Mein Kirchentag im Rückblick
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So, nun hat sich der Kreis also geschlossen: mein zweiter Kirchentag in Stuttgart. Wiederholt habe ich daran gedacht – an meinen ersten Kirchentag überhaupt vor 16 Jahren in Stuttgart: Schlafen im Gruppenzelt auf dem Campingplatz am Cannstatter Wasen. Da war doch die Veranstaltung, in die ich nicht mehr rein gekommen bin, wo war die nur nochmal; diese Kirche hier sieht aus, wie die Kirche in der ich dieses witzige szenische Konzert gehört und gesehen hatte, in dem sich Bachs Kinder gegen ihren Vater auflehnten mit der Aussage, dass Händel doch viel besser und moderner sei als er; boah, die Straßenbahnhaltestellen erkenne ich überhaupt nicht wieder, obwohl ich hier doch vor 16 Jahren gelernt hatte, wie man sich möglichst an den Bahnsteig bzw. die haltende Bahn stellt, um noch einen Sitzplatz zu bekommen.

Ich habe aber auch gemerkt, wie ich mich verändert habe. Ja klar, ich bin erwachsen geworden und vielleicht auch etwas reifer im Denken. Aber es wurde mir auch auffällig, wie sich mein Schwerpunkt der besuchten Veranstaltungen über die Jahre hinweg verändert hatte, und wie man jedes Mal seine Veranstaltungen aus anderen Gründen so wählt, wie man sie wählt. Vor 16 Jahren habe ich hauptsächlich Konzerte besucht, viel Musik auf mich wirken lassen, kaum Vorträge besucht, schon gar nicht die Hauptvorträge oder -Podien. Über die Jahre hinweg änderte sich das. Während meiner Ausbildung zur Pflegekraft besuchte ich natürlich vermehrt Veranstaltungen die das Thema der Pflege aufgriffen. In den ersten Jahren meines Studiums suchte ich mir Veranstaltungen von Theologen aus anderen Städten, die ich gerne mal hören wollte, beschäftigte mich aber auch mit kirchenkontroversen Themen, immerhin muss ich mir selbst über manches ja erstmal ein Urteil bilden, bevor ich selbst urteilen kann. Auch dieses Jahr habe ich wiederholt festgestellt, dass der Kirchentag dafür ganz hilfreich sein kann. Naja und dieses Jahr habe ich viel Hauptvorträge besucht, konnte ihnen folgen und habe auch einiges aus ihnen mitgenommen. Entsprechend K.O. war ich abends oder im Laufe des Nachmittags. Wenn man alles sehen und hören und gleichzeitig auch noch darüber berichten will, dann wird es irgendwann zu viel. Nun aber:

Der Kirchentag ist vorbei und von vielen Seiten kommt die Frage, wie denn so mein Gesamteindruck war. Einen Gesamteindruck zu schildern ist immer ganz schwierig, gerade bei so großen Events mit so vielen Möglichkeiten, die man gar nicht alle wahrnehmen kann, wie der Kirchentag sie bietet. Aber ich versuche mich mal in einem Resümee, das meinen Eindruck wieder geben kann.

Die Gottesdienste

Ganz oben stehen natürlich Eröffnungs- und Abschlussgottesdienst. Großevents mit einer großen Anzahl an Menschen. Diese dort alle unterzubringen ist eine Koordinationsleistung und beim Eröffnungsgottesdienst kam es also dazu, dass der Schlossplatz gesperrt wurde und auch die U-Bahn-Station nicht mehr angefahren wurde. Natürlich musste ich da an 1999 zurück denken, als auf dem Gelände noch Platz für einen Salzberg war,

Ihr seid das Salz der Erde – Stuttgart 1999

Ihr seid das Salz der Erde – Stuttgart 1999

das war dieses Jahr undenkbar.

Schlossplatz überfüllt – Stuttgart 2015

Schlossplatz überfüllt – Stuttgart 2015

Die Gottesdienste selbst waren nett gestaltet und bemüht, möglichst alle der Besucher auch anzusprechen. Es gab klare liturgische Strukturen, vor allem beim Abendmahl, es wurde traditionelles sowie neues Liedgut gesungen, die Bibelübersetzungen waren oft aus der Kirchentagsübersetzung, es wurde aber auch zur Lutherübersetzung sowie zu Übersetzungen in Leichter Sprache gegriffen. Es ist nicht leicht, bei einem solchen Event alle Besucher zu erreichen.

So denke ich zum Beispiel an die Lesungen der Bibeltexte zum Eröffnungsgottesdienst durch das Sprecherensemble der Akademie für gesprochenes Wort, die sehr deutlich gelesen haben und die Texte sehr kunstvoll gestaltet haben. Wer eine traditionelle Lesung erwartet hatte wird an diesem Punkt enttäuscht gewesen sein, hätte sich aber vielleicht durch die interpretatorische Darstellung des Vertikalkünstlers erfreuen lassen. Eine nette Idee in Anbetracht der ersten Worte des Psalms 90: Herr, du bist unsre Zuflucht für und für.

Weiter denke ich dann aber auch an das Bewegungsgebet im Schlussgottesdienst, eine angeleitete Bewegung, die Arme zu heben, nach links und nach rechts zu schauen, die Menschen um einen herum zu spüren … ich denke, man kann heraus lesen, dass ich dem noch immer sehr skeptisch gegenüber stehe.

Was mir aber am meisten ins Auge stach, und was ich mich frage, ob es nicht bedacht wurde bei der ganzen Planung, oder ob es mit Absicht gemacht wurde, um einen Teil der Besucher nicht vor den Kopf zu stoßen, die es nicht gewohnt sind, dass im Kirchenlied nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist: Im Eröffnungsgottesdienst wurden die Lieder im Wechsel auch innerhalb der Lieder von verschiedenen Gruppen begleitet, unter anderem von der Projektband ev. Jugendwerk in Württemberg, inklusive zwei Vorsängern, stets laut mit strahlendem Lachen singend, so auch in der 3. Strophe von „Du meine Seele singe“:

Was Mensch ist, muss erblassen und sinken in den Tod;

er muss den Geist auslassen, selbst werden Erd und Kot.

Allda ist’s dann geschehen mit seinem klugen Rat

und ist sehr klar zu sehen, wie schwach sei Menschentat.

Ich konnte kaum mitsingen vor ungläubigem Bestaunen der Leinwand, mit welcher Freude und Enthusiasmus die Sänger und Spieler dort oben auf der Bühne diese Strophe darboten und regelrecht tanzten – sagt mal, kriegt ihr überhaupt mit, was ihr das singt! Als Kirchenmusiker und auch als Vorsänger ist es nicht eure Aufgabe die Leute zum Singen zu animieren, sondern ihr könnt hier wahrlich die Chance nutzen musikalisch zu unterstreichen, was der Text aussagt – darin habt ihr in dieser Strophe, sorry das zu sagen, aber darin habt ihr kläglich versagt. Ist das ein Anzeichen dafür, dass die theologische Kirchenmusik verloren geht?

Der Abend der Begegnung …

… war für mich weniger Kennenlernen der Regionen als viel mehr möglichst alle Bäume in möglichst kurzer Zeit sammeln. Am Ende des Abends stellte ich fest, dass wenn ich von jedem Sammelpunkt 1–2 zusätzliche mitnehme, um sie zu verschenken, auch der Abend für mich zum Abend der Begegnung wird – nicht nur schon Bekannter, sondern auch Unbekannter, denen man unter Umständen eine große Freude machen kann, mit einem Baum, oder auch allen sieben Bäumen.

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Die Bibelarbeiten …

… zu denen ich ging, waren gut frequentiert und es gab keinen leeren Platz mehr (erst dann, als es mit der Akustik schwierig wurde). Es ist doch schön zu sehen, dass auch dieser Punkt des Kirchentages gefragt ist und nicht nur von den schon länger Teilnehmenden, auch viele junge Teilnehmer habe ich gesehen, vor allem – wie soll es anders sein – in der Film-Bibelarbeit.

Ich muss zugeben, das war das erste Jahr, in dem ich an einer bzw. zwei Bibelarbeiten teilgenommen habe. Aber wonach sucht man seine Bibelarbeit aus? Danach, wer sie hält? Danach, dass sie in dem Saal statt findet, in dem die Folgeveranstaltung ist? Sowohl als auch. Die Film-Bibelarbeit klang für mich spannend und war in der Nähe des nachfolgenden Hauptvortrags. Sie setzte sich daraus zusammen, dass versucht wurde anhand eines Filmes einen Zugang zum Bibeltext zu finden. Das war mal ganz spannend, aber irgendwie hatte ich doch das Gefühl, dass da irgendwie ein Zwang dahinter lag, jetzt auf jeden Fall einen passenden Film finden zu müssen. Erst im Nachhinein, als ich mich am nächsten Morgen mit meinen Frühstückssitznachbarn über die jeweils besuchte Bibelarbeit unterhielt, wurde mir deutlich, dass das doch ganz gut gelungen war. Und da ist der nächste Punkt, der den Kirchentag ausmacht: die Gespräche mit anderen, bisher unbekannten Menschen.

Die Vorträge …

… waren so zahlreich, dass es noch schwieriger war, sich für einen zu entscheiden. Wie ihr in den Vortagen schon habt lesen dürfen, hatte ich den Schwerpunkt auf Interreligiösität und hab da sehr viele sehr gute Impulse mitgenommen. Diese thematisch wichtigen Vorträge waren gut besucht, den Ausführungen wurde (so gut es ging) aufmerksam gefolgt und die Möglichkeit der Fragen wurde ausgiebig genutzt. Das macht doch auch wieder den Kirchentag aus, dass das Publikum die Möglichkeit hat, sich am Diskurs zu beteiligen und das sehr sortiert und übersichtlich, durch die Anwälte (da fällt mir auf, in jeder Veranstaltung in der ich war, bei der Anwälte fürs Publikum vertreten waren, waren diese Frauen, bis auf einen) bzw. Anwältinnen.

Und dann gibt es dort die Veranstaltungen, zu denen Politiker und andere namhafte Leute kommen. So war ich in Veranstaltungen mit Kofi Annan, Frank-Walter Steinmeier und – angekündigt – Thomas de Maizière – tatsächlich anwesend: Gerd Müller (Entwicklungsminister). Letztere der beiden Veranstaltungen habe ich vorzeitig verlassen, weil ich einfach nicht mehr konnte; zum einen aus Erschöpfungsgründen, zum anderen weil zusätzlich zu dieser Erschöpfung noch der ständige Applaus dazu kam.

In der Veranstaltung mit Steinmeier und Kofi Annan war das nochmal extremer. Alles musste beklatscht werden. Steinmeier ging ab einem gewissen Punkt sogar dazu über die Sprechpausen zu verkürzen, um das ständige Klatschen bei Zustimmung einzuschränken (weil es wurde ja nicht nur kurz mal zustimmend geklatscht – nein, es war teilweise minutenlanger Applaus), aber hatte damit nicht viel Erfolg. In meiner unmittelbaren Nähe saß eine Frau, die ihre Hände daraufhin klatschbereit hielt – merkt ihr denn nicht, dass alles, was ihr jetzt klatscht, von der Zeit abgeht, die ihr nachher für Fragen und Kommentare habt! Es scheinen nicht viele Wert darauf zu legen, was die Menschen beschäftigt. Es gibt doch auch die Kirchentagsbesucher, die die namhaften Menschen einfach nur mal sehen und hören wollen – wenn die Anwälte des Publikums zu Wort kommen, verlassen viele den Saal – traurig.

Finde Kofi Annan

Finde Kofi Annan

Konzerte

Nach all den Vorträgen über den Tag und die Hitze war ich abends dann zu müde, um noch bei diesen groß mittanzen zu können, aber das schöne ist ja, dass zumindest der Schlossplatz auch noch Grünflächen hat, auf die man sich setzen kann und entspannt den verschiedenen Bands zuhören kann – da lernt man Neues kennen, oder geht auch mal gezielt in eine Kirche ein bekanntes Ensemble zu hören oder auch einfach bekannte Menschen zu hören und im Anschluss zu treffen.

Am Ende ist der Kirchentag eine Gelegenheit, Menschen zu treffen. Unbekannte Menschen, mit denen man viel leichter ins Gespräch kommt und auch bekannte Menschen, die man zum Teil schon seit sehr langer Zeit nicht mehr gesehen hat. Deshalb ist jeder Kirchentag, egal wie heiß es ist, und egal wie lang man auf etwas warten muss und egal wie enttäuscht man vom Abendsegen ist, weil die Musik des Liedermachers nicht mein Fall ist, doch immer ein guter Kirchentag.

Und somit hat sich dieser Kreis mitnichten geschlossen, nur weil ich jetzt ein zweites Mal in Stuttgart war. Es war die Möglichkeit da zu erkennen, was aus mir in 16 Jahren geworden ist und ich bin gespannt darauf, was dieses Bild ergibt, wenn der Kirchentag das nächste Mal wieder Stuttgart ist, wann auch immer das sein mag.

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Ein Kommentar

  1. Jonathan

    Da du die Konzerte angesprochen hast … meine Neuentdeckungen:
    Undivided (acapella aus Californien), Stilbruch (Cello, Geige, Schlagzeug und Gesang aus Dresden), purephonic (acapella) und Moop Mama (Urban Brass aus dem Stuttgarter Raum).

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