Segen. Ritus. Kausalie. Trans*Menschen vor Gott

Vorwort.

Ich bin kein Trans*mensch, kenne mich in der Community nur wenig aus und es kann sein, dass ich in diesem Artikel flapsig rüberkomme oder sogar Unzutreffendes sage. Dahinter steckt kein böser Wille. Berichtigt mich einfach freundlich in den Kommentaren. Vielen Dank!
Außerdem sei hiermit erwähnt, dass die Entscheidungsgewalt über die Liturgie einer Landeskirche bei den Landessynoden liegt. Bisher hat meines Wissens noch keine Teilkirche der EKD einen liturgischen Vorschlag zu Trans*-Segnungen beschlossen, daher sind alle untigen Ideen und Vorschläge genau das: Ideen und Vorschläge.

Trans.

Trans, das ist, wenn ein Mensch früher mit einem anderen Geschlecht assoziiert und angesprochen wurde, als heute oder demnächst. Mann wird beispielsweise Frau. Bei einer Erstbegegnung mag der Trans-Gedanke verwirrend klingen. Warum sollte jemand eine der fundamentalen (sprachlichen, gesellschaftlichen) Kategorien als „für ihn/sie selbst andersherum“ erklären wollen? Und welche Toilette benutzt er/sie dann?
20150605_161221Ich würde sagen: Das ist ein bisschen wie mit Emos … Feministische Schreiber und -Innen entgegnen eher:

Ist doch sein/ihr Bier,
a) wie er/sie aussehen,
b) in welcher Rolle er/sie angeredet,
c) welche Musik er/sie hören,
d) mit wem und wie er/sie ins Bett gehen,
e) ob er/sie überhaupt Bier trinken will.

Warum soll bei Fragen der Persönlichkeit des Anderen überhaupt ich mitentscheiden können? Ist doch nicht mein Bier*Saft.

Soweit das Prinzip. Im Podium in Stuttgart/Untertürkheim stellten sich heute drei Theologen und ein Jurist der ganz praktischen Frage: (Wie) kann kirchliche Begleitung von Menschen mit Transidentität rituell verankert werden? Eine Gruppe von motivierten Menschen hatte sich auf dem letzten Kirchentag zusammengefunden und im Verlauf der letzten zwei Jahre Bausteine für eine Kasualie geformt. Die Ideen dazu wurden vorgestellt und diskutiert.

Diese Ideen entstanden jedoch nicht kontextfrei, sondern aus der Beobachtung, dass Menschen in Transition ein besonderes Bedürfnis nach seelsorgerlicher Begleitung und Zuspruch haben. Sie wollen erfahren, dass Gott ihnen nahe ist und beisteht.

Zahlen und Fakten.

Aus juristischer Sicht ist das Transsexuellengesetz (TSG) für Geschlechtsanpassungen maßgeblich. Das TSG gibt es seit 1980. Es handelt sich dabei, wie Till Jakob ausführte, nicht um einen „innovativen Wurf, sondern es wurde dem Gesetzgeber vom Bundesverfassungsgericht als Kompromiss abgerungen.“ Insgesamt gab es sieben Urteile, die besonders aufgrund der Würde des Menschen argumentierten.

Wusstest du, dass diese Problematik eine deutliche Minderheit betrifft? Rund 15.000 Menschen haben in Deutschland seit 1995 per gerichtlichen Entscheid nach dem Transsexuellengesetz ihre geschlechtliche Identität gewechselt. Was die Menschen in ihrer Transition wollen, ist sehr verschieden, von lediglich der Vornamensänderungen bis hin zum „vollen Programm“ mit Operation existiert eine weite Spannbreite der möglichen Identitätstransitionen.

„Beim Segen braucht man keine Angst vor Inflation haben“ – Theologische Spannungsbereiche

Wie kann ich vor Gott treten? Diese Frage hat für transidente Menschen eine besondere Schwierigkeit, nämlich die der Identität. Wer ist dieses „Ich“, das vor Gott tritt? In der Taufe werden mein Name und der des dreieinigen Gottes in die engste Beziehung gesetzt. Was ist, wenn sich mein Name ändert – bin ich auch bei meinem neuen Namen gerufen? Über den ganzen Fragenbereich kann man recht treffend den Begriff der „Anfechtung“ setzen. Das drängende Gefühl, nicht eins mit sich selbst zu sein – ist das nicht eine Art, von Sünde zu reden?

Angenommen, jemand möchte eine solche Kasualie: Braucht es analog zur Hochzeit einen bereits vollzogenen staatlichen Akt, bevor eine solche Segenshandlung stattfinden kann – oder kann man den Segen auch als seelsorgende Antwort auf den Wunsch des transidenten Menschen spenden?

Ich denke, dass das bewusste Feiern einer Transitionskasualie Versöhnung stiften kann – nicht nur zwischen Mensch und Gott, sondern auch zwischen Gemeindemitgliedern, die über den Identitätsfindungsprozess aneinandergeraten sind. Und es kann für alle fruchtbar sein, wenn die Transition offen gelebt wird. Jemand aus der Zuhörerschaft sagte: „Mein offenes Transidentsein gibt anderen Sicherheit, sich mir zu öffnen.“

Podium Trans und Kasualie

Impulse der Gruppe.

Ein Gottesdienst anlässlich einer Transition muss an die Wünsche des- oder derjenigen Menschen angepasst werden. Es gibt viele Möglichkeiten, welcher Punkt im Leben die Transition subjektiv markieren kann: Vom „inneren coming out“, über den Kontakt mit der Krankenkasse, eine mögliche Operation bis hin zur Personenstandsänderung und Umschreibung aller Papiere. Geht es mir um das Neue, das vor mir liegt oder mehr um Altes, das ich abschließen möchte?

Kasualien beziehen sich auf den einzelnen Fall (casus). Klassisch handelt es sich dabei um Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung. Hier wird an Übergängen des Lebens der Kontakt zwischen Individuum und Evangelium bzw. Kirche und Lebenswirklichkeit hergestellt. Es gibt auch außergewöhnlich wirkende Kasualien, die in der Kirchengeschichte ihren Ort und Sinn hatten, beispielsweise die Jungfrauensegnung oder die Initiation beim Klostereintritt. Nun ist auch eine Geschlechtsangleichung ein gravierender Einschnitt im Lebensweg eines Menschen. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass die Gruppe Vorschläge gemacht hat, wie man transidenten Menschen im Rahmen einer Kasualie den Segen Gottes zusprechen kann.

Eine Tauferinnerung bietet sich an, um deutlich zu machen: Ich bin getauft, ich bin gemeint, als Person. Dabei könnte als Zeichenhandlung eine neue Taufkerze an der alten entzündet werden.

Vielleicht sind aber andere Kasualien anschlussfähiger, wie beispielsweise die Konfirmation, weil es dort um die Subjektwerdung und Persönlichkeitsentfaltung geht. Wichtig ist, dass eine Stärkung für das Kommende passieren kann.

Die Segnung für einen Trans*Menschen sollte keine Privatsache sein, keine „Kasualie zweiter Klasse“, sondern idealerweise gemeinsam mit der Gemeinde im Sonntagsgottesdienst gestaltet werden.

Mareike Ginzel, Vikarin und Teil der quikt-Gruppe, sieht den Segen als Krone der kirchlichen Begleitung: „Wenn Menschen das Bedürfnis nach einem Segen haben, sollte der ihnen zuteil werden, auch wenn es sich dabei um eine Minderheit handelt. Wer diesen Zuspruch sucht, muss darin ernst genommen werden.“

Nun die theologische Stolperfallen:

Von Trans steht nichts im Buch der Bücher. (Von Frauenwahlrecht und Frauenordination auch nicht so richtig, und das sind gute Ideen, die hart erkämpft wurden.) Es gibt jedenfalls keine Negativbelege dazu in der Bibel, darum ist sie kein Hinderungsgrund.

Schon schwieriger wird es im Blick auf die Genesis. Die Schöpfung war sehr gut – folgt daraus nicht, dass das eigene Geschlecht gut und gottgewollt ist? Und ist es ein Hinderungsgrund über Gottebenbildlichkeit zu sprechen, wenn man über transidente Menschen redet?

Du merkst schon, ich denke: Nein, kein Hinderungsgrund und die gute Schöpfung wird nicht durch die Transition eines Menschen bedroht. Argumente dazu kann aber vielleicht jemand bringen, der/die sich besser schöpfungstheologisch auskennt als ich. (Und einen kühleren Kopf hat. Stuttgart schwitzt bei aktuellen 33° im Schatten – drinnen manchmal mehr als draußen.)

Weiterführende Infos.

Das ist ja super, sagst du dir vielleicht und fragst dich: Wo bekomme ich die Materialien?

Simpel: Schreib eine Mail an quikt@web.de. Dort kannst du erfragen, was bereits von der Gruppe veröffentlicht werden darf. Im Material enthalten ist dann eine Sammlung von biblischen Transitionssprüchen (Gen: „fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir und will dich segnen“; Jes: „ich bin der Herr, der dich geschaffen hat“; 2. Kor: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur“ usw.), Zeichenhandlungsvorschläge für die Segnung und noch vieles mehr.

Leider gibt es noch keine Homepage. Daher: Wenn du der Gruppe technisch helfen möchtest (Website gestalten und so), dann melde dich bitte ebenfalls unter quikt@web.de und sei dir schon jetzt großen Dankes sicher.

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4 Kommentare anzeigen

  1. Nina

    Also wars ein voller Erfolg? Liest sich zumindest ein wenig so.
    Ich wäre so gerne dabei gewesen…
    Alleine zu Hause schwitzen (bei 35°C) macht nicht so viel Spaß wie bei euch in Stuttgart.

    • Jonathan

      Dafür, dass das Podium durch Kommunikationsunglücke nicht im Programmheft aufgenommen wurde und auch nicht zentral sondern in Fellbach stattfand, war das Podium gut besucht und somit ein Erfolg.
      Außerdem blieben einige noch zum diskutieren und die Organisatoren hatten ein erleichtertes Lächeln auf den Lippen …

  2. Trans steht nicht in der Bibel?

    Ich finde immer noch wegweisend, was Ulrich Bach in einem vergleichbaren Zusammenhang geschrieben hat und zitiere aus dem Wikipedia-Artikel:

    „Während seiner Zeit als Pastor unterrichtete Bach u.a. Luthers Kleinen Katechismus. Im ersten Artikel (‚Ich glaube an Gott, … den Schöpfer…‘) formulierte Martin Luther: ‚Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält…‘

    Seine teils schwer behinderten Konfirmanden konfrontierten Bach mit einer Frage, die er sich auch selbst immer wieder gestellt hatte: Gilt dieses Glaubensbekenntnis auch für Menschen mit einer Behinderung? Ist es theologisch richtig, wenn sie ebenfalls bekennen: ‚Ich glaube, dass Gott mich mit meiner Behinderung erschaffen hat?‘

    Eine Theologie, die diese Frage verneinen würde, nennt Bach ‚Apartheidstheologie‘. Denn zusätzlich zur Behinderung würden behinderte Menschen aus der Gemeinschaft der von Gott Geschaffenen ausgegrenzt.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Bach

    Man möge es mir verzeihen, wenn jemand es anstößig findet, Trans*menschen mit Behinderten zu vergleichen – oder umgekehrt.

    Aber die Fragestellung ist dieselbe: „Darf ich als Trans*mensch mit Luther bekennen, dass Gott mich so geschaffen hat?“
    Und die Antwort der Theologie kann nicht anders lauten als: „Ja, du darfst das bekennen.“

    Nein, es steht nicht alles in der Bibel.

    Dazu war folgender Text von Ulrich Bach für mich sehr hilfreich:

    „Mit der Bibel durch die Tür

    Vielleicht hab’ ich es falsch gemacht.
    Als mein Sohn mich zum Hotel-Eingang schob,
    hielt uns ein – sagen wir vierzigjähriger – Fremder
    die Tür auf.
    O besten Dank, sehr freundlich.
    Da kommt er uns zwei Schritte nach:
    Das steht ja schon in der Bibel,
    du sollst deinen Nächsten lieben,
    vielleicht wissen Sie das.
    Ja, ja, ich weiß, natürlich.
    Sonst sagte ich nichts.
    Am liebsten hätte ich gesagt:
    In meiner Bibel stehen noch ganz andere Sachen.
    Von der linken Hand,
    die nicht wissen soll, was die rechte tut –
    zum Beispiel.
    Am liebsten hätte ich ihm gesagt,
    daß Jesus gekommen ist, um uns frei zu machen
    von allen Mächten und Krämpfen;
    daß Jesus gestorben und auferstanden ist,
    damit Friede sei,
    Friede inmitten der Angst.
    Am liebsten hätte ich ihm gesagt,
    daß ich an einen ganz anderen glaube
    als an jenen fernen Herrn,
    der im Laufe von zwei Jahrtausenden
    degenerierte
    zu einer bürgerlichen Motivation,
    einem Behinderten die Tür aufzuhalten.
    Wer ist dieser Jesus,
    wenn er nicht mehr bedeutet als das?
    Und wer ist dieser Vierzigjährige,
    wenn er mir
    ohne seine Bibel
    also nicht die Tür aufgehalten hätte?
    Am liebsten hätte ich
    mich lange mit ihm zusammengesetzt.
    Aber ich sagte bloß:
    Ja, ja, ich weiß, natürlich.
    Er sah so zufrieden aus.
    Er freute sich,
    für einen Augenblick mit Jesus
    – mit seinem Jesus –
    konform zu sein.
    Sollte ich ihm
    so etwas Schönes
    kaputtmachen?
    Ich sagte nur:
    Ja, ja, ich weiß, natürlich.
    Vielleicht hab’ ich es falsch gemacht.“

    aus: Volmarsteiner Rasiertexte
    vgl.: http://ulrich-bach.de/html/bucher.html

    Dieser Text hat mich davon überzeugt, dass eben nicht alles in der Bibel stehen muss.
    Ich muss als Christ und Theologe nicht mehr nach einer biblischen Begründung für alles suchen.
    Wenn etwas richtig ist, dann ist es auch dann richtig, wenn es nicht in der Bibel steht.
    Wenn Kasualien tatsächlich Passageriten sind, die Menschen an elementaren Übergängen ihres Lebens begleiten (Geburt, Erwachsenwerden, Gründen einer eigenen Familie, Abschied eines lieben Menschen), dann ist der Wechsel des Geschlechts mindestens ein solcher Übergang, der durch einen Segen und eine entsprechende „Kasualie“ (mit oder ohne Kirchenbucheintrag, aber jedenfalls mit einem Segen) begleitet werden sollte.

    Bernd Kehren

    • Jonathan

      Danke für diese ergänzenden Texte, Bernd. :)

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