Mit Abendkleid im Autoscooter und andere Semester-End-Highlights

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun Religion and Philosophy in Hull/ England und berichte hier regelmäßig über meine Erlebnisse.

Ein Englisches Studienjahr ist nicht einfach vorbei, wenn man mit Ach und Krach die letzten Deadlines und Prüfungen überstanden hat. Es ist erst dann vorbei, wenn beim Abschieds-Dinner der Society in Erinnerungen geschwelgt wurde, die Uni die wöchentliche Karaoke und regelmäßigen Partys einstellt, der Vertrag für das Wohnheimzimmer ausläuft und sich nach und nach alle Freunde Richtung Heimat oder Urlaub verabschieden. So ungefähr ging auch mein Semester zu Ende:

Ein Wochenende lang tanzen

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Swing Dance in der City Hall – sogar die Orgel kam live zum Einsatz.

Hull genießt nicht unbedingt den Ruf einer sehens- oder gar lebenswerten Stadt. Viele Engländer würden von einem Aufenthalt hier wohl eher abraten. Aber ich wette, die haben noch nie ein Wochenende lang im altehrwürdigen Rathaus getanzt, wo Cigarett-Girls im Matrosenkostüm Schokoladensticks als Zigarettenersatz verteilen, Pagen kleine Briefchen zwischen den Ballgästen überbringen und Tee-Damen Kuchen anbieten.

Die größte mit Swing verbundene Veranstaltung am Ende dieses Semesters war sicherlich Hullzapoppin’. (Auch wenn die Swing Dance Society natürlich trotzdem noch ein Abschiedspicknick und selbstverständlich ein End-of-Year-Meal im Restaurant veranstaltete.) Internen Gerüchten zu Folge ist es das zweitbeste Lindy Hop Event weltweit: Ein Workshop-Wochenende mit internationalen Lehrern und Teilnehmern und Tanzen fast rund um die Uhr. Vor und nach den Unterrichtsstunden gibt es Schnupperkurse, in der Mittagspause wird im Park getanzt und der Abend wird selbstverständlich im Ballsaal verbracht. Von Partnerakrobatik-mäßigen Tanzfiguren über Swing-typisches Haarstyling bis hin zu DJ-Künsten gab es jede Menge zu lernen. Dafür hat es sich doch glatt gelohnt, dass Essayschreiben mal wieder auf spät in die Nacht zu verlegen.

Vier Tage Unsterblichkeit

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Mit dem Scheck hat angeblich tatsächlich mal jemand in einem Geschäft hier bezahlen wollen.

Zurück im Hörsaal, obwohl seit zwei Tagen Ferien sind. Um mich herum sitzen fast nur Männer jeglichen Alters. Der ältere Herr ein paar Plätze neben mir nickt immer wieder ein und schnarcht dabei leise vor sich hin. Ich hoffe sehr, dass der jüngere Herr, der gerade seinen Vortrag hält und sowieso schon nicht gänzlich entspannt wirkt, davon nichts mitbekommt. Das Thema seiner Forschung lässt sich grob mit „Christliche Cyborgs“ überschreiben und seine These lautet: Die technische Verbesserung des menschlichen Körpers ist durchaus mit dem kreativen Aspekt der Gottebenbildlichkeit vereinbar. Bewahrung der Schöpfung heißt nicht, dass man sie nicht weiterentwickeln dürfe. In der anschließenden Fragerunde merkt man dem Referenten an, dass er noch neu ist im akademischen Betrieb. Während seine älteren Kollegen kritische Fragen für meinen Geschmack etwas zu oft mit einer gewissen Überheblichkeit zurückweisen, findet er nur vorsichtige Antworten und in jedem Punkt etwas Bedenkenswertes.

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Workshop-Tag vor der eigentlichen Konferenz

Es ist die erste akademische Konferenz, die ich je besucht habe und sie beschäftigte sich mit der Philosophie und Theologie der Unsterblichkeit. Was mir von vier Tagen voller Vorlesungen, Präsentationen und Diskussionen im Gedächtnis geblieben ist, sind weniger die möglichen Antworten, als die großen Fragen, die zum Denken herausfordern: Verhindert oder ermöglicht der Tod erst, dass das Leben einen Sinn hat? Wird Unsterblichkeit irgendwann langweilig? Könnte es im Paradies noch Leid geben? Macht die Vorstellung eines Himmels das Leben auf Erden lebenswerter? Was braucht es, um eine ungefährliche Künstliche Intelligenz zu erschaffen? Das Fazit eines Teilaspektes der Konferenz: Das Streben nach einer Korrektur der menschlichen Natur in Richtung Unsterblichkeit – sei es mit Mitteln der Medizin oder Technologie – wird nicht aufzuhalten sein. Also ist es weiterhin wichtig, philosophisch und theologisch über die Konsequenzen dieser Entwicklung nachzudenken.

Einen Abend das Ende feiern

IMG_7055Wo sonst immer Studenten und Dozenten parken, steht heute ein kleines Riesenrad zwischen einer Berg-und-Tal-Bahn und einem Autoscooter. Daneben sind weitere Fahrgeschäfte aufgebaut, sodass sich der gesamte Uniparkplatz in einen kleinen Rummel verwandelt hat. Die Wiese daneben wird von einer professionelle Bühne belegt und überall säumen Lichterketten, Essstände und Zelte mit weiteren Tanzflächen die Wege. Eine Reihe von unbekannten Bands und mittelmäßig berühmten Stars wird hier später auftreten und wem die nicht zusagen, der kann immer noch auf DJs ausweichen oder seinen Unmut im Schokobrunnen ertränken. Allerdings haben die meisten Studenten gute Laune, immerhin hat man sich mit Abendkleid bzw. Anzug für diesen Anlass ordentlich in Schale geworfen.

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Tom Odell (englischer Singer-Songwriter)

Ganz klar – es ist End of Year Ball. Die aufwändigste Feier jedes akademischen Jahres an einer englischen Uni, entsprechend teuer sind auch die Tickets. Doch es hat sich gelohnt zu beobachten, wie sich ein Teil des Campus in eine Art Festival-Gelände verwandelt und die ganze Uni gemeinsam den Beginn der Sommerferien feiert. Natürlich haben etliche Gäste auf Grund exzessiven Vortrinkens schon lange vor Ende der Party aufgeben müssen, aber das gehört hier aus irgendeinem Grund einfach mit dazu. Trotzdem war es die Gelegenheit sich von Kommilitonen zu verabschieden, die man andernfalls gar nicht noch mal getroffen hätte. Und es hat einfach was, mitten in der Nacht auf dem Campus Riesenrad zu fahren.

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