Der Raufbold Luther Vorträge zum ökumenischen Gespräch

Stiftskirche in Stuttgart. Die Kirche ist überfüllt, die Politiker sind zeitgleich bei Kofi Annan und verpassen einen sehr guten Vortrag von Heinz Schilling, der von Dorothea Sattler noch getoppt wird.
Worum geht es?

Heinz Schilling

Endlich nimmt die EKD Luther in seiner Zeit ernst, sagt Prof. Schilling. Ohne auf die Person Luthers in seiner Zeit zu sehen, kann man nicht sagen, was er für unsere Zeit bedeutet. Dennoch nötigt die globalgeschichtliche Bedeutung der Reformation zur Bescheidenheit und Demut: Die wichtigen Schritte hin zur Gegenwart sind keineswegs nur in Europa gefallen. (Im kommenden Jahr wird er einen Essay dazu veröffentlichen.)

Zunächst sprach er über den Menschen Luther, dem es nicht um eine lutherische Kirche, sondern um die eine Kirche Jesu Christi gegangen war. Ohne den Blick auf die Person sei es unverständlich, wie „ein verschüchterter Augustinermönch alles Leid und die Todesahnung ertragen konnte, um seine Wahrheit zum Durchbruch zu bringen.“

Es reiche kein „Aschenbrödelverfahren,“ das einem viel zu oft für die Wahrheit vorgehalten wird: Die schönen Seiten des Reformators ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen? Nein, vielmehr muss man die unterschiedlichen Facetten Luthers wahr- und ernst nehmen. „Er hatte den Charakter eines Raufboldes,“ sagt Schilling mit Bezug auf Luthers eigene Worte.

Jener musste die Bahn hauen, Melanchthon hingegen gleiche einem Gärtner, der hegt, pflegt und gießt. Um der Ganzheit des Lutherbildes willen warnte Schilling davor, Luther als Vorbild zu nehmen. „Wenn wir ihn als Heiligen verehren, haben wir ihn nicht verstanden.“

Anschließend nahm er ökumenische Zusammenhänge in den Blick, jedoch nicht im großökumenischen Kontext: „Die katholische Kirche ist viel weiter, als der Vatikan zum Ausdruck bringt.“ Dann Ausführungen über die verschiedenen katholischen Reformbewegungen zur Zeit Luthers.

Er monierte eine Vereinnahmung Luthers: Ebenso, wie Luther nicht eine umfassende Obrigkeitsgläubigkeit in die Schuhe geschoben werden darf, so muss man auch das Modernisierungsmonopol des Protestantismus in Frage stellen und den Mythos des grundsätzlich korrupten Katholizismus abweisen. Seinen Abschnitt des Vortrags beendete Schilling mit drei großen Prozessen, die dank Luther in der Neuzeit auftraten:

Die Wiederbelebung der existentiellen Religiosität der Papstkirche, die Wiederentdeckung der Welthaftigkeit des Christentums außerhalb des Klosters und die Weltanschauliche Differenzierung Europas mit ihrer Dynamik des Wandels. Obgleich dies verbunden war mit Gewalt und Leid, ist das Wirken Luthers dennoch zum Motor der Freiheit des Denkens und Handelns in Europa geworden.

 Dorothea Sattler

Frau Sattler beginnt.

Frau Sattler begann mit einer merkwürdigen Fragestellung: Ist Martin Luther katholisch? Jeder von euch weiß, dass Luther katholisch getauft war, katholischer Mönch wurde und zeitlebens gut vertraut mit der katholischen Lehrtradition blieb. Jeder von euch weiß auch, dass er mit der römischen Kirche irgendwann zwischen 1517 und 1520 brach. Könnte man allerdings heute sagen, dass er katholisch ist – oder dass die gesamte Kirche durch Luther katholisch(er) geworden ist?

Nur, wenn die Definition von „katholisch“ das zulässt. 381 (*Theologenzwinker*) war klar, dass alle Gemeinschaften, die eine heilige apostolische Kirche bilden, allgegenwärtig und alle Räume umfassend waren, also katholisch sind.

Heute von der einen römisch-katholischen Kirche zu sprechen wird der Organisation nicht gerecht, da sie vielseitig, in sich plural und oft auch uneins ist.

Melanchthon sagte: Katholisch ist eine Kirche, die ihr Leben nach der heiligen Schrift ausrichtet, also dem Guten und Alten treu ist. Er fand dann jedoch sechzehn Gründe, warum die Römische Kirche gerade nicht katholisch sei (Wallfahrtsleben, Fegefeuer, Anrufung der Heiligen im Gebet, Zölibat der Priester und Bischöfe, Totengedächtnis in Eucharistie, …), denn das Gütesiegel „katholisch“ wollte er für die Protestanten.

An vielen Stellen ist Frau Sattler deutlich, dass sich Luthers Ansichten und die der katholischen Kirche angenähert haben. Seit dem Zweiten Vatikanum ist deutlich, dass das eine Evangelium so verkündigt werden soll, dass auch Unmündige es verstehen. Auch beispielsweise das Amtsverständnis Luthers sei nicht weit von dem der römisch-katholischen Kirche entfernt.

Es macht keinen Sinn, allein Luther Antisemitismus vorzuwerfen, wenn das der Katholischen Kirche weder fern war noch ist. „Luther ist in seinen Versuchungen, denen er erlegen ist, katholisch.“

Und wie ist es mit dem polemischen Luther, der den Papst als Antichristen bezeichnet hat? „Wir haben gelernt, dieses Thema mit der katholischen Kirche sehr freundschaftlich zu besprechen,“ sagt Sattler beschwichtigend. Luther habe viele Päpste erlebt und einer war schlimmer als der andere. Die Identifikation des Antichristen mit gegenwärtig lebenden Päpsten nehme heute jedoch niemand mehr vor.

So stellte also Frau Sattler Luther als „Raufbold um des einen Evangeliums von Jesus Christus Willen, das uns gemeinsam geschenkt ist“ vor. Entschieden beschrieb sie Wegmarken der zukünftigen Ökumene. Man müsse beispielsweise zu einer gemeinsamen ökumenischen gottesdienstlichen Leseordnung finden, um uns unter das eine Wort Gottes so zu stellen, dass die Predigtauslegung der gleichen Texte die Regel bilden würde. Ihre Vision ist es, eine Ökumenische Gemeinschaft aller Getauften zu erleben, die gemeinsam ein ökumenisches Konzil trägt.

Es bedarf einer anderen Partizipation aller Getauften der röm.-kath. Kirche an den Entscheidungen, als dies derzeit der Fall ist. Eine Beteiligung der Frauen an den Entscheidungsfindungsprozessen – so weit dachte Luther nicht. Sattler: „Wir danken der Reformation für ihren Mut an dieser Stelle über Martin Luther hinauszugehen!“

Zurück bleibe ich mit Eindruck und Ehrfurcht vor zwei mutigen Reden – aber auch mit neuen Fragen, die sich mir so früher noch nicht gestellt hatten.

Was würde Luther heute sagen, in einer Zeit, in der Religion die Gesellschaft nicht mehr flächendeckend beschäftigt? Wäre Luther heute Lutheraner? Ist die Bekennende Kirche eher die lutherische Kirche gewesen als die der Deutschen Christen? Sollte man 2017 anregen, die Ablasspraxis aufzugeben? Und welches Glaubensbekenntnis sollte in einem gemeinsamen ökumenischen Gottesdienst gesprochen werden?

20150606_103319

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