Gandhi und der Antichrist Ist Kritik am Alten Testament antisemitisch?
Foto: Unbekannt, 1920er (gemeinfrei)

Mahatma Gandhi gilt vielen Menschen – auch Christen – als Vorbild. Die us-amerikanische Bürgerrechtsbewegung wurde von Gandhi geprägt, wie auch die christliche Friedensbewegung. Doch so reibungsfrei war Gandhis Verhältnis zum Christentum nicht. Bei meinen Nachforschungen bin ich auf das gestoßen, was ich ja immer befürchtet hatte: Gandhi hat mir nichts dir nichts das Christentum abgeschafft. Er könne nicht glauben, „dass Jesus der einzige fleischgewordene Sohn Gottes sei und dass nur, wer an ihn glaubt, das ewige Leben haben solle …“[1]

Verflucht! Woran glaube ich jetzt?

Hm. Erst einmal sammeln. Für Gandhi ist die Bagavadhgita ein Wörterbuch für sein Verhalten. Er hat dazu – ähnlich wie zu seiner Frau – ein spezielles Verhältnis, das er nicht benennen kann.[2] Er scheint Hindu zu sein. Ich bin Christin. Ist dann nicht ein anderer Blick auf das Christentum legitim? (Ich meine jetzt, wie Gandhi den Christus sieht.)

Was hat dies mit der aktuellen Debatte an der HU Berlin zu tun? Ich formuliere es salopp: Wieso interessiert es einen Menschen mit jüdischem Glauben, ob ich als Andersgläubige (ob ich mich jetzt Hindu, Muslima, etc. p.p. nenne), an das Alte Testament glaube? Ob ich an seine Glaubensgrundlage glaube, kann ihm doch egal sein. Für mich als liberale Christin ist es auch kein Unmutsgrund, wenn Menschen mit jüdischem, buddhistischen, etc. Glauben, das Neue Testament nicht als ihre Glaubensgrundlage ansehen.

Wenn Notger Slenczka also ein Antijudaist sein soll, dann ist es nur stringent, Gandhi einen „Antichrist“ zu nennen. Oder man lässt beides bleiben.

(Das ist kein inhaltliches Pro- oder Kontraargument zu „den Thesen.“ Nur gegen Denkverbote.)


  1. M. K. Gandhi: Eine Autobiographie oder Die Geschichte meiner Experimente mit der Wahrheit. Gladenbach 1977, S. 12.  ↩
  2. „In der Bhagavadgita finde ich einen Trost, den ich selbst in der Bergpredigt vermisse. Wenn mir manchmal die Enttäuschung ins Antlitz starrt, wenn ich verlassen, keinen Lichtstrahl erblicke, greife ich zur Bhagavadgita. Dann finde ich hier und dort eine Strophe und beginne zu lächeln, inmitten aller Tragödien, und mein Leben ist voll von Tragödien gewesen. Wenn sie alle keine sichtbaren Wunden auf mir hinterlassen haben, verdanke ich dies den Lehren der Gita.“ Zitiert nach der deutschen Übersetzung der Bhagavad Gita des S. Radhakrishnan aus dem Verlag R. Löwit (von Wikipedia). Jene Info über das Verhältnis zu seiner Frau habe ich von der Seite: http://www.mkgandhi.org/. Ich find die genaue Quelle aber nicht mehr! Wenn jemand diese Nadel im Heuhaufen für mich findet, bin ich dankbar.  ↩
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3 Kommentare anzeigen

  1. Inga Bartke

    Ich finde diesen Text sehr gelungen:-)! Eine interessante, andere Perspektive, die zum überdenken anregt.

  2. Spassheide

    „Was hat dies mit der aktuellen Debatte an der HU Berlin zu tun? Ich formuliere es salopp: Wieso interessiert es einen Menschen mit jüdischem Glauben, ob ich als Andersgläubige (ob ich mich jetzt Hindu, Muslima, etc. p.p. nenne), an das Alte Testament glaube? Ob ich an seine Glaubensgrundlage glaube, kann ihm doch egal sein. Für mich als liberale Christin ist es auch kein Unmutsgrund, wenn Menschen mit jüdischem, buddhistischen, etc. Glauben, das Neue Testament nicht als ihre Glaubensgrundlage ansehen.“

    Leider handeln Religionen in der Regel aber nicht so.

    • Eva Habermann

      Ich finde da den Ansatz von Voltaire sehr vielversprechend: Die Vernunft sagt, dass wir Teil eines Gesamtkosmos sind. Das bedeutet, dass man in den Worten „Jesus ist der Weg, das Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) mitdenken muss, dass mein Gegenüber ein anderes „Woher“ seines Glaubens, d.h. ein anderes Selbstverständnis hat und als sich als ein gleichberechtigtes Subjekt koexistieren darf.

      Das ist wohl die Definition von „liberal“ im Gegensatz zu der prinzipiellen Intoleranz jedes Fundamentalismus, welches in grausamer Mission enden kann (vgl. Spanien in Südamerika), wie die Vergangenheit gezeigt hat.

      Liberal ist keineswegs gleichbedeutend mit arbiträr, sofern man eben dieses „Woher“ im eigenen (!) Horizont zu bestimmen sucht.

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