Moment mal: Ich geh schaukeln
Foto: Ben Rosett (CC0)

Draußen scheint die Sonne. Mein Sohn sitzt spielend zu meinen Füßen (ich ignoriere, dass er den Laminatboden gerade mit Bleistift vollschmiert – es gibt ja Radiergummi). Kinder laufen lachend an meinem Fenster vorbei. Die Vögel zwitschern. Und ich sitze am Schreibtisch und schreibe an meiner Masterarbeit. Und an dem Moment mal für heute.

Ich bin unmotiviert. Viel lieber säße ich jetzt mit meinem Sohn im Sandkasten. Am besten mit einer Freundin und ihrem Kind. Oder mit einem guten Buch. Oder ich würde gern Fahrrad fahren. Oder wenigstens spazieren gehen! Da fände ich Gottes Reich, über das ich in meiner Masterarbeit schreibe, doch bestimmt eher, als am Schreibtisch, oder? Ich recherchiere und denke nun schon seit Wochen nach über Gottes Herrschaft, die er aufrichten wird. Über das Reich, das den Armen, Kranken und Trauernden zugesprochen wird. Das Reich, in das wir gelangen, wenn wir sind wie die Kinder. Das Reich, in das Reiche nur mit Schwierigkeiten gelangen. Das Reich, das schon angebrochen ist. Das Reich, dessen Vollendung Jesus wohl zu Lebzeiten seiner Hörerinnen und Hörer erwartete. Das Reich, das wie ein großes Festmahl ist, bei dem getanzt und gesungen und gelacht wird. Wo Liebe zwischen allen Teilnehmenden ist und keiner nur aufgesetzt freundlich. Wo alles echt und ehrlich ist. Wo es Erkenntnis direkt im Geist gibt, ohne Studieren und Forschen – so stellt sich Joachim de Fiore das Gottesreich vor. Freiheit von der Notwendigkeit. „Das Reich der Freiheit,“ wie Jürgen Moltmann es nennt. In dem die Freiheit des Menschen nicht bei seinem Nächsten endet, sondern erst beginnt! Wo wahre Freiheit erfahren werden kann. Wo alles vollkommen ist. Wo es keine Hierarchien mehr gibt. Wo unser gesellschaftliches System total auf den Kopf gestellt wird.

Und dieses Reich versuche ich in kalte, schwarze Buchstaben zu pressen? Bedruckte Zettel, gebunden und fürs Prüfungsamt bestimmt?

Ich schnappe mir jetzt meinen Sohn und fliehe nach draußen auf den Spielplatz schaukeln! Der Theorie widme ich mich später wieder – jetzt erfahre ich präsentische Eschatologie!

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Ein Kommentar

  1. Jonathan

    Es gibt eine Zeit zu schaukeln und eine zu schreiben …
    Gut, dass du dich nicht immer durch das Nötige vom Schönen abhalten lässt. :)

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