Moment mal: Die „offene Kirche“ ein Paradoxon?

Vor ein paar Wochen besuchten mich Freunde aus meiner Heimatstadt in meinem Studienort Wien. Diese Stadt ist für sie weit weg, eine „Großstadt“ in der Ferne, von der aus die Geschicke unseres kleinen Landes geleitet werden. Für sie gilt Wien als lebendiges Museum einer längst vergangenen Weltstadtära, als ein mit Sehenswürdigkeiten zugepflasterter Tourismusort. Somit wurde mir die Aufgabe zuteil, die großartigen Plätze, Gebäude, Denkmäler und vor allem Kirchen (Stephansdom, Votivkirche, Karlskirche, etc.) meinen Gästen zu zeigen.

Gotteshäuser sind in Wien nicht zu übersehen. Hauptsächlich handelt es sich dabei um durchaus bedeutsame römisch-katholische Sakralbauten. „Gibt es in Wien eigentlich auch evangelische Kirchen?“ Diese Frage brachte mich aus meinem Tourismus-Routenplan-Konzept, denn eigentlich hatte ich ausschließlich katholische Kirchen zur Besichtigung vorgesehen. Spontan plante ich drei evangelische Kirchen ein und konnte damit den Wünschen meiner Freunde entgegenkommen. Zu sehen bekamen wir die protestantischen Gotteshäuser jedoch nur von außen, denn sie waren alle drei versperrt.

Der unlängst verstorbene DDR-Friedensaktivist und ehemalige Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig plakatierte in großen Lettern: „Nikolaikirche – offen für alle„. Anscheinend gilt diese Haltung nur für die Nikolaikirche, denn egal an welchen Ort ich auch komme: Evangelische Kirchengebäude sind in der Regel verschlossen oder nur zu gewissen Zeiten zugänglich. In den seltensten Fällen ist ein Schildchen angebracht, auf dem die Öffnungszeiten stehen. Fehlt auch dieses Schildchen, so bleibt dem „Besucher“ oder der „Besucherin“ nur noch die Gewissheit, dass Sonntags zwischen 10 und 11 Uhr der Kirchenraum betretbar ist.

Ich habe mich oft gefragt, welches Bild „meine“ Kirche mit dieser „Geschlossenheit“ schlussendlich vermittelt. Meine Freunde beispielsweise assoziierten nach ihrem Wienbesuch „evangelisch“ mit versperrten Kirchentüren. Dabei hatte ich bis jetzt ein anderes gesellschaftliches Bild von meiner Konfession, gerade im Bezug auf aktuelle politische Fragestellungen. Zahlreiche Stellungnahmen – wie die um das Reformationsjubiläum – weisen darauf hin.

Man muss in dem Zusammenhang eigentlich von einem Paradoxon sprechen. Medial versuchen wir, „evangelisch“ als alle Menschen einladend darzustellen. Nehmen dann jedoch Menschen diese Einladung ernst – wollen sich den Kirchenraum ansehen, ein kleines Gebet sprechen – müssen sie feststellen, dass ihnen der Zutritt zum Kirchenraum verwehrt wird.

Spiritualität im Alltag ist ein aktuelles Thema, verschließen wir nicht unsere Augen davor! Viele Menschen sind auf der Suche nach Räumen, in denen sie Ruhe vorfinden und Kraft schöpfen können. „Gottesdienst im Alltag“ findet überall statt, aber bietet nicht gerade ein Gotteshaus die idealen Voraussetzungen dafür? Alleine der sakrale Raum eröffnet die Möglichkeit, den Menschen das Evangelium nahe zu bringen – durch eine Konfrontation mit dem dort vorzufindenden Bibelbuch, durch die Gesangsbücher, durch die aufgemalten Bibelsprüche an den Wänden, durch die christlichen Symbole.

Ist eine Vorenthaltung dieser „spirituellen Möglichkeit“ vertretbar? Ich denke nicht. Kirche muss den Auftrag haben, Menschen mit dem Evangelium zu konfrontieren und eine geöffnete Türe ist dabei zumindest hilfreich.

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Ein Kommentar

  1. Ich finde verschlossene Türen, um einmal ganz praktisch zu bleiben, auch immer wieder ganz ärgerlich.

    Da hat sich imho aber in den letzten Jahren auch schon eine Menge getan. Kennst Du die „Offene Kirche“-Initiativen, die es in allen Landeskirchen gibt?

Philipp Greifenstein antworten … Antworten abbrechen

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