Wer soll die Welt regieren? Überlegungen zur Debatte globaler Gerechtigkeit und internationaler Partnerschaften
Zorblax und seine Untertanen

Braucht die Erde eine globale Regierung? Auf dem Kirchentag in Stuttgart gab es dazu eine Veranstaltung, die den Auftakt zur Debatte globaler Gerechtigkeit und internationaler Partnerschaften bildete. An sie anschließend entstand dieser Artikel – doch zunächst die Geschichte eines Aliens.

1) Zorblax

Zorblax lachte und rieb sich die Hände. Vor ihm knieten die letzten widerständigen Erdlinge. Endlich, endlich war die Belagerung vorbei. Der Auserwählte des Schöpfers aller Universen hatte mit seiner Herrschaft über die Terraner begonnen. Und die Machtübernahme war leicht gewesen: Ein paar orbitale Refraktoren, um das Sonnenlicht zu bündeln, zwei Schüsse vor und drei durch den Bug dieses dreckigblauen Planeten. Zorblax rieb sich seine grünen Hände. Es hatte Spaß gemacht, die Welt zu erobern.
„Und nun, Herr,“ sprach ein Terraner und hob seinen Kopf, „ist all dies Euer.“

„Ja,“ sagte Zorblax. Alles. Und es hatte ihn ein Lächeln gekostet.
„Die Regierungen aller Länder beugen sich Eurem Ratspruch,“ fügte eine Terranerin hinzu.

„Das will ich auch hoffen,“ sagte Zorblax zögerlich. Er hatte doch die Erdlinge unterjocht – warum sprachen sie nun so viel?

Ein dritter Kopf hob sich: „Insbesondere freuen wir uns auf Eure Anweisungen bezüglich globaler Erwärmung und Onlinekriminalität …“

Es war ein epischer Sonnenuntergang. Zorblax genoss ihn von seinem Raumschiff aus. Dass man so leicht an die Weltherrschaft kommen konnte, hätte er vorher nicht für möglich gehalten. Im Nachhinein verwunderte es ihn kaum. Wie konnte eine Zivilisation nur so viele Probleme ungelöst lassen? Müllwirtschaft, eskalierende Finanzmärkte, Verfolgung durch die eigene Spezies aus ideologischen Motiven, … jedes Mal, wenn er eine Lösung diktiert hatte, behaupteten vier Staaten die Unmöglichkeit der Umsetzung und legten drei neue Problemstellungen offen. Er schüttelte den Kopf, der über der Aufregung des Tages ganz gelb geworden war. Die Terraner hatten nicht vor Herausforderungen gestanden – sie hatten in einer Baustelle gelebt, die auf der Spitze von noch maroderen Baustellen errichtet worden war. Es war ihm unverständlich, dass sie getreu dem Motto „lerne deine Probleme lösen, während du sie dir selbst schaffst“ hatten leben können.

„Gib niemals einem Pleg eine Aufgabe, die du auch selbst erledigen kannst,“ sagte er sich und beobachtete die sich abkühlenden und langsam dunkler werdenden Refraktoren nachdenklich durch die transparente Außenwand seines Raumschiffs.
Es war ein unvergesslicher Sonnenuntergang gewesen. Und auch die Erde würde er seinen Lebtag in Erinnerung behalten, als abschreckendes Beispiel. Zorblax drückte einige Knöpfe, um das Einsammeln der Refraktoren einzuleiten. Er würde sich einen anderen Planeten suchen müssen, um seine Weltherrschaft antreten zu können. Einen mit vernünftigen Bewohnern.


 

2) Globale Gouvernante

Seit Jahrtausenden gibt es den Begriff des politischen Tyrannen. Es gibt viel, was schief laufen kann, wenn der Versuch unternommen wird, ein Herrschaftsgebiet zu schaffen, das für die gesamte bekannte Welt Entscheidungen trifft – wie bei jeder Regierung eigentlich. Fakt ist, dass es einige Probleme gibt, die global gelöst werden müssen (denen sich Zorblax oben ebenfalls stellen musste), weil sie uns alle angehen. Und es gibt bereits globale Organisationen wie die Vereinten Nationen und einzelne Staaten, die international dominant auftreten.

Ihr merkt, ich habe dem Vortrag auf dem Kirchentag gelauscht – jedoch bestand das Podium aus drei akademischen Theoretikern (Forst, Zürn, Möllers; allesamt Männer), die zum Setzen von Schlaglichtern nicht metaphorische Bauscheinwerfer sondern Laser benutzt haben. Es blieb … theoretisch. „Die G20-Runden machen,“ sagte heute Zürn zum Beispiel, „ansatzweise eine globale Koordination möglich.“ Etwas fordernder hatte ich mir die Debattanten dann doch vorgestellt.

Am konkretesten empfand ich diese Frage: „Würden wir eine Weltregierung akzeptieren, wenn sie (demokratisch gewählt) durch eine bekennende Muslimin repräsentiert wäre?“


3) Regieren ohne Regierung

Die einhellige Meinung der drei Akademiker lautete, dass man durchaus von globalem Regieren sprechen kann, wenn wir auch noch keine globale Regierung haben. Will heißen: Warum sind international arbeitende Organisationen wie Amnesty und Greenpeace keine Regierung? Zunächst haben sie keine Legitimation, Herrschaft auszuüben. Die müsste ihnen im Idealfall demokratisch übertragen werden. Und dann müssten sich die internationalen Organisationen auf eine gemeinsame Kursrichtung einigen, anstatt Einzelinteressen zu vertreten.

Aber einmal angenommen, man hätte einen weltweiten Überbau. Idealerweise müsste jeder zu Wort kommen, der von der jeweiligen Entscheidung dieses Gremiums betroffen ist. Der ernste Wille zu gemeinsamen Entscheidungen durch Kompromiss und Konsens müsste die Sitzungen bestimmen. Und dann auch die Taten, die den Sitzungen folgen.
Faktoren also, in denen wir uns manchmal ganz schön ungeschickt anstellen.


4) Herr der Heerscharen

Soweit zum Vortrag. Die Debatte um globales Regieren hat jedoch zweifelsfrei eine theologische Dimension. Was ich geschrieben habe, ist eh schon lang geworden, darum stelle ich hiermit folgende Thesen auf und überlasse sie der geneigten kommentierfreudigen Leserschaft:

  • So gern das Alte Testament ein Königreich mit dem göttlichen Monarchen gesehen hätte, so unmöglich ist es, Gott unmittelbar alle Entscheidungen treffen zu lassen.
  • Es ist möglich, eine gute Regierung zu schaffen, die weltumspannend Probleme löst.
  • Sie wird nicht das Reich Gottes entstehen lassen, auf das wir hinleben. Das hat nämlich bereits begonnen.
  • Wir als Kirche können politisch, um es mit Lukas zu sagen, nur eines von beidem konsequent: Wirtschaftsinteressen wahrnehmen oder eine radikale Position zu Frieden und Gerechtigkeit vertreten.
  • Eine globale Regierung muss beides nicht nur wollen, sondern auch können.
  • Die Akzeptanz einer globalen Regierung hängt jeweils von der eingeübten Demokratiekultur ab.
  • Ein transnationales Parlament, wie wir es in Europa haben, ist kulturell ein wichtiger Schritt, um internationale Demokratie zu ermöglichen.
  • Kapitalismus hemmt die Bildung einer möglichen globalen Regierung.
  • Wirtschaften mit Weitblick (Stichworte Fairer Handel, Klimaneutralität, etc.) ist ein guter Anfang, um im Kleinen globale Gerechtigkeit zu fördern.

Ich grüße aus Stuttgart und freue mich auf Kommentare!

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