Marburg diskutiert die Slenczka-Thesen
Beim Theologisschen Mittagsgespräch am 16.6.15 (c) Max Plöm

Unter dem Titel „Wie christlich ist das Alte Testament?“ wurde am 16. Juni in der Marburger Fakultät zu einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Theologischen Mittagsgespräches geladen. Anlass dazu war die öffentliche Diskussion über Notger Slenczka und seine Thesen, über die auch hier mehrfach berichtet wurde. Allerdings sollte nicht die Person Slenczka, sondern seine Thesen und ihre Inhalte diskutiert werden.

Das Theologische Mittagsgespräch hat an der Marburger Fakultät eine lange Tradition, jeweils zwei professorale und wissenschaftliche Mitarbeitende stellen dazu ein Podium, welches Schlaglichter zu dem jeweiligen Titel liefert. Danach folgt eine Diskussion mit allen Anwesenden.

Diesmal nahmen über 80 Interessierte im Hörsaal Platz. Nicht nur Studierende, sondern Personen aus allen Statusgruppen und auch externe Gäste waren anwesend. Unter der Leitung von Tobias Braune-Krickau und Peter Schüz nahm das Gespräch seinen Lauf.

Zuerst durfte das Alte Testament, vertreten durch Prof. Christl Maier, Stellung beziehen. Ihre provokante Antwort auf die Frage war zunächst, dass das Alte Testament nicht christlich ist. Allerdings böte das AT die Wurzeln, ohne die der Baum des Christentums nicht existieren könne.

Es folgte für die Systematik Andreas Bechstein, der die Frage umwandelte in: Wie alttestamentlich ist das Christentum? An seine weitere Frage nach der Normativität und Kanonizität schloss die praktische Theologin Prof. Ulrike Wagner-Rau an. Sie erweiterte die Bedeutung der Kanonfrage dahingehend, wie überhaupt der Umgang mit heiligen Texten sei. Desweiteren verwies sie auf den alltäglichen Gebrauch des ATs. Ovidin Ioan legte als rumänisch-orthodoxer Kirchengeschichtler die Diskussion als typisch deutsch und geschichtlich stark vorbelastet aus.

Nach diesen Statements war das ganze Plenum eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Dabei standen vor allem die Fragen nach Kanon, Kanonisierung und Kanonizität im Vordergrund. Konkret lauteten diese z.B.: Was bedeutet der Kanon und wofür brauchen wir ihn überhaupt? Was wäre heutzutage eine medial gefragte Umsetzung der kanonischen Inhalte? Welche Bedeutung hat der Kanon für die christliche Identität?

(c) Max Plöm

Marburger theologische Mittagsgespräch am 16.6.15 (c) Max Plöm

Daraus folgten unter anderem Thesen wie: Die doppelte  Wirkungsgeschichte der hebräischen Bibel ist wichtig für den christlich-jüdischen Dialog. Eine Differenzierung zwischen der Kanonisierung und einem Kanon muss gewährleistet sein, dahingehend, dass der Kanon historisch abgeschlossen ist, es aber von jeder Generation einen eigenen hermeneutischen Zugang gibt. Zu einer angemessenen Reflexion des Christentums ist Pluralität notwendig, die durch das AT hergestellt werden kann. Und das AT kann christlich, aber nicht christologisch gelesen werden. Ebenso wie der Hinweis darauf, dass eine konsequente Umsetzung von Slenczkas Forderung eine Apokryphisierung der gesamten Bibel zur Folge hätte.

Wie ein roter Faden zog sich die Frage nach der Identitätsbildung, welche ein Kanon historisch in Krisenzeiten gewährleistete, durch. Diese führte zu der These, dass das Christentum im Laufe der Zeit oft vor ähnlichen Fragen steht, auf die immer neue kontextuelle Antworten gefunden werden müssen, ohne dass diese zu einfache Wahrheiten transportieren.

So kann diese Debatte als Anzeichen für einen Aufbruch gesehen werden, da die historische Kanonfrage immer in Krisenzeiten auftrat. Und sowohl unsere als auch die öffentliche Diskussion zeigt, dass wieder Fragen gestellt werden müssen. Jedoch sind wie sich zeigte andere Fragen interessanter, als die nach dem Status des Alten Testamentes, auch wenn diese, wie in unserem Fall, zu den anderen Fragen führte.

Zusammengefasst, war das Mittagsgespräch für uns eine Bereicherung, nicht weil sich eine Lösung auftat, sondern weil durch die Diskussion neue Anregungen und Gedanken entstehen konnten.

Dieser Bericht entstand in Zusammenarbeit mit Leonie Ulrichs.

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Ein Kommentar

  1. Henry George Richter-Hallgarten

    At versus NT:
    Hoffentlich eine Schlussbemerkung.
    Eine seit Marcion sich nun seit fast 2000 Jahren periodisch wiederholende, fruchtlose Kontroverse um die Wertigkeit des AT oder NT für das Heil der christlichen Seele!
    Entweder man ist konservativer, gläubiger Jude, Christ oder Muselmann und glaubt an die Offenbarung Gottes in der Schrift – mag das das AT, das NT oder der Koran sein- dann kann man als Jude, Christ oder Moslem auch nicht auf das AT verzichten – es sind die „Wurzeln des Baumes“ auf dem man sitzt.
    Oder aber man ist aufgeklärter Jude, Christ (hier Protestant) oder Moslem, der auch an eine Offenbarung Gottes für uns Menschen u. die Schöpfung glaubt, die sich aber webniger in der Schrift, aber in der Evolution, der Evolution des menschlichen Bewusstseins, in unseren Erkenntnissen in Wissenschaft und Kultur manifestiert
    Man bleibt dann zwar auch „Jud, Christ oder Muselmann“, wird dann aber wohl eher Mystiker oder wie Gerd Lüdemann, zum christlichen Mystiker.
    Auf einen aufschlussreichern Artikel des Ägyptologen zu diesem Thema in der FAZ vom 1.7.2015 sollte die Disskussion beenden. Wir haben als Menschen, die in unserer Zeit, in dieser Welt noch an einen Gott glauben, wirklich andere Sorgen als uns um „Kaisers Bart zu streiten“

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