem Biodinkelmehl mit Sonnenblumenkernen oben drauf. Zu Beginn ging ich von einem Genussbrot aus,so stand es auf der Packung. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Nachdem mein Gesicht honigmelonenartig angeschwollen war, stellte mein Hausarzt fest, dass ich eine Allergie auf Sonnenblumenkerne habe.

So blieb mir nichts anderes übrig als Brot ohne Kerne zu verzehren. Anfangs war das Anfertigen unterschiedlicher belegter Brote – die da wären Honigbrot, Fischbrot, Schinkenbrot etc. – eine spannende und unterhaltsame Geschichte, doch mit der Zeit verging mir zusehends die Lust daran.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein? Ich schon, zumindest für ein Semester. Danach hätte ich mich lieber von Gottes Wort allein ernährt, als noch einmal dieses ekelhafte Zeug zwischen meine Lippen schieben zu müssen. Selbst das Abendmahl musste ich meiden – allein die Einsetzungsworte des Pfarrers verursachten Schweißperlen auf meiner Stirn und meine Nackenhaare stellten sich auf. Womöglich hielten mich dabei manche Kirchenbesucher der hinteren Bankreihe für einen Besessenen.

Spaghetti

Nach meinem „Brotsemester“ versuchte ich es mit Spaghetti. Spaghetti mit Bolognese, mit Gorgonzola, mit Parmesan und Olivenöl, mit Knoblauch und Olivenöl, mit Butter und schließlich mit Ketchup. Letztere „Beilage“ stellte einen weiteren kulinarischen Tiefpunkt meiner Ernährung dar. Dazu kam, dass ich mit der Zeit panisch wurde, sobald Spaghetti am Herd standen, da man Nudeln schließlich nicht mit „Ohne“ essen kann.

Nervös kramte ich im Kühlschrank, um diverse Beilagen zu finden, während die Nudeln im Topf sich langsam mit dem Kochwasser zu einer nicht definierbaren Masse vereinten. Abgesehen von der ekelerregenden Nudelmasse, waren die Beilagen katastrophal ausgesucht. So gab es eines Tages Frankfurter – es handelt sich dabei um eine Wurstsorte und nicht um die Bevölkerung der gleichnamigen Städte – dazu, dann waren es Tiefkühlerbsen, Ananas und zu guter Letzt wieder Ketchup.

Hilfesuchend wandte ich mich erneut an den Supermarkt meines Vertrauens. Ich durchstöberte hastig die Regale. Essen sollte doch einfach und schnell gehen, darf mich nicht von der Uni ablenken und sollte nahrhaft sein. Biologisch? Wenn möglich. Und zumindest bei zwei Mahlzeiten in der Woche wollte ich auf Fleisch verzichten.

Ich erkannte in der Ferne ein goldenes Licht am Horizont. Es schimmerte von weither. Ich sah mich zögerlich um. Die Zeit schien still zu stehen. Plötzlich hörte ich die Bedienung hinter der Wursttheke nicht mehr mit ihrer Kundschaft reden, das chlorierte Putzmittel hatte seine berauschende Wirkung verloren, es gab einfach nur mehr das Licht und mich. Ich ging zuerst zögerlich darauf zu, später rannte ich. Ich hatte den heiligen Gral gefunden: Fertiggerichte. Suppen aller Art, Gewürzmischungen, Reisgerichte, Nudelgerichte, Gnocchi, Tortellini – alles wartete darauf, von mir gekauft und verzehrt zu werden.

Bürgerlich speisen

Ich begann plötzlich bürgerlich zu essen. Als Vorspeise gönnte ich mir beispielsweise eine Grießnockerlsuppe, als Hauptspeise einen chinesischen Erbsenreis und als Nachspeise Pudding. Doch mit der Zeit geschah Seltsames. Ich konnte plötzlich nicht mehr schmecken, ob ich gerade Schokopudding oder Knoblauchcremesuppe aß. Ich wurde panisch. Was hatte ich mir nur dabei gedacht?

Mich musste Gott ja strafen. Mit dem Satan hatte ich mich eingelassen. Tiefkühlpizzen, Packerlsuppen, Packerlessen – alles dieselbe Ausgeburt der Hölle. Nichts mehr schmecken zu können, war wohl die Absicht des Leibhaftigen, um auf der Erde Fuß zu fassen.

Plötzlich erschien mir die goldglitzernde Fratze abermals. Sie leuchtete aus dem Küchenkästchen heraus und versuchte mich zu blenden. Verzweifelt griff ich nach der geöffneten Thunfischdose, die eine Kommilitonin für ihren Salat gebrauchen wollte (sie aß immerzu Salat) und schleuderte die Dose direkt ins Küchenkästchen, auf die rot leuchtenden Augen des mir erschienenen Beelzebub. Rasch rann das Thunfischöl aus der Dose. Weinend versuchte ich die Katastrophe abzuwenden, doch innerhalb von drei Sekunden hatte der Thunfisch mein Küchenkästchen kontaminiert.

Wieder Fisch?

Ich schwenkte gezwungenermaßen wieder auf Fisch um. Shrimps waren es nicht mehr, aber dafür andere Meeresbewohner. Welche? Ich habe keine Ahnung. Woher? Von überall, aber außerhalb Europas. Doch auch das ging nicht lange gut, da durch die Thunfischdose alles nach Fisch roch und ebenso schmeckte – das Brot, die Gewürze, das Salz, das Obst, das Gemüse und sogar der Honig.

Eines Tages jedoch kam mein Retter in die Küche. Es handelte sich um einen deutschen Kommilitonen. Er war von wahrlich nordischer Statur, war groß gewachsen, hatte blonde Haare und blaue Augen. Er war nicht nur „deutsch“ vom Aussehen, er kleidete sich auch standesgemäß.

Er trug ein Ballermann-Shirt, weißgraue Shorts und als krönenden Abschluss weiße Tennissocken mit braunen Sandalen an den Füßen. Er holte in unglaublich erotischer Manier Fertiggnocchi aus seinem Küchenregal, wärmte sie sich im heißen Wasser. Dann gab er sie auf einen Teller, kredenzte sich Ketchup und Majo aus dem Kühlschrank einer befreundeten Kommilitonin, gab von beiden eine kräftig-deutsche Portion hinzu und vermischte anschließend die zusehends rot-weißgefärbten Gnocchi.

Noch heute denke ich an diesen Vorfall. Immer wieder sehe ich mir den dunklen Fleck an der Hinterseite meines Küchenkästchens an. Ich schmunzle. Glücklich hole ich meine tiefgekühlten Shrimps aus meinem Eisfach, richte sie in meiner Pfanne an. Warum ich nicht mehr an das Erbrochene meines Kommilitonen denken muss? Naja, seit dem Vorfall mit dem deutschen Kommilitonen schmeckt mir einfach wieder alles.

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