Moment mal: Kirche für die Schwachen

Ich habe einen Traum von Kirche: Eine Kirche, die sich für eine bessere Welt einsetzt, die Gerechtigkeit predigt und tätig übt – freilich „Gerechtigkeit“ im theologischen Sinn, aber genauso im sozialen, karitativen Sinn. Denn die christlichen Kirchen verfehlen ihre ureigenste Aufgabe, das Evangelium als Einsatz für die Schwachen zu leben.

„Schwache“, dass beinhaltet in unserer Gesellschaft beispielsweise Immigranten, Flüchtlinge, Homosexuelle, Transsexuelle und auch irgendwie – in einer Gesellschaft, in der sie (trotz zahlenmäßiger Überlegenheit) marginalisiert werden – Frauen. Wann wird also „Feminismus“ endlich für die Kirche kein anrüchig erscheinendes Fremdwort mehr sein? Wann wird es endlich nicht mehr hingenommen werden, dass Impulse zur Gleichstellung in „christlichen“ Medien als „Genderwahn“ und „Genderismus-Ideologie“ diffamiert werden? Wann werden Asylsuchende von unserer Regierungspartei mit dem „C“ im Namen nicht weiter mit einem über-den-Kopf-streicheln abgewickelt werden?

Die Kirche verfehlt ihre Aufgabe

Bleiben wir noch kurz beim Beispiel Gleichstellung.

Gerne inszenieren sich christlich argumentierende Gleichstellungsgegner (denn machen wir uns nichts vor: Argumente gegen Gleichstellung sind fast immer „christlicher“ Natur und die Leute, die sie gebrauchen sind konservativ bis evangelikal) ebenfalls als benachteiligte Minderheit. Gerade die „Institution Ehe“ wird immer wieder als gefährdete Größe benannt. Wie genau die „Ehe für alle“ diese Institution gefährden soll, konnte mir noch niemand begreiflich machen. Warum machen sich also große Teile der Kirchen den „Schutz der Ehe“ zur Hauptaufgabe? Als gäbe es kein riesiges Arbeitsfeld an Lebensformen, deren juristische und gesellschaftliche Anerkennung längst überfällig ist!

Wie verdreht ist es, wenn der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland auf die Frage, ob er es verurteile, wenn Homosexualität als „Sünde“ abgelehnt wird, als erstes antwortet, dass für ihn „nach wie vor zentral das Leitbild Ehe [zwischen Mann und Frau]“ sei?[1] Wo bleibt da die Bestürzung im Angesicht solchen Unrechts? Wo bleibt das Schuldbekenntnis über dieses Unrecht, das bis heute innerhalb der christlichen Kirche geschieht? Wer sich für gesellschaftlich Ausgegrenzte einsetzt, der kann beanspruchen, Kirche im Sinne Jesu zu sein. Wer sich dagegen darauf beschränkt, gesellschaftlich Privilegierten den Schutz ihrer Privilegien zu versichern, spricht als kaltherzig berechnender Kirchenpolitiker.

Wie um alles in der Welt soll die Kirche sich für gesellschaftlich Benachteiligte einsetzen, wenn sie nicht auch gegen Elemente in ihren eigenen Reihen vorgeht, die sich dieser Aufgabe in den Weg stellen?

Ich wünsche mir eine Kirche …

Ich wünsche mir eine Kirche, die sich wieder mit ganzer Kraft einsetzt für die Interessen der Schwachen, der Minderheiten, der gesellschaftlich Marginalisierten. Nicht aus einer Position überheblicher Überlegenheit, sondern der Solidarität.

An der Basis wird eine solche Kirche vielerorts bereits gelebt. Es gibt viele Kirchgemeinden, die für Flüchtlinge Wohnmöglichkeiten oder zumindest Kirchenasyl anbieten. Es gibt zahlreiche Vesperkirchen für Menschen, die sich keine warme Mahlzeit leisten können. Es gibt Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre Gemeinden für den Welt-AIDS-Tag oder den Christopher Street Day mobilisieren. Aber warum erleben wir so wenig von dieser „Kirche der Gerechtigkeit“ im überregionalen Kirchenkontext, in der Kirchenpolitik oder im akademisch-theologischen Diskurs?

Dieser Text soll eine Einladung sein, bei so einer Kirche mitzumachen. Da sind wir nämlich alle gefragt, egal, ob wir in Fragen von Hermeneutik oder Dogmatik immer gleicher Meinung sind. Denn was ist das für eine tote Theologie, die exegetische Kleinigkeiten (denn das ist z.B. die Frage nach Homosexualität in der Bibel) dem eindeutigen karitativen Auftrag der Kirche in den Weg wirft?

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13 Kommentare anzeigen

    • Diese Links von dir illustrieren doch ganz hervorragend die Sache, die ich kritisieren will: Da wird irgendwas zusammengefaselt (verzeih die Polemik, aber echt mal) um zu „beweisen“, dass Feminismus was ganz Böses ist. Da drüber kann man sich ja von mir aus streiten, aber wie Bitteschön soll „Feminismuskritik“ sinnvoller Teil oder gar Schwerpunkt von Evangeliumsverkündigung sein? Wie bringt uns das als Theologie, als Kirche vorwärts in unserem Auftrag? Und vor allem: Wie können wir Ungerechtigkeit bekämpfen, wenn wir gleichzeitig Leute mit Dreck bewerfen, die das gleiche Ziel haben?

      • Christoph

        Die das gleiche Ziel haben? Hast du die Artikel gelesen? Es wird plausibel dargelegt, dass „der“ Feminismus nicht humanistisch ist, dass er zusammen mit queerer Theologie und Gender reine Doktrin ist – nebenbei sind die beiden Artikel nur Leuchtfeuer von Bewegungen gegen Genderfaschismus, queerer-, (schon mal durchbuchstabiert, was genau queerer bedeutet?) und ultrakonservativer Feminismustheorien -, dass man als rechte und sichtbare Kirche nicht so einfach machen kann und darf auf jeden Zug aufzspringen, der sich für Gleichheit und Gerechtigkeit eeinsetzt. Sonst ist man queerer, nicht evangelische oder christliche Kirche!

        • „dass man als rechte und sichtbare Kirche nicht so einfach […] auf jeden Zug aufspringen [darf], der sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzt.“

          Ach so? Die wahre Kirche darf sich nicht einfach so für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen? Mach dich doch nicht lächerlich.

          Ich habe die Artikel gelesen, ich halte sie nicht für besonders „plausibel“. Um das auszudiskutieren ist hier aber hier nicht der richtige Ort.

          • Christoph

            Solange im Raus steht, dass sich Queerer Theologie, Radikalfenismus -also jenen
            den man heute normalerweise „immer“ antrifft – und Genderdoktrin für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzten, solange kann ich mich gar nicht lächerlich machen. Hast du dich ernsthaft mit den Gegenpositionen befasst? Und mit jenen außerhalb der akademischen Milieus (Gender Forschung, usw.) die Aufgrund von Fakten und nicht aufgrund von Launen (virtuelle Vergewaltigung), dummen Grundthesen (Patriarchat) und Opfer-, und Täterrollen Schimären, usf. diesen Auswuchs von Geldverschwendung betreiben und ihr Tun noch wirklich als wissenschaftlich adäquat und gesellschaftlich relevant verkaufen wollen?

            Was ist denn mit einer salonfähigen Theologie der Armen/ Armut, mit einer Theologie gegen Kapitalismus und Ausbeutung, gegen moderne Sklaverei…..
            Irgendwie scheint mir in diesen Feldern die Zahl derer die unsere Hilfe bräuchten höher und letztlich auch sinnvoller als die von dir beschriebenen…

            • Christoph

              Und nebenbei gesagt: die letzten 3 von dir als „Schwache“ betitelten erhalten doch immer mehr Raum im allgemeinen Bewusstsein der Gesellschaft und Kirche. Sie haben doch schon Mach, denn überall wird sie Sprache auf sie zugeschnitten, man denke an BigS, an Innen, an X, usw. Wer die Möglichkeit hat die Sprache zu beeinflussen und zu verändern, der hat Macht und genau diese ragt mittlerweile in das akademische, wie schulische Milieu. Sprache schafft Wirklichkeit, was für eine auch immer, die das Potential hat Menschen und Gesellschaften zu verändern, was man ganz praktisch sehen kann in der theologischen Praxis der BigS, der ggesellschaftlichen Neukonstruktion der Gesellschaft durch die forcierte Aufhebung der Gesellschaft als eine der gewollten Diskriminierung von Mann und Frau und des selbstdeklarierten „Anti-Apartheitskampf“ gegen das männliche (biologische) Geschlecht. Was also willst du mit deinem Text?

  1. Kristina

    Es ist ja nicht so, dass es eine solche Theologie nicht gäbe.
    Es ist ja nicht so, dass die theologische Theorie per se Ungerechtigkeiten manifestierte und der Praxis das unreflektierte Primat zuzuschreiben wäre.
    Aber gelehrt wird an den Fakultäten meist etwas anderes.
    Es bleibt zu fragen, warum beispielsweise befreiende Theologien zumeist nicht in Seminarsitzungen, sondern freiwilligen Lesezirkeln diskutiert werden.
    Es bleibt wohl alles beim Alten und die Lehrkörper reproduzieren sich gern selbst. Frau könnte an dieser Stelle polemisch werden, lässt es aber lieber.

  2. dergestalt

    Abgesehen von den Inkohärenzen, Unterstellungen und Schwurbeleien:

    „An der Basis wird eine solche Kirche vielerorts bereits gelebt. Es gibt viele Kirchgemeinden, die für Flüchtlinge Wohnmöglichkeiten oder zumindest Kirchenasyl anbieten. Es gibt zahlreiche Vesperkirchen für Menschen, die sich keine warme Mahlzeit leisten können. Es gibt Pfarrerinnen und Pfarrer, die ihre Gemeinden für den Welt-AIDS-Tag oder den Christopher Street Day mobilisieren. Aber warum erleben wir so wenig von dieser „Kirche der Gerechtigkeit“ im überregionalen Kirchenkontext, in der Kirchenpolitik oder im akademisch-theologischen Diskurs?“
    Lies doch erst mal kirchenamtliche Pressemitteilungen etc., bevor du sowas inden Wind schreibst. Gerade in der Flüchtlingsarbeit kann man doch mit keiner Kirchenleitung schimpfen. Die stellen z.B. derzeit Extragelder, die Kirchgemeinden für Flüchtlingsarbeit verwenden können, bereit. Aber Hauptsache, man behauptet erstmal, dass die alle böse und menschenfeindlich seien. Das finde ich schon fast dummdreist. Peinlich.

    • Danke für das Feedback.

      Hast du einen Link oder eine Quelle zu diesen landeskirchlichen Extrageldern für Flüchtlingsarbeit? Um welche Landeskirche gehts da?

      • dergestalt

        http://www.ekd.de/synode2014/beschluesse/s14_i_1_6_beschluss_willkommenskultur_fluechtlinge.html
        hat zu Reaktionen der Landeskirchen geführt. Im Falle deiner sächsischen Landeskirche:

        Auf Antrag des Sozial-Ethischen Ausschusses hat die Synode beschlossen:

        1. Die Ev.-Luth. Landessynode Sachsens schließt sich dem Beschluss der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Willkommenskultur für Flüchtlinge vom 12.11.2014 an und ermuntert alle Glieder der Landeskirche, in diesem Sinne zu handeln.

        2. Die unter der Haushaltstelle 1930.7591 (Ausländer und Ausländerinnen/Integrationsarbeit – Sonstige Zuschüsse für Projekte) im Haushaltjahr 2014 eingestellten Mittel dürfen um das Zehnfache überschritten werden. Damit soll im Sinne der Etablierung einer Willkommenskultur projektbezogene Arbeit insbesondere von Kirchenbezirken und Kirchgemeinden in diesem Themenfeld ermöglicht, initiiert, unterstützt und begleitet werden.

        3. Das Landeskirchenamt wird gebeten, in Abstimmung mit dem Diakonischen Amt gebeten, Leitlinien für die Vergabe der Mittel zu entwickeln.

        4. Zur Herbsttagung 2015 soll der Landessynode ein Zwischenbericht über die Verwendung der Mittel und die Erfahrungen bei der Umsetzung der Willkommenskultur erstattet werden.

        5. Die Anliegen zu Ziffer 1 und 2 sollen auch bei künftigen Haushaltplanungen ab 2016 berücksichtigt werden. Beschluss der 11. Synode der EKD auf ihrer 7. Tagung in Dresden

          • dergestalt

            anderer Hinweis zum Thema „die Rolle der Kirchenorgansiationen“:
            http://www.ekd.de/EKD-Texte/orientierungshilfe-familie/familie_als_verlaessliche_gemeinschaft.html
            v.a.: „Wo Menschen auf Dauer und im Zusammenhang der Generationen Verantwortung füreinander übernehmen, sollten sie Unterstützung in Kirche, Gesellschaft und Staat erfahren. Dabei darf die Form, in der Familie und Partnerschaft gelebt werden, nicht ausschlaggebend sein. Alle familiären Beziehungen, in denen sich Menschen in Freiheit und verlässlich aneinander binden, füreinander Verantwortung übernehmen und fürsorglich und respektvoll miteinander umgehen, müssen auf die Unterstützung der evangelischen Kirche bauen können.“

            Also nocheinmal & für das nächste Mal: Erst informieren, dann schwandronieren.

  3. Michael Simon

    „Ich wünsche mir eine Kirche, die sich wieder mit ganzer Kraft einsetzt für die Interessen der Schwachen, der Minderheiten, der gesellschaftlich Marginalisierten.“
    Ich frage mich warum Du Dir das wünscht? Wieso brauchst Du eine Kirche, um sich für o.g. Gruppen einzusetzen? Für mich ist die Kirchenmitgliedschaft eine reine Ersatzhandlung. Katholiken verharren in ihrer Amtskirche, verlangen Reformen, tun aber selbst herzlich wenig. Statt sein Geld für Brot für die Welt zu spenden, sollte man lieber selbst im täglichen Konsumverhalten oder durch eigene Aktionen dafür sorgen, dass sich was ändert.

    „Wenn jemand zu mir kommt und nicht hasst Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern …, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14, 26)
    Wer einer Kirche hinterherläuft, die solche Worte als ‚Frohe Botschaft‘ verkündet, der darf sich natürlich nicht darüber wundern, dass wir in Bezug auf Gleichberechtigung und Gleichstellung nur langsam vorankommen. Wenn ich als Christ schon die gering achten soll, die in meinem unmittelbaren familiären Umfeld leben, was halte ich dann erst von Leuten, die deutlich weiter von mir weg sind? Wahrscheinlich nichts, deshalb tut sich auch die Kirche schwer mit den ‚Anderen‘, also alle, die nicht heterosexuell sind, Frauen, Andersgläubige usw. Auf die Kirche darf ich auf keinen Fall bauen. Selbst aktiv werden, als humanistischer Naturalist, mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Gepäck; das reicht, um ein anständiges, vernünftiges Leben zu führen:
    „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet, verkündet die Generalversammlung diese Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal…“ Wir alle sind Teil unseres Volkes und damit dazu aufgerufen, genau das dort Beschriebene umzusetzen!

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