Von Zwickauer Propheten, Popmusik und Schrotflinten–Luther

Angenommen Martin Luther wäre Britney Spears, dann wären Nikolaus Storch, Thomas Drechsel und Markus Thomas Badstübner seine*ihre Backgroundtänzer. Keiner kennt sie. Keiner interessiert sich für sie. Keine Show könnte ohne sie funktionieren.

Themenmonat Islam und Theologie

Viele Muslime leben seit Jahrzehnten (manche gar seit Jahrhunderten) in Europa, andere wandern zur Zeit ein oder befinden sich auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung. Welche Rolle spielt ihre Religion in diesen Konflikten und in ihrem Alltag? Welche Impulse gehen von der islamischen Theologie aus? Was kann die christliche Theologie zur Debatte beitragen? Was können wir voneinander lernen?

Anfang 1521 trifft in Wittenberg eine dieser Background-Boygroups ein. Möglicherweise bereits ihre 72 Jünger – lies: Fanboys – im Schlepptau. Ihre Botschaft ist der perfekte Popsong: Einfach. Eingängig. Anrüchig. Gott redet nicht nur durch die Bibel zu uns, sondern durch den Heiligen Geist im Inneren. Die Bibel sei zwar gut und schön, aber einen papiereneren Papst wolle nun wirklich keiner. Das theologische Studium ist konsequenterweise vergebens. Im Vibe ihrer Auftritte schwingt ein Stück biblizistische Anarchie mit. Melanchthon geht es dabei nicht anders als uns, als wir das erste mal „Oops! … I did it again“ hörten. Im Nachhinein ist es uns vielleicht peinlich, doch im ersten Moment ist der Sound unschlagbar.

Doch nicht anders als der durchschnittliche ‚Sommerhit‘ ist die Halbwertszeit der Boygroup in Wittenberg begrenzt. Luthers Rückkehr nach Wittenberg macht kurzen Prozess mit diesen pneumatischen Popmusikern.

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„Hasta la Vista“ schreiend schwenkt er seine theologische Schrotflinte und schießt auf alles, was sich bewegt: „Schwärmer. Überall Schwärmer!“, hört man ihn noch in Allstedt, Straßburg und Zürich rufen. Möglicherweise seit diesem Tag sind die Pneumatiker, Spiritualisten und andere Schwärmer aus dem (deutschen) Universitätsbetrieb verschwunden und nie wieder gekommen. Zugegeben: Kein gestaltender Teil des akademischen Diskurses zu sein, bereitet ihnen wahrscheinlich keine schlaflosen Nächte. Trotzdem ist es ein unglaublicher Verlust für die akademische Theologie. Der durchschnittliche Christenmensch, um es mit Luther zu sagen, ist im 21. Jahrhundert schon lange nicht mehr weiß, westlich und ein Fan von Bultmann. Er ist Asiate, Afrikaner, Südamerikaner und hat an Bultmanns Axiomfeuerwerk … „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“[1] … kaum Interesse.

Obwohl die wachsenden christlichen Bewegungen nicht genuin liberal lehren, wird ihre Dogmatik im deutschen Universitätsbetrieb behandelt wie ein Popsong: Im Ernstfall nicht ernstzunehmen. Da fehlt die akademische Tiefenschärfe. Wie schade! Denn während wir Studierenden in Fachräten, Thinktanks und Ethikkomissionen die Welt durch Power Point Präsentationen verändern, provoziert ‚der‘ christliche Lifestyle in anderen Kontinenten längst einen „clash of civilizations“.[2] Während ich Theißens Gleichnisdefinitionen anwende, behaupten andere Heilungen auf den Straßen zu erleben.

Ich weiß nicht, ob sie recht haben. Aber das Spannende für mich ist, dass ich es noch nie gewagt habe für jemanden mit Krücken auf der Straße zu beten. Insofern hat uns die Zwickauer Boygroup, auch bekannt als die Zwickauer Propheten, einen Gefallen getan. Denn sie zwingen uns noch heute zu sehen, dass Theologie sich nicht in der Universität erschöpft. Und ob wir es mit Melanchthons anfänglicher Offenheit oder Luthers konsequenter Ablehnung halten … Meine Hoffnung ist: Auch deutsche Theologie darf entdecken, dass das Portfolio ‚Christentum‘ weitaus größer ist, als unser Hörsaal. Vielleicht sind es die uns in Deutschland unbekannten und unbeliebten Backgroundtänzer und nicht unsere Britney Spears der Theologie, die den Reiz für die weltweiten christlichen Bewegungen ausmachen.


  1. Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie, 1941.  ↩
  2. Philip Jenkins: The Next Christendom, 2001.  ↩
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