Students of Hull Zwischen erstem Job, Religion und Prüfungen

Ein Auslandsjahr muss sein. Das stand schon fest, bevor ich mich überhaupt für ein Studienfach entschieden hatte. Zwei Semester lang studiere ich nun Religion and Philosophy in Hull/ England und berichte hier regelmäßig über meine Erlebnisse.

Diesmal: Was Studenten und Dozenten in ihrem Alltag an der University of Hull bewegt. Nebenbemerkung: Die Interviews in dieser Form und Namen der Interviewten sind fiktiv, beziehen sich aber in jedem Fall auf konkrete Gespräche mit konkreten Personen. Nur selten habe ich den Interviewten direktere Worte in den Mund gelegt, als sie tatsächlich gebraucht haben.

Lena und Alina, deutsche Erasmusstudentinnen

„Ausland ist halt nötig heutzutage und unsere Uni hat ein Semester in einem anderen Land fest mit in die Studienordnung integriert. Ich find das auch ganz cool, aber ich bin echt dankbar für meine deutsche Freundesgruppe. Da hab ich Leute, die mich verstehen, wenn ich mich mal wieder über die niedrigen Anforderungen in den Prüfungen aufregen muss. Sobald ich mit meinen Freunden zusammen bin, reden wir nur noch Deutsch, auch wenn noch andere Kommilitonen dabei sind. Mein Englisch muss ich ja nicht bei jeder Gelegenheit üben. Aber was ich gar nicht verstehen kann, das sind die ganzen chinesischen Studenten, die nur unter sich bleiben und sich so gar nicht ins Unileben integrieren …“

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Student Union Building: Einer der wichtigsten Anlaufspunkte mit Verwaltung & Beratung, Studentenvertretung, Uni Shop, Buchladen, Friseur, Bar, Pub, Nachtclub.

Mark, Soziologiedozent

Ich unterrichte schon seit Jahren in Hull Religionssoziologie und hatte im Laufe der Zeit mit den unterschiedlichsten Studenten zu tun. Aber neulich kam ein Student in meine Sprechstunde, der hat echt alles übertroffen. Er wollte das Thema für seine Bachelorarbeit absprechen und hatte sich löblicherweise sogar schon ein paar Gedanken gemacht. Bloß waren die leider alles andere als realisierbar. Sein Plan war, sich auf Suizid bei Männern zu konzentrieren. Und – Suizidopfer zu interviewen. Ich meinte zu ihm, dass er da ein Problem habe. Er schaute ziemlich verwirrt und fragte: „Wie, ein ethisches?“

Emma, Mitbewohnerin

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Die Uni von ihrer schönsten Seite. Trotzdem wollen Viele hier schnell wieder weg.

Erst vor ein paar Tagen war mein 21. Geburtstag und jetzt gibt es schon wieder Grund zum Feiern: Ich habe meinen absoluten Traumjob in London gefunden und gerade den Arbeitsvertrag unterschrieben! Ich bin so froh, wenn das dritte Studienjahr endlich überstanden ist und ich anfangen kann zu arbeiten. Meine Freunde stecken auch gerade alle in der Bewerbungsphase. Niemand ist sonderlich scharf drauf, noch ein Jahr für einen Master ans Studium dranzuhängen. Das machen bloß die, die keinen Job finden oder in die Forschung wollen. Master sind außerdem ziemlich teuer und es gibt keine staatliche Unterstützung mehr. Zum Glück reicht der Bachelor völlig aus, um mit Arbeiten beginnen zu können.

Sam, Bekannter

Ich finde es echt gut, dass man unter den Societies auch solche für verschiedene Religionen findet. Meine muslimischen Freunde haben mich schon ab und zu zu ihren Veranstaltungen eingeladen und es war immer super. Nur die Christliche Union hat irgendwie mit internen Streitigkeiten zu kämpfen. Genauer gesagt gibt es jetzt gar keine Christliche Union mehr. Die hat sich aufgelöst und seit diesem Jahr gibt es in Hull nur noch zwei evangelikale Societies. Dort habe ich mich nicht so recht wohlgefühlt und gehe deshalb jetzt in die katholische Society. Irgendwie scheinen die christlichen Societies gerade überall in der Krise zu stecken. An vielen Unis ist die Christliche Union, die sich als Gruppe für alle christlichen Studenten versteht, eher fundamentalistisch geprägt. In Exeter haben sie sie deshalb jetzt gezwungen sich in „Evangelikale Christliche Union“ umzubenennen. Ich finde es ja nicht schlimm, dass es verschiedene christliche Studentengruppen gibt, sondern dass die sich zum Teil so abwertend gegenüberstehen.

John, Kommilitone

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Unibibliothek. An sieben Tagen in der Woche 24 Stunden geöffnet.

Ich habe gerade einen Essay eingereicht. Leider vier Minuten zu spät, das heißt sie ziehen mir schon mal zehn Prozent von der Note ab. Das ist echt ärgerlich, denn eigentlich hätte ich es noch rechtzeitig bis 12 Uhr zur Essay-Dropbox meiner Fakultät geschafft. Ich hab die Datei ordnungsgemäß bei dem Online Portal hochgeladen und mit der Bestätigung von dort das erforderliche Deckblatt für die Hardcopy erstellt. Blöderweise hab ich auf dem Weg von der Bibliothek zur Fakultät dieses Deckblatt fallen lassen und musste es noch mal ausdrucken gehen. Naja, immerhin war ich noch im 24h-Rahmen nach der Deadline. Danach bekommt man höchstens noch die niedrigste Note, die zum Bestehen reicht.

Und zu guter Letzt ich selbst

Seit ich in der 11. Klasse endlich eine neue Ethiklehrerin bekommen habe, musste ich keine Plakate mehr auf Note basteln. Bis jetzt. Für den Kurs, der sich mit Religion, Körper und Technologie befasst, mussten wir Konferenz-Poster zum Thema unserer Abschlussarbeit erstellen. Davon war erst mal niemand so richtig begeistert, weil es nach einer recht unklaren aber aufwändigen Aufgabe klang. Und generell sind Poster eher auf naturwissenschaftlichen Konferenzen üblich, also warum müssen wir uns damit rumschlagen? Aber im Nachhinein muss ich sagen, dass es eine der besten Prüfungsmethoden war, die ich bisher erlebt habe: Das selbstgewählte Thema (in meinem Fall Gender-Identität und körperliche Auferstehung) zu visualisieren und ein Plakat zusammenzubasteln hat erstaunlich viel Spaß gemacht. Aber das Beste war die Präsentation im Kurs: Alle Plakate wurden aufgehängt und die Hälfte von uns stellte sich zu ihren Werken. Die anderen konnten einfach rumgehen, sich die Sachen anschauen und Fragen stellen. In dieser ungezwungenen Präsentationsatmosphäre haben die meisten so begeistert angefangen, über ihre Projekte zu berichten, wie ich es in normalen Vorträgen nur selten erlebt habe. Dass Lernen Spaß macht, finde ich nicht ungewöhnlich. Aber von Prüfungen habe ich das bisher eher selten sagen können.

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Die Uni von einer weniger glänzenden Seite. Aber auch wenn es nicht so den Anschein macht, von innen ist das Social Sciences Gebäude durchaus modern und vorzeigbar. (Und Grauhörnchen gibt es hier gefühlt genauso viele wie Studenten.)

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