„Immer neu mit dem Anfang anfangen“ Eindrücke von der Internationalen Karl-Barth Tagung auf dem Leuenberg
Foto: Thea Sumalvico

Ein idyllischer Tagungsort mitten in den Bergen, nähe Basel. Ca. 140 Menschen, die sich für Barth interessieren: PfarrerInnen, Studierende, ProfessorInnen, Promovierende. Schweizer und Deutsche, Niederländer und Dänen, ein Ungar und ein Japaner. Dreieinhalb Tage Vorträge, Diskussionen, Arbeitsgruppen und viel gutes Essen. Übernachtung auf dem Matratzenlager, geweckt von Kuhglocken.

Idyllischer geht es kaum- das Tagungshaus auf dem Leuenberg

Idyllischer geht es kaum- das Tagungshaus auf dem Leuenberg

Das Thema: Karl Barth und die Reformation

Auf der Tagung ging es um Karl Barth und die Reformation. Barth kritisierte sehr stark, wie in den 30er-Jahren Luther gedacht wurde: Als deutscher Heros, Hitler als sein Nachfolger, jemand, der Kultur und Sprache voranbrachte. Karl Barth wollte dagegen wieder das theologische Zentrum der Reformation bedenken, den Inhalt zur Sprache bringen.

Reformatorisch sein heißt, das Evangelium in seiner Reinheit zur Sprache bringen und das heißt: Sich auf Christus konzentrieren und auf Gott, der sich für Christus und damit für uns entschieden hat. Nicht darauf, dass im 16. Jahrhundert mal jemand eine gute Idee hatte. Es geht auch nicht darum, die Kirche zu feiern: Kirche, auch evangelische Kirche, bleibt etwas Vorläufiges und sollte sich vom Zeugnis der göttlichen Offenbarung immer wieder neu anstoßen lassen.*

Foto: Karl Barth Archiv, Basel/Maria Netter. CC BY-SA 3.0

Foto: Karl Barth Archiv, Basel/Maria Netter. CC BY-SA 3.0

Impulse, die wir auf der Tagung weitergedacht haben für 2017. Es wurde viel Kritik geübt: An einem Reformationsjubiläum, das immer noch extrem Luther-fokussiert ist (was viele Schweizer übrigens sehr irritiert); an einer Konzentration auf die Bedeutung, die die Reformation (angeblich) für Kultur, Wissenschaft und Politik gehabt hat, manchmal ganz so, als verdankten sich alle positiven Errungenschaften der Neuzeit der Reformation. An einer Verwässerung von Inhalten, um sich anzubiedern bei „Kirchenfernen“ – ohne sich aber wirklich mit der säkularen Gesellschaft und ihren Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Fröhliche Wissenschaft

Es war wunderbar, beim Frühstück mit Professoren zu quatschen und zu merken, dass es auch nur Menschen sind. Abends saßen wir noch lange bei Bier und Wein zusammen, tauschten uns aus, endlich auch mal mit Menschen aus der Praxis, diskutierten, erzählten. Am letzten Abend gab es ein Wurstessen und Gitarrenmusik.

Ich hatte vorher ein wenig Angst gehabt, ob diese ganze Tagung eine einzige Profilierung-Aktion werden würde, war aber positiv überrascht: (Fast) keiner drängte sich in den Vordergrund, es ging wirklich um die Sache. Neben Vorträgen gab es auch Arbeitsgruppen, in denen man sich auch als StudentIn unbefangen beteiligen konnte und sich nicht schämen musste, „Anfänger-Fragen“ zu stellen.

Karl Barth und Friedrich Schleiermacher: Noch immer Erzfeinde?

Etwas ernüchtert war ich angesichts der Tatsache, dass „liberal“ doch sehr oft als negativer Feindbild-Begriff gebraucht wurde. Das Wort „Schleiermacher“ wurde analog dazu verwendet, war abwertend gemeint oder wurde vermieden. Dass es diese starken Fronten (noch) gibt, war mir in dem Maße nicht bewusst gewesen. Schade, zumal es eigentlich eine ganz bunte Truppe war, mit ganz unterschiedlichem Frömmigkeits-Hintergrund. Ein gemeinsamer Freund könnte als Zusammenhalt eigentlich reichen – oder geht es nicht ohne gemeinsamen Feind?

In der jüngeren Forscher-Generation brechen diese Fronten allerdings auf: Barth wie Schleiermacher werden als Gesprächspartner verstanden, die beide ihren Beitrag zu leisten haben – aber ja auch bei weitem nicht die einzigen klugen Köpfe auf weiter Flur sind.

Warum ich wiederkomme

Ich habe gemerkt, dass ich mit vielen Menschen auf der Tagung einig war, was meinen Blick auf die Kirche angeht: Ich möchte Tiefe, Inhalt, Profil und Schärfe; keine Kirche die sich selbst als religiöser Eventmanager betrachtet. Gleichzeitig möchte ich eine für Entwicklungen offene Kirche, keinen Fundamentalismus, eine selbstkritische Kirche, die um ihre Vorläufigkeit weiß. Eine, die sich nicht anbiedert und dazu steht, was sie ist, aber trotzdem versucht, heute sprachfähig zu bleiben.

Ich habe gemerkt, dass Barth dafür ein toller Gesprächspartner und Impulsgeber ist, ebenso wie all die klugen Menschen, die ich auf dem Leuenberg getroffen habe. Ich habe gemerkt, wie nah mir in vielem das reformierte Denken ist, obwohl ich gerne lutherisch bin – auch von reformierter Theologie kriegt man auf dem Leuenberg eine gute Dosis ab.

Ich habe gemerkt, wie sehr ich mit allem noch am Anfang stehe und wie viel ich noch zu lernen habe.

Deswegen möchte ich wiederkommen. Wenn ich Dich auf den Geschmack gebracht habe, dann schreib dir den 18.-21. Juli 2016 schon mal in den Kalender. Das Thema der kommenden Tagung wird „Gott und das Leid“ sein.


 

* wen Barths Position zur Reformation und zum Reformationsgedenken interessiert, dem empfehle ich seine Aufsätze: „Reformation als Entscheidung“  (1933) und „Das Bekenntnis der Reformation und unser Bekennen“ (1935), beide aus der  Schriftenreihe Theologischen Existenz heute.

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Ein Kommentar

  1. Suzan Gronemeier

    Big ThX für diesen Post. Ein sehr inspirierender persönlicher Blick auf die Tagung. Leider konnt ich nicht dabei sein. Der Erfahrungsbericht ist ein echter Anstoß, sich nächstes Mal rechtzeitig den Termin frei zu halten.
    Weiß jemand, ob es irgendwo in diesem weiten Netz einen Video- oder Audio-Mitschnitt oder eine pdf :)) Zusammenfassung der Vortäge gibt? Ich hab bis jetzt leider nichts gefunden und war froh, wenigstens auf die Zusammenfassung hier zu stoßen..

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