Kirchentag interreligiös

Mein Schwerpunkt lag in diesem Jahr aus irgendeinem Grund auf der Interreligiosität bzw. auf dem intereligiösen Dialog zwischen den abrahamitischen Religionen. Am Freitag besuchte ich den Hauptvortrag zur Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs mit dem Titel „… der den Bund und die Barmherzigkeit hält“ (5 Mose 7,9). Am Samstag lauschte ich dem Versuch eine theologische Utopie zu formulieren zum Zusammenleben von Christen und Muslimen.

Wer meine Tweets verfolgt hat (es waren nicht sehr viele), wird das Beitragsbild schon kennen und auch die Umstände, wie es dazu gekommen ist. Es ist vom samstäglichen Hauptvortrag, der in der Stiftskirche stattfand und ich saß den Nachmittag auf heißen Kohlen, weil ich da doch ein ziemlich heikles Thema aufgebracht hatte. Aber der erwartete Diskurs oder gar Shitstorm blieb aus. Mal schauen, was mich erwartet, wenn ich nach Hause komme.

Zur Story: die Stiftskirche hat keine leichte Akustik, daran änderte sich auch nichts, als die Kirche rappelvoll war. Schon in der vorangehenden Bibelarbeit mussten wir sehr viel Konzentration aufbringen, den Ausführungen und Erläuterungen Bischof Damians (koptisch-orthodoxe Kirche) folgen zu können. Aufgrund seiner gut verständlichen Stimme drang er zwar durch, viele aber verließen die Kirche, weil ihnen das Hören nicht mehr so leicht fällt wie mir noch, vergleichsweise. Um 11 Uhr begann dann der Vortrag zum Zusammenleben von Muslimen und Christen und die ersten beiden Redenden waren Frauen: Moderatorin Prof. Dr. Karin v. Welck und die Referentin und Islamwissenschaftlerin Dr. Rifa’at Lenzin. Die Stimme von Frauen ist höher, kopfiger und trägt oft nicht so gut wie eine männliche Stimme. In der Kirche waren beide nicht sehr gut zu verstehen. Man versuchte es mit Mikrofonwechsel und anderer Aussteuerung, doch verließen jetzt noch mehr die Kirche als vorher schon. Auch ich habe ab einem Zeitpunkt die Konzentration nicht mehr aufbringen können, ihren Ausführungen weiter zu folgen, was in Anbetracht der Thematik und ihrer Arbeit und Vorbereitung doch sehr traurig ist. Wiederholt fragte ich mich, warum dieser Vortrag in die Kirche gelegt worden war, nachdem der Programmpunkt zum jüdisch-christlichen Dialog in der Oper statt gefunden hatte, die akustisch für einen Vortrag überaus geeignet ist.

Als nach dem Beitrag der Islamwissenschaftlerin und Muslimin nun der christliche Referent Prof. Dr. Reinhold Bernhardt, Systematischer Theologe aus Basel zu Wort kam wurde auf einmal der Ruf laut, er solle doch von der Kanzel sprechen. Wow, wieso kommt diese Idee erst jetzt? Natürlich, die Kanzel ist so gebaut, dass sie das gesprochene Wort im hallenden Kirchenraum verständlicher machen soll und wenn ihr das Beitragsbild betrachtet, seht ihr, dass der Schalldeckel (der heißt ja sogar schon so), verhältnismäßig groß ist. Doch bleibt es auffällig, Frau Lenzin wurde wiederholt ermahnt lauter und langsamer zu sprechen oder das Mikrofon näher an den Mund zu führen und Herr Bernhardt wird sofort auf die Kanzel gerufen. Hatte man bisher einfach nicht daran gedacht? Oder liegt es gar daran, dass Frau Lenzin Muslimin ist? Seht ihr den Paradox zum Titel der Veranstaltung? Entsprechend twitterte ich:

Das soll nicht heißen, dass ich mir nicht über eine gewisse Problematik im Klaren bin. Immerhin wird von der Kanzel das Wort Gottes verkündet unter der Einwirkung des Heiligen Geistes. Wie ist das nun also, wenn eine Muslimin auf der Kanzel steht? Wie wirkt da der Heilige Geist? Tut er das dann überhaupt?

Ich denke man muss die Situation differenzieren. Die Predigt ist die Verkündigung Gottes Wortes unter der Einwirkung des Heiligen Geistes. In diesem Fall war ja klar, dass es nicht um Verkündigung ging, sondern um Referate und einen Diskurs.

Herr Bernhardt also sprach dann von der Kanzel und er konnte hervorragend verstanden werden, was ich hier jetzt aber nicht rezitieren will, denn wie ihr euch vom Bild her denken könnt, ist die Story ja noch nicht vorbei.

Den Referaten schließt sich ein Diskurs an zwischen den Referenten und der Moderatorin. Dafür waren im Kirchenraum drei Stühle bereitgestellt, wo die beiden Frauen saßen und den Mann nach seinem Referat erwarteten. Schnell stellte sich heraus, dass die Verständigung mitnichten besser geworden war. In Anbetracht des vorangegangenen Zeitverlustes durch das Finden einer Lösung des Verständlichkeitsproblems am Anfang entfällt der Diskurs und es werden sofort die Anwältinnen des Publikums um die Fragen aus der Zuhörerschaft gebeten. Und hier tauchte genau die Frage auf, die ich mir vorher schon gestellt hatte: warum man erst auf die Idee Kanzel kommt, wenn der Christ spricht. Ja, hier können jetzt Stimmen laut werden: das ist das liberale Denken der Kirchentagsbesucher und so, aber es erschallte Applaus aus dem Kirchenraum und keiner sagte irgendetwas Gegenteiliges, als Stimmen laut wurden, dass beide Referenten zum Beantworten der Fragen auf die Kanzel sollten – auch von kirchlicher Seite aus nicht.

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Hier geschah das Tragende dieses Vormittags: Eine Muslimin und ein Christ gemeinsam auf der Kanzel, reden über ein mögliches Zusammenleben zwischen Muslimen und Christen. Reden davon, wie wichtig es ist für ein solches einander kennen zu lernen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Wie will man über etwas urteilen wollen, über das man nichts weiß? Und enden mit dem Fazit: Zusammenleben fängt im Kopf an.

Dies alles von einer Kanzel, wo der Heilige Geist wirkt und Gottes Wort verkündet wird. Warum soll ich behaupten, dass das in diesem Fall nicht so gewesen ist? Ist es nicht Gottes Wort einander anzunehmen und nicht über einander zu urteilen?

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