Moment mal: Wer ist hier der Konstruktivist?
Michelangelo – Schöpfung Adams (Gemeinfrei)

In einer homiletischen Vorlesung, die ich kürzlich besuchte, sprach der Dozent von der elementaren Bedeutung der Sprache für die Religion im Allgemeinen und für das Christentum im Besonderen. Bereits die ersten Zeilen der Bibel präsentieren Gott als sprechend und wortmächtig.

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. (Gen 1,3f.)

Ist Gott also ein unverbesserlicher Konstruktivist? Eifert der Mensch als sein Ebenbild ihm nach, wenn er durch Worte Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern erst erzeugt, wie es so schön heißt?

Eine andere biblische Geschichte betont die Bedeutung der Sprache und der Kommunikation auf nicht weniger eindrückliche Weise.

Als die Bewohner Babels sich dazu verstiegen, einen Turm zu bauen, der bis an den Himmel reichen sollte, durchkreuzte Gott ihre Pläne nicht einfach irgendwie. Er machte dem Vorhaben ein Ende, indem er die verbale Verständigung der Bauleute sabotierte. Das schien das effektivste Mittel zu sein, das Vorhaben zu verhindern.

Hat Gott also für eine Sprachverwirrung gesorgt, weil Sprache tatsächlich Wirklichkeit konstruiert?

Zweifellos ist ein Turmbau ein handfestes Projekt. Sprechblasen genügen nicht als Baumaterial. Ein Turm lässt sich nicht einfach herbeireden, aber doch ist er das Erzeugnis der kommunikativen Koordination eines menschlichen Kollektivs.

Doch ohne funktionierende Sprache konnten sich die Bauleute nicht über ihre Vision verständigen. Bekanntes lässt sich nachbauen. Will man aber etwas wirklich Bahnbrechendes schaffen, braucht es eine intersubjektive Verbalisierung der subjektiven Kreativität. Baumaterial ist ersetzbar, ein verständlicher Bauplan ist es nicht.

Was mich am Konstruktivismus als Theorie stört, ist, dass er vorgibt, die ganze Wirklichkeit zu beschreiben. Er hat keinen Blick für jene Realitäten, die jenseits aller Konstrukte vorzufinden sind. Dass es solche Wirklichkeiten gibt, erfährt Europa gerade schmerzlich im Rahmen der Griechenland-Euro-Banken-Schulden-Vertrauens-Verhandlungsstil-Krise, oder wie auch immer man sie nennen mag.

Der Euro war und ist ein Konstrukt – wie sich in diesen Tagen zudem zeigt, ein mangelhaft konstruiertes. Er verursacht Probleme, weil das Konstrukt partout nicht der Wirklichkeit entsprechen will. Die reale (nicht konstruierte) Wirtschaftsleistung der Euroländer will sich einfach nicht der währungspolitischen Vereinheitlichung unterziehen. Ganz schön widerspenstig und egoistisch von ihr. Doch zurück von der Finanzpolitik – von der ich zugegebenermaßen wenig Ahnung habe – zur Theologie.

Der Konstruktivismus erhebt das denkende Individuum zum Schöpfer. War da nicht was von wegen »Ihr werdet sein wie Gott.«? Vielleicht sollten wir uns doch wieder einmal mehr auf unseren Status als Geschöpf besinnen.

Unsere Identität wird uns weder allein von der Gesellschaft mit ihren Zwangsmechanismen aufgezwungen, noch können wir uns mit einem triumphalistischen Befreiungsschlag von allen Vorgegebenheiten lösen und der alleinige Schöpfer unserer selbst werden – allen diesbezüglichen Versprechungen zum Trotz.

Der Mensch ist zunächst und vor allem einmal das, was Gott ihm »in die Wiege legt«. Er ist als bedingungslos geliebtes Gegenüber geschaffen und ihm ist eine erstaunliche Gestaltungsmacht verliehen. Diese kennt aber auch ihre Grenzen. Des Menschen Macht reicht »nur« bis zur Ebenbildlichkeit. D.h. der Mensch kann nicht Mensch bleiben, wenn er sich von seinem Schöpfer emanzipieren will.

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