Moment mal: Jetzt wird es richtig bunt!

Ein Kommentar zu einer gesellschaftspolitischen Entwicklung in Deutschland.

Facebook ist bunt. Eigentlich immer. Schließlich teilt täglich irgendjemand von meinen Facebook-Freunden ein Erlebnis, Urlaubs-, Hochzeits- oder Partybilder. Besonders fällt mir das auf, wenn ich nur Bücher und einen Schreibtisch vor mir sehe und der Urlaub eine gefühlte Ewigkeit entfernt ist.

Aber in den letzten Wochen ist Facebook noch ein wenig bunter geworden. Viele Nutzer_innen legten Ende Juni über ihr Profilbild einen Filter mit der Regenbogenflagge, einem Symbol der homosexuellen Emanzipationsbewegung. Mittlerweile müssten die meisten Nutzer_innen von Facebook auch wissen warum:

Der Oberste Gerichtshof der USA urteilte kurz davor, dass kein US-Bundestaat die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare mehr verbieten darf, da seit 2013 die gleichgeschlechtliche Ehe auf Bundesebene erlaubt ist. Das Beeindruckende daran ist, dass der Oberste Gerichtshof als mehrheitlich konservativ gilt. Und so wurden aus großer Freude über dieses epochale Urteil die Profilbilder bunter, dank Regenbogenflagge.

Was ein konservatives Gericht in den USA und eine konservativ geprägte Gesellschaft in Irland können, müssten wir doch auch können? Schon, wenn man uns lassen würde.

Obwohl nach zahlreichen Umfragen z.B. des ZDF-Politbarometer zwei Drittel der Deutschen und 55 % der Unionsanhänger (Wähler_innen von CDU und CSU) für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare sind, tritt unsere gesellschaftspolitische Entwicklung hierbei auf der Stelle. Verantwortlich dafür ist der schwarz-rot dominierte Bundestag.

Gut, ein paar wenige Rechte von den Ungleichbehandlungen in ca. 150 Gesetzen wurden durch die Bundesregierung angeglichen, nur warum kleine Schritte nehmen, wenn ein großer Schritt ausreichen würde? Es würde uns allen Kraft, Zeit und Geld sparen, wenn sich die Bundesregierung nicht mit jeder kleinen Änderung aufhalten würde oder das Bundesverfassungsgericht von den Bürger_innen hinzugezogen werden müsste, um ihre Rechte durchzusetzen.

Das Schlimmste für mich ist, dass die Haltung zur Öffnung der Ehe als Meinung betitelt wird, obwohl sie keine ist. Es geht hier um Grundrechte aller Bürger_innen! Die können auch nicht mittels vermeintlich theologischer Argumentation ausgehebelt werden. Zumal die Ehe zwar als göttliche Stiftung, aber zeitgleich auch als weltlich Ding von Martin Luther charakterisiert wird. Demnach für uns Protestant_innen vor allem in den Zuständigkeitsbereich des Staates fallen sollte.

Homosexualität ist keine Meinung, die man ändern kann. Das wäre genauso, als würde man blonde Menschen von der Ehe ausschließen, aus welchem Grund auch immer. Eine Ungleichbehandlung würden hier auch alle für absurd halten. Der ungleiche Umgang mit Schwulen und Lesben widerspricht darüber hinaus dem Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz, das in Artikel 3 unseres Grundgesetzes ziemlich deutlich und mit kaum Raum für Interpretation festgeschrieben ist.

Es ist für mich wenig konservativ, Menschen von der Ehe auszuschließen, nur weil sie schwul oder lesbisch sind. Ich erinnere mich lebhaft an Debatten über den Sinn von Ehen in der modernen Gesellschaft. Da muss doch das konservative Herz höher springen, wenn nun auch Schwule und Lesben heiraten wollen. Etwas Konservativeres kann ein gleichgeschlechtliches Paar doch gar nicht machen!

Echte Argumente der Gegner (in erster Linie vieler alter Männer) höre ich nur leider sehr selten. Wenn, dann sind es vielmehr Vorurteile oder Klischees gegenüber Schwulen und Lesben oder das „Es war schon immer so“-Argument. Auf so ein Argument reagiere ich als Mensch, der aus der evangelischen Jugendarbeit kommt, mittlerweile sehr allergisch.

Wie dem auch sei. Bei uns wird es jetzt so richtig bunt! Davon bin ich überzeugt! Ob nun eine Entscheidung des Bundestages, frei von Fraktionsdisziplin, oder ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts: Die Gleichstellung homosexueller mit heterosexuellen Partnerschaften wird kommen. Punkt. Und die Welt wird nicht untergehen.

Und so warte ich geduldig, bis ich auch mein Profilbild endlich guten Gewissens bunt machen kann.

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14 Kommentare anzeigen

  1. 1. Kraft, Zeit und Geld sparen zu wollen, sind das die neuen Kriterien, mit denen ethische Vorbehalte über Bord geworfen werden?

    2. Martin Luther ist nicht Gott.

    3. Niemanden interessiert, ob Homosexualität eine Meinung ist oder nicht, noch, was die Leute in ihren Schlafzimmern machen (und erst recht dann nicht, wenn solche Vorgänge nicht immer wieder zwecks Förderung einer bestimmten Agenda auf die Nase gebunden werden). Bei der Ehe geht es um etwas ganz anderes, sie ist die grundlegendste Keimzelle der Gesellschaft. Selbige zu demontieren, ist eine riskante und komplexe Angelegenheit, die einer umfangreichen Untersuchung und ausgiebigen Debatte bedarf. Menschen unterschiedlicher Haarfarbe gleichen Geschlechts sind gleich, während Menschen gleicher Haarfarbe unterschiedlichen Geschlechts nicht gleich sind und in vielen Dingen (in steuerlichen etwa) problemlos gleich behandelt werden können, in anderen wie der Ehe aber nicht.

    4. Konservativismus, sei’s drum. Ehe abzuschaffen, weil es in der modernen Gesellschaft ohnehin nur noch ein hohler, bedeutungsloser Begriff ist, sei’s drum. Das Konzept Ehe und das Konzept Familie abzuschaffen und damit zu diskreditieren (welche aus guten Gründen besonderen Schutz genießen), ist da schon eine ganz andere Kategorie. Ein gleichgeschlechtliches Paar, welches heiraten will, als besonders konservativ aufzufassen (im Vergleich zu gar keinen Eheschließungen mehr), sei’s drum, die Mängel in so einer „Nicht-Familie“ zu übergehen, ist aber arg oberflächlich.

    • Du sprichst vom „demontieren“ und „abschaffen“ der Ehe. Davon lese ich im Artikel nichts.

      Mich würde interessieren, was du mit „Mängel in so einer ,Nicht-Familie‘“ meinst. Dass homosexuelle Paare keine Kinder miteinander zeugen können kann damit ja wohl kaum gemeint sein.

      • Doch, genau das ist gemeint, denn genau das ist die grundlegendste Keimzelle der Gesellschaft, ob man sie nun „Ehe“, „Familie“ oder sonstwie betiteln möchte. Warum sollte das kaum gemeint sein können? Die „Demontage“ oder gar „Abschaffung“ kommt dadurch zustande, dass gleichgeschlechtliche Paare, die keine Kinder bekommen können, gesellschaftlich gleich behandelt werden sollen wie „Ehen“, „Familien“, „Paaren“ bestehend aus Mann und Frau, was ja nun offensichtlich ungleich ist im Hinblick auf den genannten Aspekt.

        • Ich dachte nicht, dass du das meinst, weil das so ein schlechtes Argument ist. Offensichtlich ist das Schließen einer Ehe nicht an die Fortpflanzung gebunden. Sonst müsste ja unfruchtbaren Menschen und solchen, die keine Kinder wollen auch das Heiraten verboten werden. Als ich geheiratet hab musste ich auf jeden Fall keinen Nachweis meiner Zeugungsfähigkeit einreichen …

          • Das ist selbstverständlich völlig richtig. Nein, diese Argumentation ergibt sich aus entgegengesetzter Blickrichtung: die Eheschließung hat bisher den verbindlichen, langfristig angelegten Beginn des Zusammenlebens zweier Menschen markiert, was eine wichtige Voraussetzung für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist, während dahingegen die Verbindung zwischen Mann und Frau sogar unabdingbar ist für die Entstehung eines Kindes überhaupt. Dass die Ehe besonders gefördert wird und bisher nur zwischen Mann und Frau geschlossen werden kann, zielt darauf ab, für den potentiellen Nachwuchs gute Voraussetzungen zu schaffen für den Fall, dass es zu Nachwuchs kommen sollte (hier wird also proaktiv das Kindeswohl ins Auge gefasst). Wenn man nun die Ehe aus diesem Zusammenhang herauskoppelt, dann muss man an ihre Stelle etwas anderes setzen, was besonders gefördert wird und nur für Mann und Frau gilt, die verbindlich erklären, dass sie langfristig zusammenleben wollen. Man kann sich das Zusammenleben in Zukunft natürlich auch völlig dynamisch vorstellen (Stichwort „Patchwork-Familie“), nur ist dann die Debatte eine ganz andere, mich würden dazu dann vor allem erstmal die theologische Begründung und Studien zu den sozialen Konsequenzen einer solchen Auffassung interessieren.

      • Die „Demontage“ und „Abschaffung“ findet sich übrigens hier: „Ich erinnere mich lebhaft an Debatten über den Sinn von Ehen in der modernen Gesellschaft. Da muss doch das konservative Herz höher springen, wenn nun auch Schwule und Lesben heiraten wollen.“ Dass über den Sinn von Ehen debattiert werden kann, dass es als ein Zeichen von Konservativismus gilt, überhaupt eine zu schließen und dass Schwule und Lesben die Zulassung der Eheschließung fordern, sind deutliche Anzeichen für eine Veränderung ihres vormaligen Stellenwertes.

        • Ich stimme dir zu, dass die Ehe eine „Veränderung ihres vormaligen Stellenwertes“ erhalten hat. Das liegt ja aber wohl daran, dass in unserer Zeit weniger Leute den Sinn einer Ehe sehen und deshalb nicht heiraten.

          Wie aber die Öffnung der Ehe für Homosexuelle dem Stellenwert der Ehe schaden soll ist mir schleierhaft. Schließlich müsste es doch gut für den gesellschaftlichen Stellenwert der Ehe sein, wenn mehr Menschen die Möglichkeit gegeben wird, zu heiraten.Das ist doch keine „Demontage“ oder „Abschaffung“ sondern das glatte Gegenteil!

          Die Idee, dass deshalb gerade Konservative für die Öffnung der Ehe sein sollten ist übrigens schon uralt, ursprünglich glaube ich aus diesem lesenswerten Essay von 1989 (!): http://www.slate.com/articles/news_and_politics/politics/2012/11/gay_marriage_votes_and_andrew_sullivan_his_landmark_1989_essay_making_a.html

          • Um es noch ein wenig präziser zu formulieren: die Gesellschaft will fördern, dass sie sich durch mehr und gesund aufgewachsene Kinder selbst erhält. Es gibt Förderungen, die Eltern zuteil werden, wenn der Nachwuchs bereits da ist, Paare ohne Kinder können diese nicht beantragen. Darüber hinaus wird über den Ehestatus von Mann und Frau dasjenige Zusammenleben belohnt, welches die Voraussetzungen für Nachwuchs erfüllt, um darauf hinzuwirken, dass Kinder einerseits biologisch möglich sind und andererseits in stabilen Verhältnissen aufwachsen können. Es geht überhaupt nicht darum, dass bei eheähnlichem Zusammenleben nach dem Tod einer von beiden Personen anschließend weiter in der Mietwohnung wohnen darf, oder dass durch Eheschließung homosexuelle Paare selbige eine stabilere Grundlage für gemeinsame Lebensführung haben (dahingehend kann man sein Zusammenleben auch anderweitig öffentlich bekannt machen), oder ob und was in den Schlafzimmern geschieht (ob mit der ohne Ehe, ob gleichgeschlechtlich oder zwischen Mann und Frau, denn nachprüfen und einklagen lässt sich das ohnehin nicht). Ziel ist vielmehr, Anreize zu mehr und gesundem Nachwuchs zu schaffen, und wer sich dem verwehrt, der kann solche auch nicht in Anspruch nehmen (sei es nun positiv als „Förderung“ einer bestimmten Gruppe oder negativ als „Diskriminierung“ aller anderen Gruppen aufgefasst). Gleiches gilt natürlich auch für Singles, solche Lebensformen tragen nicht zum Selbsterhalt der Gesellschaft bei und sind dementsprechend auch nicht in ihrem Sinn – von der symbolischen Agenda mal abgesehen, die auf genau dieses Problem stoßen kann, sofern die Mehrheit der Leute nicht sagen, dass Schwule und Lesben ohnehin in der Minderheit sind und das also nicht so problematisch ist, was an sozialen Effekten aus diesem Umfeld hervorgeht. Ähnlich fasse ich übrigens auch den biblischen Standpunkt auf, aber von dem brauchen wir ja gar nicht erst anfangen.

    • Spassheide

      Lustig, hatten wir das nicht schon einmal? Früher war es der Sex, den man nur zum Kinderkriegen praktizieren durfte. Jetzt, nach der sexuellen Revolution, auch nach Aids und Safer Sex etc, wo die Kirchen und christlich-konservativen Kreise massiv zurückgesteckt haben, muss jetzt die Ehe herhalten. Wenn es sich um uneheliche Kinder handelte haben sich christliche-konservative Kreise früher aber nicht so um das Wohl des Kindes und deren Rechte geschert wie jetzt um die klassische Ehe.

      Wenn wir mal das Kinderkriegen (und einige Sexualpraktiken) beiseite lassen, in welcher Form wird die klassische Familie damit demontiert?
      Im übrigen ist die klassische Ehe/Familie schon demontiert, wenn ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung das eh schon lockerer sieht. Steht im GG nicht, dass das Volk der Souverän ist?
      Natürlich können homosexuelle Paare keine Kinder bekommen. Aber eine Forderung ist das Adoptionsrecht und damit würden sie auch zur propagierten Arterhaltung beitragen. Ich denke, dass solche Paare durchaus in der Lage sind, Kindern eine gute Familie zu bieten. Durchaus im Gegensatz zu manchen richtigen Eltern. Insofern finde ich diese Argumantation auch nicht ganz haltbar.

      • Welche christlich-konservativen Kreise haben sich wann inwiefern nicht so um das Wohl des Kindes und dessen Rechte geschert?

        Wie gesagt, wenn der Stand der Ehe nur eine belanglose Eintragung beim Standesamt ist, dann gibt es da schon nichts mehr zu demontieren. Der besondere Schutz, welchen die Ehe im Moment aber noch genießt, der kann sehr wohl demontiert werden, wenn homosexuelle Paare ebenfalls in den Genuss desselben gelangen können, obwohl es bei ihnen gar keine Veranlassung dazu gibt. Damit ist der Schutz nicht mehr besonders, sondern könnte gleich auf jedermann ausgedehnt werden, und die Gesellschaft müsste sich etwas neues einfallen lassen, wie sie das verbindliche Zusammenleben von Mann und Frau fördern möchte im Gegensatz zum unverbindlichen oder gleichgeschlechtlichen Zusammenleben. Wenn der Souverän keine Notwendigkeit für so eine Einrichtung sieht, wird er auch die sozialen Konsequenzen dafür tragen müssen.

        Was die Adoption angeht, macht sie abweichend von der Norm wohl auch dort Sinn, wo ein naher Verwandter oder sonst eine Person mit nahem Bezug ein Kind adoptiert. Ansonsten hat das Kind ja stets zwei leibliche Eltern unterschiedlichen Geschlechts, was auch bei Adoption nachempfunden werden sollte. Männer und Frauen haben nun mal ein unterschiedliches Wesen, ferner besteht die Gesellschaft nicht nur aus Personen desselben Geschlechts, weshalb das Kind schon in der Erziehung keine einseitige Prägung erfahren soll. Freilich bieten nicht alle richtigen Eltern ihren Kindern eine gute Familie, manche aber schon, und ebenso freilich würden auch nicht alle homosexuelle Adoptiveltern ihren Adoptivkindern eine gute Familie bieten, manche aber schon. Die Qualifikation der Adoptiveltern wird ohnehin geprüft, um hier das Möglichste für eine gesunde Entwicklung zu tun, bei homosexuellen Adoptiveltern halte ich aber die Erziehung des Kindes für zwangsläufig einseitig.

        • Spassheide

          Uneheliche Kinder und unverheiratete Mütter waren rechtlich immer schlechter gestellt. Und man kann nicht wirklich behaupten, dass die Kirchen Vorreiter in der rechtlichen Gleich-/Besserstellung dieser Kinder und deren Mütter waren. Ganz im Gegenteil, gerade christlich-konservative Politiker haben da gebremst und Kirchenvertreter ließen es sich auch nicht nehmen, immer darauf hinzuweisen, dass eine rechtliche Besserstellung unehelicher Kinder die Institution Ehe gefährde. In der BRD erfolgte daher die völlige rechtliche Angleichung erst 1998.
          Übrigens, im gottlosen Staat DDR wurden uneheliche Kinder schon 1950 gleichgestellt.
          Nein, dass hat natürlich überhaupt nichts mit Christentum und Einfluss der Kirchen zu tun…

          „…soziale Konsequenzen…“ – Die tragen wir eh schon.
          „…und die Gesellschaft müsste sich etwas neues einfallen lassen“ – Warum? Es geht hier um die bürgerliche Ehe. Wenn das Volk es so will, wo ist das Problem? Die Kirche wird schließlich nicht gezwungen, solche Ehen anzuerkennen. Und unverbindliche Partnerschaften werden ja nicht gefördert. Wo kommt diese Behauptung her?
          Kinder sollten wesentlich stärker gefördert werden und könnte damit man die „normale“ Ehe indirekt unterstützen. Das wäre auch ein Weg, um die klassische Ehe besser zu stellen und würde dennoch andere Formen zulassen. Damit hätte man dein Problem erschlagen. Ganz einfach…

          • Ich habe mich mit dieser „Schlechterstellung“ noch nicht beschäftigt – könnte es womöglich sein, dass dieser Eindruck entsteht, weil die klassische Familie bessergestellt wurde? Weshalb sollte es keine Förderung der Kinder darstellen, wenn durch Stützung und Schutz der klassischen Ehe der Anteil an alleinerziehenden Elternteilen reduziert wird? Insofern ist das schon eine absichtliche Diskriminierung, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. In den Ausnahmen von der Regel würde ich dann erwarten, dass die Unterstützung primär dem Kind zugutekommt, nicht so sehr dem erziehenden Elternteil (wobei das ja auch auf eine, jedoch zielgerichtete, Entlastung hinausläuft).

            Die Verquickung von Kirche und Politik halte ich für ganz unsäglich, umgekehrt täte ein Staat aber gut daran, sich an biblischen Grundsätzen zu orientieren, weil diese universale Gültigkeit haben. Obwohl der Einfluss der Kirchen auf die Politik (keineswegs immer zum Guten!) zu beobachten ist, ist er auf manchen Gebieten überhaupt nicht festzustellen, wo er durchaus angebracht wäre (Waffenexporte z.B.). Insofern: „christlich-konservativer Politiker“ ist vielleicht ein Widerspruch in sich.

            • Spassheide

              Das war schlichtweg eine Diskriminierung und nicht nur eine Schlechterstellung. Im bergischen war z.B. die Haustaufe üblich, während uneheliche in der Kirche getauft werden mussten. Woanders war es dagegen Sitte, unter Ausschluss der Gemeinde zu taufen, da man ihr den Anblick der Schande ersparen wollte. Bei der katholischen Kirche war es ein Weihehindernis und in einigen Zünften wurde man auch nicht aufgenommen. Nein, das ist natürlich keine Stigmatisierung; es handelte sich ja schließlich wirklich um den fleischgewordenen sündigen Fehltritt. Und da Gott selbst ja auch über Generationen hinweg verfluchen konnte war es nur billig, wenn man Kinder, die außer ihrer bloßen Existenz nichts dazu konnten, es gleich mit spüren ließ. Problem dabei: Bei vielen wurde früher die Ehe aufgrund ihres sozialen Standes verweigert bzw war nicht möglich. Die Kirchen haben sich daher nicht nur nicht für die Rechte eingesetzt; sie haben auch noch nachgetreten.

              Was ist eine absichtliche Diskriminierung? Wenn Kinder und Eltern besonders gefördert werden ist das keine Diskriminierung kinderloser (Paare) sondern die Berücksichtigung, dass Kinder nicht nur finanziell eine nicht unerhebliche zusätzliche Belastung der (eventuell verheirateten) Eltern (genauer, der erziehenden und für den Unterhalt aufkommenden Personen) darstellen, während diese Kinder im Pflegefall der Eltern den Staat sogar noch entlasten und in die Rentenkassen einzahlen. Und das unabhängig von dem Partnerschaftsstatus der Eltern.
              Zudem ist die Ehe eh schon rechtlich und steuerlich günstiger gestellt, was ja auch einen besonderen Schutz und Unterstützung darstellt und nicht durch die Homoehe ausgehebelt wird.

              Früher war die Ehe „stärker geschützt“. Aber auf Kosten des schwächeren Partners, was i.d.R. die rechtlich untergeordnete Ehefrau war (biblisch begründbar und damit universell gültig, oder?). Dass durch besonderen Schutz der Ehe das Alleinerziehen reduziert wird ist aber eine reine Spekulation. 1860 lag die Quote unehelicher Kinder bei ca 12%. Sie halbierte sich im folgenden Jahrhundert noch vor Einführung der Pille, obwohl sich die soziale Situation unverheirateter / alleinerziehender besserte.
              Was auch nicht vergessen werden darf, ist, dass sich die Lebenserwartung der breiten Bevölkerung deutlich erhöht und das Kinderkriegen sich deutlich nach hinten verschoben hat. Zynisch ausgedrückt: Früher wurde mit 16…18 geheiratet und die Frau bekam solange Kinder, bis sie nach dem 5…10 Kind durch das Kindbettfieber dahingerafft wurde. Anschließend hat der Mann nochmal geheiratet, um die Kinder aus erster Ehe großziehen zu lassen. Und bevor es hier zu ausgewachsenen Ehekrisen kommen konnte hat dann die durchschnittliche Lebenserwartung ihn dahingerafft. Scheidungsopfer und geschiedene Alleinerziehende waren daher eher selten.
              Wir haben heute eine komplett andere Lebenssituation. Dazu kommt, dass unsere Gesellschaft viel freier und selbstbestimmter (äußert sich unter anderem in Kirchenaustritten) geworden ist.
              Dieses muss entsprechend rechtlich berücksichtigt werden. Regelungen von anno Tobak passen einfach nicht mehr, egal, was in irgendwelchen alten Büchern steht und angeblich universelle Wahrheiten sind.

              Das eine Besserstellung unehelicher Kinder eine Gefährdung der Ehe darstellt ist allerdings auf dem Mist von Kirchenvertretern gewachsen und propagiert worden. Andersherum waren Waffensegnungen früher auch eine gute kirchliche Tradition. Christlich-konservativ ist daher kein Widerspruch in sich.

              • Hier wechselst du aber nun endgültig die Szene: von dem, was der Staat macht hin zu dem, was die Kirchen machen und gemacht haben. Eine Kirche darf doch diskriminieren, wie sie will, genauso wie jeder Verein oder jede geschlossene Gesellschaft. Ich würde „Diskriminierung“ durch eine Kirche auch nur insoweit akzeptieren, wie diese biblisch begründbar ist, keineswegs aber darüber hinaus. Wobei man ohnehin sagen muss, dass solche „Diskriminierung“ nur selten zu vergleichen wäre mit tatsächlicher, denn das Ziel ist nur selten die Benachteiligung von irgendjemandem. Gut, früher war eine standesamtliche Heirat von unehelichen Kindern, die eine Kirche nicht trauen will, nicht möglich und das hatte dann auch weitere Benachteiligungen zur Folge, was aber auch durchaus kein Charakteristikum des Christentums ist, sondern der unheilvollen Verbindung zwischen Staat und Kirche.

                Dass sich die unehelichen Kinder im Pflegefall um die Eltern kümmern, halte ich für weniger wahrscheinlich als bei ehelichen Kindern, weil die Eltern sich von vornherein nicht dazu entschließen wollten, durch Heirat eine entsprechende Verpflichtung einzugehen, sich also die Eltern nicht zwangsläufig gegenseitig unterstützen und die Kinder nicht zwangsläufig alle ihre Elternteile. Bei ehelichen Kindern ist das zwar auch nicht unbedingt sichergestellt, aber es sind wenigstens die Voraussetzungen dafür vorhanden, was sich dann auch in einer größeren Wahrscheinlichkeit widerspiegeln dürfte. Nun könnte man sagen, dass solche unehelichen Kinder und Eltern im Pflegefall unterstützt werden sollten, nur ist es in jedem Fall besser, wenn es erst gar nicht dazu kommen muss (so oder so entscheiden die Eltern gewissermaßen über ihr eigenes potentielles Schicksal im Alter). Bei der Homoehe gibt es schon von Haus aus kein Kind, das die Pflege übernehmen könnte, oder sich selbst bei Adoption durch ein gleichgeschlechtliches Paar oder bei einem adoptierten und einem leiblichen Partner zur Pflege beider verpflichtet sehen muss.

                Die „rechtlich untergeordnete Ehefrau“, wie meinst du das? Staatlich-rechtlich oder geistlich gesehen? Beim besonderen Schutz der Ehe ist das Ziel ja nicht, die Situation der Alleinerziehenden zu verschlechtern, im Gegenteil! Alleinerziehende haben es schließlich schwer genug, ob nun selbstverschuldet oder nicht. Der Punkt ist nur: überall, wo Alleinerziehende gefördert werden, sollte die Ehe noch mehr gefördert werden (könnte man nun zu Recht als Diskriminierung bezeichnen), um möglichst einen Anreiz zu setzen, dass es sich die Männer und Frauen gut vorher überlegen, unter welchen Umständen sie ihre Kinder großziehen möchten. Freilich hast du Recht, dass früher die gesellschaftliche Struktur eine ganz andere war, wo die Kinder nicht unwesentlich als Arbeitskräfte zum Broterwerb beitragen mussten. Heute hingegen kann man sich den Luxus der beliebigen Selbstverwirklichung, was die Kinderplanung oder -Nichtplanung angeht, leisten.

                Regelungen von anno Tobak sind es schließlich nicht wert, zu ihrem reinen Selbstzweck aufrecht erhalten zu werden, und nur, weil etwas in alten Büchern steht, wird es dadurch noch lange nicht wahrer. Umgekehrt ist damit aber keineswegs ausgeschlossen, dass in alten Büchern auch etwas wahres steht, denn trotz einer viel freieren und selbstbestimmteren Gesellschaft bleibt diese eben immer noch eine Gesellschaft, und wie eine solche sich zusammensetzt und welche Effekte dabei eine Rolle spielen, hat sich nur unwesentlich verändert. Aber wenn wir schon dabei sind: es ist ja auch eine völlige Auflösung der Gesellschaft denkbar und als utopisches Ziel formuliert worden, würdest du so etwas befürworten?

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