Moment mal: Der Wille Gottes nach Bischof Rentzing

Man muss sich den neuen Bischof der Sächsischen Landeskirche als glücklichen Mann vorstellen. Denn er hat das, was der Volksmund einen guten Draht nach Oben nennt. Der Wille des Allmächtigen wird in den Händen dieses Mannes greifbar, alle Theologie zum unnützen Zeitvertreib.

Am 29. August wird Carsten Rentzing neuer Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen (wir berichteten). Als ob es in Sachsen nicht aktuell wichtigere Themen gäbe, setzt er noch vor seiner Einführung ein Thema auf die Tagesordnung, das die sächsischen Protestanten bereits in den letzten Jahren umfassend beschäftigt hat (Interview mit DIE WELT): Homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer oder eigentlich umfassender, die Gottgewolltheit der Homosexualität überhaupt. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die von ihm geäußerte Absicht, Bischof aller evangelischen Christen in Sachsen zu sein.

Rentzing, daran können wir alle uns gewöhnen, wird seine Haltung zur Homosexualität nicht ändern. Das ist umso ärgerlicher, weil er seine Homophobie zum Bekenntnisstand erhebt. „Die Freiheit des Bekenntnisses werde jedoch eingeschränkt, ‚wenn Bedenken gegenüber der Homosexualität als rückständig dargestellt werden‘.“

Nein. Rentzing darf glauben und von mir aus auch bekennen, was er lustig findet. Am Bekenntnisstand der Kirche, die ihn zum Bischof gewählt hat, ändert das nichts. Und was der Bischof meint glauben zu können, das wird man wohl tolerieren müssen, kritisieren aber darf man es. Seine Ablehnung von Homosexuellen darf man rückständig nennen, ohne die Bekenntnisfreiheit auch nur zu berühren.

Bestürzend an seinen neuesten Einlassungen ist aber nicht seine Haltung in dieser Frage, die war und ist in Sachsen bekannt. Übrigens auch jedem der Synodalen, die ihn gewählt oder sich in einem Akt großen demokratischen Verantwortungsbewusstseins enthalten haben. Bestürzend ist der schlechte Theologe Rentzing, den sich die sächsische Landeskirche da für zwölf (!) Jahre zum Bischof gewählt hat.

„Wenn homosexuelle Beziehungen in Pfarrhäusern ohne Einschränkungen zugelassen würden, ‚würde die Kirche das Signal setzen, dass Homosexualität aus Gottes Sicht in Ordnung wäre‘, sagte Rentzing.“ Rentzing meint allen Ernstes sagen zu können, was aus Gottes Sicht in Ordnung ist und was nicht. Da nützt auch alles rhetorische Rumgeeiger nichts. Bisher war das gerade unter Protestanten Auslegungssache. „Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe“ waren es, die Luther fehlten, um zu widerrufen.

In einem Kernland der Reformation wird es ab kommenden Wochenende einen Bischof geben, der keine Ahnung von Exegese hat und ihre Ergebnisse wider allen wissenschaftlichen Befund leugnet. Es wird einen Bischof geben, der den fundamentalen Qualitätsunterschied zwischen dem Willen Gottes und allem menschlichen Denken und Glauben nicht begriffen hat.

Rentzing will die Beschlüsse der Synode der Landeskirche mittragen. „Das gehört zu der Last, die ein Bischof tragen muss. Man steht dann für Dinge ein, bei denen man teilweise theologisch anderer Auffassung ist.“ Es stellt sich die Frage, wer für wen die größere Last ist: das Amt für Rentzing oder Rentzing für seine Kirche?

Nach seinem Willen (und dem gegenwärtigen Beschlussstand der Synode) können homosexuelle Pfarrerinnen und Pfarrer in Gemeinden tätig sein und gemeinsam mit ihren Partnern im Pfarrhaus leben, wenn die Gemeinde dies ausdrücklich billigt. Auch die kirchliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sei in sächsischen Kirchen möglich, allerdings nicht in öffentlichen Gottesdiensten, „weil dann wiederum jenes Billigungssignal gegeben würde“.

Das ist einfach nur noch jämmerlich zu nennen. Segnung ja, aber nur im Verborgenen. Wie verträgt sich das mit der Freiheit des Evangeliums? Und wer bitte schön wartet auf die Billigung seiner Partnerschaft durch den Bischof Rentzing? Der Segen Gottes ist unverfügbar, Himmel noch mal.

Gegenwärtig bereiten sich Studierende der Theologie auf ihren Dienst in dieser Landeskirche vor. Sollen sie noch Exegese üben? Kirchengeschichte inkl. der Reformation lernen? Systematisch denken lernen? Sich in guter Seelsorge üben, auch im Umgang mit der Öffentlichkeit? Welches Beispiel gibt der neue Landesbischof den (Theologie-)Studierenden, die sich auf den Dienst im Pfarramt, als Gemeinde- und Religionspädagogen, als Erzieherinnen und Sozialpädagogen und Kantoren in der sächsischen Landeskirche vorbereiten?

Carsten Rentzing stellt sich vor als ein Gegner der Exegese, ein Kirchengeschichtsnovize, als ein bedrohlich uninformierter Systematiker und praktischer Theologe von bedauerlicher seelsorglicher Statur.

Nochmal Luther: „denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, daß sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben, so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes.

Was der Papst Luther gewesen ist, das müsste den Protestantischen unter den sächsischen Protestanten ihr neuer Bischof sein. Gegen das, was Rentzing hier abermals verkündet, sollte man Widerstand leisten: immerzu die Liebe Gottes zu allen Menschen samt ihrer unterschiedlichen Sexualität bezeugen, den Segen Gottes frei und öffentlich verteilen und widersprechen, immer wieder widersprechen. Für die Homosexuellen unter uns, überhaupt für jede Minderheit und um unser selbst Willen. In diesem Sinne, Herr Bischof Rentzing: Willkommen im Amt!

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46 Kommentare anzeigen

  1. wem der herr ein amt gibt, dem gibt er den verstand. auch volksweisheiten stimmen nicht immer. manchen steigt das amt zu kopf und lässt dem verstand keinen raum. man sollte diesem herrn eine meditation vor der altarskulptur in der dreikönigskirche in dresden empfehlen. https://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/2954893309/in/album-72157607697145204/ vielleicht wird er angesichts seines herrn milder.
    ansonsten: ein schönes klares wort. gut, dass theologiestudenten mutig sind und nicht kuschen.

    • Mark Megel

      Naja, ich muss leider sagen, dass es eigentlich eher mutig ist sich an den theologischen Fakultäten zu den Positionen unseres neuen Bischofs in Sachsen zu bekennen. Das was Herr Greifenstein hier vorträgt, ist universitärer Mainstream und auch das, was man sonst in der EKD in den Leitungsgremien Land auf und Land ab hört. Daher wäre die mutige Position die von Herrn Rentzing.
      Ich nehme an, der Artikel der Welt, auf dem die Meldung des EPD bassiert wurde vom Verfasser nicht gelesen, denn jener ist wesentlich differenzierter. Ich kenne Herrn Rentzing persönlich und schätze ihn als sehr guten Theologen. Seine Argumentation ist in voller Übereinstimmung mit den Lutherischen Bekenntnisschriften, die bei uns in Sachsen nun mal in Geltung sind. Von der Liebe Gottes weiß er auch viel zu erzählen, nur ist diese beim ihm kein Prinzip, mit dem man alle unbequemen Aussagen der Bibel wegwischen kann. Gerade mit der Exegese macht es sich Dr. Rentzing nicht so leicht, wie der Verfasser dieses Blogbeitrages und springt eben nicht einfach auf den Mainstream auf.
      Außerdem ist das Hauptanliegen unseres zukünftigen Bischofs sicher nicht der Kampf gegen die Homosexualität, aber dessen Stellung zu selbiger ist halt für viele ein Reizthema und deswegen wird er immer wieder darauf angesprochen.
      Abschließend bleibt mir nur zu sagen, dass dieser Blogbeitrag vor unwahren Diffamierungen nur so strotzt. Herr Rentzing ist bestimmt kein uniformierter Systematiker – in diesem Fach der Theologie hat er übrigens seinen Doktor – er bezieht ja gerade Positionen, die in unseren Landen unbequem sind. Herr Greifenstein schreibt die uniformierte Position hier im Blog herunter.

      • dierk schäfer

        Das ist ja nett, wie Sie Ihren Bischof verteidigen. Mir geht aus mancherlei Gründen der Respekt vor Bischöfen ab. Doch unabhängig davon: Sie verteidigen ihn mit theologischen und bekenntnisschriftbasierten Gründen. Das ist Ihr gutes Recht, schließlich werden Pfarrer auf die Bekenntnisschriften verpflichtet. Doch auch die sind kontextuell zu interpretieren. Mainstream ist ein theologisch nicht seriöses Argument. Dennoch wäre zu respektieren, dass die momentane summa theologica durchaus theologisch ernstzunehmensde Gründe haben könnte. Die Tatsache, dass jemand in einer theologischen Subdisziplin seine Promotion geschrieben hat, lässt zwar vermuten, dass er in diesem Bereich nicht leichtfertig argumentiert, macht ihn aber noch nicht zum praeceptor theologiae oder gar zum Kirchenvater. – Ganz nebenbei denke ich, dass Sachsen zurzeit ganz andere Probleme hat, um die sich ein Bischof kümmern sollte. – Vielleicht tut er das ja. Wäre gut.

      • Hallo Mark,

        Mein Problem ist, dass ich nicht verstehe, was Herr Rentzing überhaupt für eine Exegese betreibt um zu seinem Ergebnis zu kommen. Scheinbar ist dir diese Exegese vertraut? Kannst du mir das erklären bzw. mir einen Literaturtipp oder einen Link, wo diese „Bekenntnisschriftgemäße Exegese“ nachvollziehbar erklärt wird?

        Bis dahin haben wir nämlich als Quelle nur das WELT-Interview, und dort äußert sich Herr Rentzing (m.E.!) nur sehr oberflächlich und tendenziell widersprüchlich.

        • ds

          Systematiker nutzen zuweilen Bibelstellen, wie sie in ihr System passen. Das muss aber kein Fehler sein. Doch hinter den Eigenwilligkeiten kommt der Mensch zum Vorschein. Auch das muss kein Fehler sein. Die Sachsen haben diesen Bischof gewählt. Nun ja, vielleicht war das der Fehler.

        • dergestalt

          „wir haben als Quelle nur das Welt-Interview“
          aha. Unfähig, Suchmaschinen zu benutzen, und anderen das Theologesein absprechen. Dann spreche ich dir eben das Selbstständigsein ab. Wenn es dich wirklich so sehr interessiert: Texte von dem Herrn Rentzing zur Hermeneutik lassen sich (sogar im Internet) finden: „20 Thesen“ hieß das Papier, glaube ich.
          Ein Interview steht i.Ü. selten für dialektische Diskurse, sondern ist meist eine kurze Darstellung, oft auch noch durch den Journalisten verfremdet. Es sollte also nicht wirklich als allein gültige Quelle für das Herausfinden einer Ansicht benutzt werden.

          • Hi Mark,

            danke für deine Mühen. Die Thesen kannte ich natürlich schon, fand sie aber was Exegese betrifft wenig hilfreich.

            Der Vortrag war schon eher das wonach ich suchte. Auch wenn man m.E. mit Rentzings dort dargelegten Auslegungskriterien gerade beim Thema Homosexualität auch zu einem anderen Ergebnis kommen kann (eigentlich sogar muss) als Rentzing. Aber das ist vielleicht ein Thema für einen eigenen Beitrag.

      • Ui, ui, ui. Die Disk ist hier schon ziemlich unübersichtlich geworden, trotzdem hier mal ein paar Zurechtrückungen von mir:

        Daher wäre die mutige Position die von Herrn Rentzing.

        „Mutig“ ist ja nicht dasselbe wie „notwendig“ oder „richtig“. Wenn wir nur noch in der Pflicht stünden, öffentlich zu bekunden, wozu ne Menge Mut nötig ist, dann herzlichen Glückwunsch. In dieser Logik dürften wir alle uns nicht gegen Nazis äußern, denn die sind ja auch in der Minderheit. Ich halte meine Äußerungen jedenfalls nicht für besonders mutig (das auch zu den Vermutungen weiter unten bzgl. irgendwelcher Leitungsämter und Bewerbungsphasen, das hab ich aber eh nicht so richtig verstanden). Ich denke unsere Streitkultur – auch innerkirchlich – sollte das schon aushalten können.

        Seine Argumentation ist in voller Übereinstimmung mit den Lutherischen Bekenntnisschriften, die bei uns in Sachsen nun mal in Geltung sind.

        Meine Argumentation ist auch in voller Übereinstimmung mit den lutherischen Bekenntisschriften. Überraschung? Nein, nicht wirklich, denn als Texte sind auch sie auslegbar und ich gehe noch weiter in die „kackliberale“ Richtung: auslegungsbedürftig!

        Gerade mit der Exegese macht es sich Dr. Rentzing nicht so leicht, wie der Verfasser dieses Blogbeitrages und springt eben nicht einfach auf den Mainstream auf.

        Theologisch bin ich gerne mal auf dem Sprung, wenn mir etwas einleuchtet. Wie Sie meinen bescheidenen „publizistischen“ Bemühungen auf meinem Blog (immer einen Besuch wert: philipp-greifenstein.de) oder hier auf theologiestudierende.de entnehmen können, beschäftigt mich dieses Thema jedoch schon eine Weile. Ich behalte mir meine evangelische Freiheit also vor.

        Außerdem ist das Hauptanliegen unseres zukünftigen Bischofs sicher nicht der Kampf gegen die Homosexualität,

        Schon klar. Deshalb spricht er im Interview mit einer der größten Tageszeitungen des Landes nur darüber und über die wirklich wichtigen Sachsenthemen nur im letzten Absatz. Das mag den Fragen geschuldet sein, könnte man einwenden, wenn man blauäugig davon ausgeht, dass Herr Rentzing auf den Verlauf und Abdruck des Interviews keinerlei Einfluss gehabt hat. Seine zuvor geäußerte Absicht, gerade auch in dieser Frage für alle evangelischen Christen in Sachsen (und deshalb ausgleichend und „überparteiisch“) sprechen zu wollen, lässt das jedenfalls in anderem Licht erscheinen.

        Herr Rentzing ist bestimmt kein uniformierter Systematiker – in diesem Fach der Theologie hat er übrigens seinen Doktor – er bezieht ja gerade Positionen, die in unseren Landen unbequem sind.

        Ich schrub: „Carsten Rentzing stellt sich vor als ein Gegner der Exegese, ein Kirchengeschichtsnovize, als ein bedrohlich uninformierter Systematiker und praktischer Theologe von bedauerlicher seelsorglicher Statur.“ Das was ich in den Wochen vor und seit seiner Wahl von ihm vernommen habe, lässt mich zu diesen Schlüssen kommen. Die Bibel allein wörtlich zu verstehen ist keine Exegese. Eigene moralische Überzeugungen ständig zu Bekenntisfragen hochzujazzen zeugt imho von wenig kirchengeschichtlichen Geschick. Den Willen Gottes mit dem Ergebnis der eigenen Bibellektüre gleichzusetzen und nur ein demgemäßes Leben für „gesegnet“ zu halten, davon, nicht sonderlich viel von Systematik zu verstehen – jedenfalls nicht mit der gebotenen Zurückhaltung und Demut vorzugehen. Und schließlich sind seine Äußerungen nicht nur für die „Betroffenen“, sondern für viele Christen in Sachsen ein seelsorgliches Problem, weil man sich schon die Frage stellt, ob man gerne bei einer Kirche dabei ist, die Menschen verletzt und abwertet, statt ihnen Heilung und den Segen Gottes zu verkündigen.

        Meine Kritik umfasst auf diese Weise die Hauptfächer der Theologie, mit der sich manchmal mehr, manchmal weniger alle Auszubildenden und Studierenden der Kirche zu beschäftigen haben. Es bleibt bei meiner Frage: wozu dies eigentlich noch notwendig ist, wenn von „oberster Stelle“ die Notwendigkeit solchen Nachdenkens negiert wird?

        Abschließend: Ich weiß nicht, ob Herrn Rentzings Überzeugungen unbequem sind. Sie stoßen in der breiten Öffentlichkeit jedenfalls auf Unverständnis (siehe „Mut“-Argument weiter oben). Mir scheinen sie aber doch in anderem Wortsinn recht bequem.

        Mehr vielleicht später und an anderer Stelle.

        • dergestalt

          es ist halt ein wenig billig, zu unterstellen, dass Herr R. meine, man müsse die Bibel „allein wörtlich“ nehmen, und dass er sich alle Dinge ganz einfach mache. auch ohne die Meinung R.’s zu teilen kann man hierzu sagen, dass dass diese Unterstellung ohne Grundlage ist, also entweder dumme oder bösartige Meinungsäußerung. Vermutlich ersteres. Und deshalb braucht sich Herr Greifenst. nicht zu wundern, wenn man ihm nicht zustimmt. Kritik am Interview ist legitim. Unterstellung falscher Tatsachen und Beleidigung aufgrund der Unterstellungen zeugt von Intoleranz.

    • dergestalt

      Beleidigungen sind also ‚mutig‘.

      • ds

        beleidigungen habe ich nicht wahrgenommen. aber wenn schon, es gibt ein englisches sprichwort: when you can’t stand the heat, stay away from the kitchen.

        • dergestalt

          was macht es mutig, Kritik zu formulieren, die man überall in Bezug auf das Interview finden kann? zumal bei einem Studenten, der diesen Bischof nicht zum Chef haben wird.
          also, was soll das mutige an dieser inkompetenten schreiberei sein? oder findest du es mutig, weil es deiner meinung entspricht, du dich aber nicht traust, selber einen solchen schwachsinnsartikel zu schreiben? bist du etwa zu wenig theologe, um ein paar zeilen aufs papier zu bekommen?
          notiz: für evtl. Beleigungen gilt: when you can’t stand the heat, stay away from the kitchen.

          • dierk schäfer

            Es war mein Fehler, Sie auch nur ansatzweise ernstgenommen zu haben. Sie führen einen „nom-de-guerre“, Herr oder Frau „dergestalt“, vielleicht aber auch Transgender. Wie dem auch sei. Wer mich googelt, der kann bis zu meiner Haustür kommen, sieht meine Photos, meine Blogeinträge, meine Leserbriefe. Sie aber zählen zu den pubertären Netzindianern, die als „Adlerauge“, „Schwarzer Bär“ oder „Morgenröte“ „dergestalt“ unterwegs sind, dass sie unerkennbar bleiben. Früher hätte man Leute wie Sie für „nicht sanktionsfähig“ erklärt. Da ich nichts von schlagenden Verbindungen halte, wähle ich das Epitheton „degoutant“. Wenn Sie Ihr Visier hochklappen, könnten wir miteinander reden, vielleicht sogar eine ernsthafte theologische Diskussion führen. Bis dahin sind Sie für mich bestenfalls eine „quantité negligeable“.
            Doch ich bin Ihnen auf die Schliche gekommen. Bei meiner Bettlektüre stieß ich bei Heinrich Heine auf Sie, auf „dergestalt“. Sie sind ertappt. Hätten Sies’s gedacht?
            Ich habe mir die Freiheit genommen, Ihren Namen im Text hervorzuheben:
            »Und wirklich, als ich das bläßlich besorgliche Gesichtchen und die geschäftig zwinkenden Äuglein näher betrachtete, erkannte ich jemanden, den ich eher auf dem Berg Sinai als auf den Apenninen erwartet hätte, und das war kein anderer als Herr Hirsch, Schutzbürger in Hamburg, ein Mann, der nicht bloß immer ein sehr ehrlicher Lotteriekollekteur gewesen, sondern sich auch auf Hühneraugen und Juwelen versteht, „dergestalt“, daß er erstere von letzteren nicht bloß zu unterscheiden weiß, sondern auch die Hühneraugen ganz geschickt auszuschneiden und die Juwelen ganz genau zu taxieren weiß.« (Heinrich Heine, Bäder von Lucca, 1829)
            Heureka!
            Ich stelle meinen Post auch in meinen Blog, weil auch bei mir solche Indianer unterwegs sind. Doch als Administrator erfahre ich immerhin ihre Mailadresse und die IP-Nummer.

  2. Alin Codrescu

    What a flexible „exegesis“ you practice to justify homosexual priests, this is the absolute elasticity, not Christianity in any case, but an ideological taking-over of Christian teachings. Brave new theology, dedicated not to teach men how to sacrifice their lust, but to confirm people they are good in their sin. Congrats.

  3. Spassheide

    Ist vielleicht auch eine Folge, dass gemäßigte und Leute mit einem Minimum an Grips schon geflüchtet – äh, ausgetreten sind. Sachsen spielt nur eine Vorreiterrolle, da hier Diaspora-Effekte die Entwicklung beschleunigen.

      • Spassheide

        In welche? In die liebe oder die kleine? Und was soll das bringen?

        • dierk schäfer

          gute frage! aber: muttu selber wissen.

          • Spassheide

            Niveaulimbo?
            Oder ratlos?
            Oder was?

    • dergestalt

      Genau, Leute, die nicht meiner Meinung sind, sind dumm.
      Aber ich selbst bin tolerant und aufgeklärt.
      Ach, übrigens, alles, was ich nicht verstehe, ist eine falsche Meinung. Jede Meinung, die ich nicht teile, zeigt an, dass der Andere keine Intelligenz besitzt.

      • Spassheide

        Meinungäußwerung? Eher komische Ausdruckweise. Oder ist der Kita-Ausdruck „muttu“ neuerdings eine Meinung? Kontext! Ok?

        • ds

          bissu spaßvogel oder hattu nich richtich verstanden?

          • Spassheide

            Komisch, irgendwie beschleicht mich das Gefühl, recht zu haben…
            Ach, Herr Schöfer, vielleicht denken sie mal beim nächsten grünen Tisch über die sächsische Situation nach.

      • Christoph

        Ich habe gestern bei Herbert Marcus etwas sehr passendes gelesen:
        „…was heute als Toleranz verkündet und praktiziert wird, (dient) in vielen seiner wirksamsten Manifestationen den Interessen der Unterdrückung.“

        Leute wie Philipp passen, finde ich, sehr gut dort hinein. Oft sind sie intoleranter und unterdrücken weitaus mehr als jene, denen sie es selbst vorwerfen. Solange man aber brav im Mainstream bleibt – und der Begriff passt hier sehr wohl und sehr treffend! -, kräht auch kein Hahn danach, wie es denn um die echte Toleranz der Toleranten bestellt ist.
        Und nebenbei: aus der ganzen Verblendung die im obigen Artikel hervorstrahlt Theologie herauszulesen ist wirklich eine Kunst für sich!

        • Christoph

          Herbert Marcuse freilich und es war auf dergestalts Kommentar vom 25., 15.21 Uhr bezogen.

  4. ds

    sollte klar sein, das mir mich die „liebe oder die kleine“ nicht infrage kommen. wie sie’s halten wollen, ist ihre sache.

    • Spassheide

      Aber erst den Vorschlag machen…

      • ds

        Ironie muss man schon erkennen können.

        • Spassheide

          Bei ihrer Ausdrucksweise fällt das etwas schwer. Aber gut, dass sie wenigstens kirchenmitglied sind.

          • ds

            o, spaßheide: ein heidenspaß. bin sogar pfarrer.

            • Spassheide

              Von der kleinen oder von der lieben?

              • ds

                von der real-existierenden kirche jesu christi zu württemberg.

  5. Christoph

    Danke Mark Megel!
    Genau so empfinde ich das auch, und sicher viele die nicht so gefrustet Kindertheologie betreiben, nur weil der neue Bischof nicht ihren intoleranten Standpunkt vertritt.

    Vor allem aber auch wird hier vergessen, dass Jesus im Rückgriff auf das AT sagt: „Ein Mann wird Vater und Mutter verlassen…Der Mann und die Frau werden ein Fleisch sein…Was Gott zusammengefügt hat soll der Mensch nicht scheiden…“ (Mk. 10,7 ff.).
    Es ist eben unsolide, populäre und propagandistische Exegese die hier betrieben wird!

    • ds

      Am 23. Juli wurde ein Photo getwittert. Zwei alte Männer, die sich küssen. Nach 54 Jahren hatten sie die Möglichkeit, „anständig“ zu heiraten und haben es sofort getan. Das Bild hat mich besonders berührt, weil meine Frau und ich in diesem Jahr unser 54jähriges Kennenlernjubiläum feiern konnten. Die zwei alten Männer haben 54 Jahre illegal zusammen gelebt. Welches Unrecht haben wir, unsere Gesellschaften, unsere Kirchen solchen Menschen angetan! Auch wenn es manche Fundamentalisten nicht wahrhaben wollen: Menschenrechte sind wichtiger als religiöse Traditionen. Wenn Sie’s biblisch haben wollen: Der Sabbat ist für den Menschen da – und nicht umgekehrt.

      • dergestalt

        wer das Interview gelesen hat, kann feststellen, dass R. niemandem seine Freiheit zum eigenverantwortlichen Umgang mit der Thematik abgesprochen hat. Ein Verbot der ‚Homo-ehe‘ hat er nicht gefordert.
        Das sagt noch nichts über seine konkrete Meinung, bedeutet aber, dass Ihr Post sinnlos in Bezug auf den Text und das Interview, auf das der Text sich beziehen will, ist.

  6. ds

    jemand auf der leitungsebene sollte sich, schon in der bewerbungsphase, seiner öffentlichen verlautbarungen zu strittigen fragen bewusst sein. ist er ja vielleicht auch – um so schlimmer.

    • Christoph

      Oder eben umso besser, das kommt wohl auf den Blickwinkel an!

  7. Wenn hier etwas nüchterne Nachfrage erlaubt ist:
    Mich würde dieser exegetische Mainstream interessieren. Ich habe im letzten Semester eine Ausarbeitung über Röm 1,26ff geschrieben und die Bedeutung des para physin in Paulus‘ Argument darin. Dabei schien es mir eher so, als würde der überwiegende Teil der Exegeten – konservativer wie progressiver Seite – durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass Paulus an der Stelle schöpfungsordentlich argumentiert und den homosexuellen Akt meint. Was nicht grundsätzlich klärt, wie wir heute darauf zu reagieren haben, freilich. Aber wäre das dann nicht eher eine hermeneutische als eine exegetische Frage?

  8. Niklas der Zimmermann

    In einem berühmten Film sagt Forest zu Jenny: „Ich bin kein kluger Mann, aber ich weiß was Liebe ist!“ Ich bin kein großer Philosoph oder Theologe, aber ich weiß was eine Frechheit ist!! Das ist alles was ich dazu sagen kann.

  9. Christian

    Was Carsten Renting tut ist „Ringen“. Bitte lest das Welt-Interview. Lest, was er sonst sagt. Er tut das in Demut vor dem, was wir uns als Kirche nicht selbst gegeben haben und geben können. Außerdem wird er immer wieder darauf angesprochen und sucht sich das Thema nicht selbst. Klar, dass plakative Headlines gesucht werden. Ich nehme ihn so wahr, dass sein eigentliches Herzensanliegen der Gemeindeaufbau ist. Aber ihm geht es natürlich auch gerade darum, dass die Kirche theologisch geführt und geleitet wird – solide Grundlagen also. In dem Vertrauen, dass darin Gottes ganze gute Absicht mit uns zu finden ist. Es ist doch gut, dass ein Bischof so viel Wert auf theologische Klärung, Erklärung und Argumentation legt. Schaut doch mal wie intensiv in der Kirchengeschichte theologisch gerungen wurde. Dafür war und ist Carsten Rentzing in den letzten Jahren immer ein Beispiel.
    Ja, Theologiestudenten sollen ordentlich Theologie lernen. In Verantwortung und Demut vor dem, was uns gegeben ist darum ringen, was Gott uns zu sagen hat. Alles ist nötig, jede theologische Disziplin.
    Was ist gute Exegese? Vermutlich nicht unbedingt der deutsche theologische Mainstream – ja, ich benutze das Wort – bei dem selten ergebnisoffen geforscht werden darf. Und bin mir ziemlich sicher: Auch solide historisch-kritische Exegese kommt zu keinem anderen Schluss als zu dem, zu dem Dr. Rentzing hier kommt (auch wenn das ein Zeitungsinterview ist und er sicher noch viel mehr dazu zu sagen hätte). Die historisch-kritische Exegese zieht vielleicht am Ende andere Schlussfolgerungen (für die wir wieder eine sachgemäße Systematik brauchen), was die Verbindlichkeit dessen angeht, was dort steht. Dort brauchen wir gute systematische Grundlagen. Aber dass Paulus und das AT und das ganze biblische Zeugnis klar und deutlich ist, ist nur mit Vermutungen und Verbiegungen von der Hand zu weisen. Und er redet davon nicht von oben herab. Ich erwarte von einem Bischof, dass er das Wort Gottes sachgemäß auslegt. Und genauso natürlich seelsorgerlich (was er hier tut). Und in Vollmacht. Das ist mein Gebet für ihn.

    • dierk schäfer

      dann sollte er beim „ringen“ auch andere theologisch verantwortete und verantwortbare positionen einbeziehen.
      http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-08/sexualitaet-evangelische-kirche-ekd-grundsatzerklaerung/komplettansicht
      „Religionen können in der freiheitlich-demokratischen Verfassungsordnung nur dann eine produktive öffentliche Rolle spielen, wenn sie sich die Ideen von Menschenrechten und Demokratie theologisch anverwandeln.“ (Quelle: Hans Michael Heinig, Der Protestantismus in der deutschen Demokratie FAZ in: Montag, 24. August 2015, S. 6). es ist eine späte theologische errungenschaft, menschenrechten den vorrang zu geben. wir sollten sie nicht einschränken zulasten homosexueller partnerschaften.

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