Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben Anfragen an das Gleichnis von den zehn jungen Frauen
Licht im Dunkel der Exegese.

Die Elberfelder Bibel übersetzt das Gleichnis Jesu so:

Dann wird es mit dem Reich der Himmel sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und hinausgingen, dem Bräutigam entgegen. Fünf aber von ihnen waren töricht und fünf klug. Denn die Törichten nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich; die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Als aber der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein.
Um Mitternacht aber entstand ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen alle jene Jungfrauen auf und schmückten ihre Lampen. Die Törichten aber sprachen zu den Klugen: Gebt uns von eurem Öl! Denn unsere Lampen erlöschen. Die Klugen aber antworteten und sagten: Nein, damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche! Geht lieber hin zu den Verkäufern und kauft für euch selbst!
Als sie aber hingingen, zu kaufen, kam der Bräutigam, und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen.
Später aber kommen auch die übrigen Jungfrauen und sagen: Herr, Herr, öffne uns! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht.
So wacht nun! Denn ihr wißt weder den Tag noch die Stunde.

Gleichnisse haben den Zweck, ein sonst unverständliches und abstraktes Geschehen in die Lebenswirklichkeit der Zuhörer zu holen. Aber ist euch schon einmal aufgefallen, wie viele Fragen dieses Gleichnis aufwirft? Ich mache das mal fest an der Frage: Was genau ist das Törichte/Dumme an dem Verhalten der fünf unklugen jungen Frauen? Lesen wir dafür die Geschichte einmal so, als hätte sie wirklich mit realen Menschen stattgefunden. (Eine tatsächlich gute Bibelarbeit zu dem Text hielt Andreas Malessa auf dem Kirchentag 2015 in Stuttgart. Auf Nachfrage gibt er sicherlich den Text für geneigte Studierende frei.)

Da sind also zehn junge Frauen, die zu einer Hochzeit unterwegs sind. Heiraten sie alle? Merkwürdig. Ich gehe mal davon aus, dass sie nicht die Bräute sind, sonst wäre die Geschichte ja polygam. Sie sind daher zum Zweck der Überlegung Gäste zur Hochzeit.

Die Hochzeit beginnt am Abend. Allerdings ist der Feierraum abgeschlossen und die Clique der zehn jungen Frauen mischt sich nicht unter die anderen Wartenden, sondern harren der Ankunft des verspäteten Bräutigams, der offensichtlich niemandem einen Zweitschlüssel anvertraut hat. Aber die jungen Frauen haben das schon geahnt. Jede von ihnen hat vorgesorgt und sich auf den chronischen Zuspätkommer mit einem Nachtlicht eingerichtet. Soweit, so absurd und doch irgendwie noch verständlich.

Warum aber tun sich jetzt nicht die zehn jungen Frauen zusammen, wo sie doch gemeinsam einschlafen? Warum richten sie sich keine abwechselnde Wache ein? Warum braucht jede von diesen eitlen Geschöpfen eine eigene Lampe? Nun, die Not ist groß, als klar wird, dass die angeblich so klugen Frauen die Hilfe verweigern und ihren Vorrat für sich behalten.

Was machen die anderen fünf? Sie gehen shoppen. Welcher Laden hat bitte mitten in düsterster Nacht offen, um Lampenöl zu verkaufen? Ein urchristlicher Späti, eine römische Tankstelle? Wir wissen es nicht, die Törichten vielleicht auch nicht. Na gut, es ist halt verkaufsoffen, was soll man machen. Ausbeutung der Mitarbeitenden ist eben ein altes Menschheitsleiden.

Bisher waren die fünf angeblich klugen jungen Frauen nicht barmherzig, und sie bleiben auch dabei. Unbarmherzig verraten sie dem Bräutigam nicht, dass die Hälfte seiner Ehrengäste fehlt. Unbarmherzig hindern sie ihn nicht daran, den Raum mit seinem einzigen Schlüssel wieder abzuschließen. Keine macht mit den fünf Törichten ein Klopfzeichen aus, um später hineingelassen zu werden. Unverschämt herzlos!

Als die fünf Mitternachtsshopperinnen von ihrem Kaufflash zurück sind – sie haben tatsächlich einen Händler gefunden, der ihnen gab, was sie brauchten –, geschieht die letzte Szene des Dramas. Der Bräutigam reagiert auf das Rufen seiner ausgesperrten Gäste – und sagt, dass er sie nicht kennt.

Wie bitte? Er kennt seine Ehrengäste nicht?

Oder gab es tatsächlich ein geheimes Klopfzeichen, das nur niemand nutzt?

Was also ist der Punkt, an dem sich die Torheit der fünf jungen Frauen mit weniger Öl zeigt?

  • Kennen sie den Bräutigam (der seine Gäste nicht kennt!) zu wenig und sind daher nicht genug vorbereitet? (Merke: alle hatten Öl und Lampen dabei!)
  • Sind sie töricht, weil sie die unbarmherzigen … äh … klugen Mitgäste um Hilfe bitten?
  • Wäre es klug gewesen zu sagen: Wir brauchen keine Lampen, wenn die anderen leuchten – Motto: dabei sein ist alles?
  • Besteht die Torheit im Mitternachtseinkauf?
  • Besteht sie darin, sich fort schicken zu lassen?
  • Oder darin, den Bräutigam um Einlass zu bitten, als er offensichtlich schon haubitzenvoll und unzurechnungsfähig ist, unfähig seine Gäste zu erkennen?

Vielleicht geht es in diesem Gleichnis gar nicht so sehr darum, es den ‚klugen‘ Frauen nachzumachen. Sympathisch sind sie nicht. Was von ihrem Reichtum abgeben können sie auch nicht. Sie haben besser vorgesorgt, zugegeben.

Ich denke, vielmehr ist uns mit dem Gleichnis zugerufen: Seid nicht die einen und nicht die anderen! Das Ende der Zeiten ist nahe und wer darauf nicht vorbereitet ist, hat das Nachsehen.

Jesus beendet dieses irre Gleichnis paradox, wie man ihn kennt und liebt: So wacht nun, ruft er uns zu, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde!

Nochmal: Wer außer dem Bräutigam war wach?

Eben.

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