Lesenswert #24 – Heißer evangelischer Sex

Überschriften mit „Sex“ im Titel klicken sich erfahrungsgemäß gut. Um diesen Effekt nun auch in dieser Kolumne aufzugreifen: hier eine Reihe von Links rund um die schönste Nebensache der Welt.

Sexualität: Sex auf Evangelisch

Aufhänger für das Thema ist natürlich das neu erscheinende Buch „Unverschämt – schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah“, die Reste des Textes, der der EKD zu heiß war. Auf ZEIT online gibt es einen Ausschnitt zu lesen:

Für eine Kirche, die sich vom Wort Gottes her versteht, ist die Verkündigung als gemeindliche Aufgabe zentral. Wenn Sexualität in Gottesdienst und Predigt thematisiert wird, muss dies nicht stets in Form einer Problematisierung geschehen. In der Praxis der kirchlichen Verkündigung können die evangelischen Gemeinden darum verstärkt die leib- und sexualfreundlichen biblischen Texte ins Spiel bringen. So manche evangelische Gemeinde hat zum Beispiel in jüngerer Zeit den Valentinstag entdeckt: In besonderen Gottesdiensten können Paare ihre Liebe, die eben auch eine körperliche Seite hat, feiern; sie können dafür danken und dafür bitten.

Es ist etwas albern, dass dermaßen viel über ein Buch gesprochen wird, dass noch nicht mal erschienen ist. Aber wenn dadurch ein Thema aufgearbeitet werden kann, zu dem es offenbar noch reichlich redebedarf gibt, dann nur zu.

Regeln für christlichen Sex: „Dankbar sein! Menschlich bleiben!“

Interview mit Peter Dabrock, Co-Autor von „Unverschämt – schön. Sexualethik: evangelisch und lebensnah“ auf evangelisch.de:

Es interessiert eben doch viele Menschen, was aus dem großen Bereich der Religion zum Themenfeld Sexualität gesagt wird – sei es in Zustimmung, sei es in Ablehnung, sei es in purer Neugierde. Man weiß, dass es kulturgeschichtlich immer einen engen Zusammenhang zwischen Religion, Moral und Individualmoral – sprich hier: Sexualmoral – gegeben hat. Im Christentum hat sich dabei vor allem eine lange Geschichte von Repression, von Unterdrückung, von Verklemmung als fatal erwiesen. In diese Kerbe wollen wir stoßen: Wir wollen zeigen, dass Religion, konkret: der christliche Glaube in evangelischer Perspektive, und verantwortete Sexualität gut miteinander vereinbar sind.

Interessant finde ich, wie Dabrock auf die Frage reagiert, ob das Buch der gleiche Text sei, den ursprünglich die EKD veröffentlichen sollte. Offensichtlich gab zu diesem Paper kontroverse interne Diskussionen – ich frage mich, wie der EKD-Rat zur Veröffentlichung dieses Buches steht.

Plädoyer fürs Händchenhalten – gegen neumodische Abständigkeit

Eine freundliche Berührung muss nicht gleich Sex sein (OK, zweifelhafte Überleitung): Auf kirchengeschichten gibt es ein schönes Playdoyer für das Anfassen im Gottesdienst zu lesen:

Auf dem Abendmahlstisch stehen halbleere Kelche, ein-zwei Teller mit Brotstückchen und -krümeln, ein paar zusammengeknüllte Stoffservietten. Ein bisschen unordentlich, aber irgendwie stimmig. Man sieht, dass Menschen hier gefeiert, gegessen und getrunken haben, wie ein Esstisch nach einer Feier. Die Feiernden stehen noch im Kreis um den Tisch, und während die Orgelmusik langsam verebbt, nehmen sie sich bei der Hand. Manche greifen beherzt und routiniert nach der Hand ihres Nebenmanns oder ihrer Nebenfrau. Andere zögern, lächeln nervös, ihr Blick flackert unsicher im Kreis umher. „Christus spricht: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben… so geht hin im Frieden des Herrn.“ Bei den letzten Worten blicken sich die Leute an, nicken einander zu, manche drücken die Hand ein bisschen extra. Schnell lösen sich die Hände wieder voneinander, der Moment ist verflogen, alle gehen zurück zu ihren Plätzen, manche bleiben noch ein wenig stehen, spüren nach, schmecken nach, folgen ihren eigenen Gedanken oder beten.

Den Faden von Holger Pyka hat auch unser eigener Autor Philipp Greifenstein in seinem Blog aufgegriffen.

Lectio brevior: Das „authentische Wort“

Habt ihr von diesem unglücklichen Vortrag des katholischen Bischofs Vitus Huonder gehört, der sich … uneindeutig zur Todesstrafe für Homosexuelle geäußert hat? Gerd Häfner hat diese Affäre zum Anlass genommen, sich auf seinem Blog sehr ausführlich und differenziert die exegetischen Hintergründen von Lev 18,22, 20,13 und Gen 1 und 2 zu äußern – natürlich mit der üblichen Prise Sarkasmus:

Und so zeigt sich: Wer sich auf die Bibel als »das authentische Wort, das Wort der Offenbarung« beruft, dem muss gar nicht so furchtbar viel an diesem Wort liegen, dass er alle Mühe auf sich nimmt, um dessen Sinn zu erkunden. Was er sagen will, gewinnt er nicht aus der Bibel; und die kommt nur insofern zu Wort, als sie bestätigen darf, was man auch ohne sie weiß.
Dass dabei die Illusion erzeugt wird, eine Eindeutigkeit des Gotteswortes auf seiner Seite zu haben – das ist das eigentlich Ärgerliche an diesem Vortrag Bischof Huonders. Irgendwie hatte man nach Dei Verbum den Eindruck, schon einmal weiter gewesen zu sein.

Eine andere ausführliche Replik zum Vortrag Bischof Huonders wäre diese von Werner Kleine.

„Homosexualität“ im Römerbrief – eine Hilfestellung

Zum Schluss erlaube ich mir noch etwas Eigenwerbung. Für eine dieser Diskussionen auf Facebook habe ich auf meinem Blog darüber geschrieben, wie ich die Stelle im Römer 1 verstehe, in der Paulus so harte Worte für die „unnatürliche Verirrung“, wenn „Mann mit Mann Schande“ treibt, findet:

Ich kenne Christen, die mir anvertraut haben, dass sie wünschten, derartige Stellen gäbe es nicht in der Bibel und Gott wäre es einfach egal, welche sexuelle Orientierung ein Mensch hat. Denn offensichtlich sind Homosexuelle keine schlechteren Menschen oder gar schlechtere Christen. Aber gleichzeitig sehen sich diese Christen unbedingt an das Wort Gottes gebunden und können und wollen sich nicht über ein in ihren Augen so eindeutiges Schriftwort hinwegsetzen.
Dieser Text soll eine Hilfestellung sein, zu einem differenzierten Umgang mit Röm 1,26f zu gelangen.

Der Text kann und soll nur Anstoß zum selbst weiterforschen sein. Wenn jemand eine Ergänzung oder Anfrage hat, will ich diese gern mit aufnehmen.

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