Moment mal: Die Eine Sprache
Bild: Isenheimer Altar (gemeinfrei)

Wir haben Pfingsten! Das Fest, an dem wir feiern, dass der Heilige Geist herab kam und die Apostel erfüllte. Dies ließ sie trunken erscheinen, aber ermöglichte ihnen, dass sie in vielen verschiedenen Sprachen verstanden werden konnten. Immer wieder habe ich überlegt, wie das gehen kann. Als Kind wurde mir von manchem erklärt, dass jeder Jünger eine andere Sprache gesprochen hat, später kam die Überlegung auf, dass eine universelle Sprache doch die Musik ist.

Wenn die Jünger nun also gesungen haben, am helllichten Tage, kann das auch den Vorwurf der Trunkenheit erklären. Nicht überzeugend finde ich die Erklärung, sie haben in Zungen gesprochen, da es nicht konsequent ist – in späteren Jahren und Jahrhunderten sind Menschen aufgetaucht, die sagten, sie sprechen in Zungen und brauchten regelmäßig einen Dolmetscher, dass sie verstanden werden können (oder ich muss dabei mein Verständnis von in Zungen sprechen differenzieren).

Ich halte also gerne an dem Gedanken der Musik als universeller Sprache fest, auch wenn ich zugeben muss, dass auch dies nicht konsequent ist, wenn man bedenkt, dass westliche Musik im Vietnamkrieg als Foltermittel benutzt werden konnte, da die Menschen in Asien ganz andere Tonarten gewohnt sind. Vergleichen könnte man das so: wenn man einen Menschen, der mit klassischer Musik groß geworden ist und Zuversicht in dem klaren homophonen, ja regelrecht mathematischen Aufbau der Bach’schen Musik findet, in einen schalldichten Raum sperrt und ihn mit Heavy Metal zudröhnt. Oder auch anders herum.

Also ist auch Musik nicht unbedingt konsequent, dennoch komme ich davon nicht los, denn immer wieder beobachte ich, wie Menschen bei den Klängen des Weihnachtsoratoriums, einer Passion oder auch Gounods Ave Maria die Tränen vor Freude und Zuversicht und neu gewonnenem Glauben kommen. Liegt die Universalität also in der Emotion, die Musik auslöst, die der theologische Inhalt der Stücke weitergibt? Es gibt Kirchenlieder, die über Kontinente hinweg gesungen werden.

In der vergangenen Woche wurde ein mir lieber Mensch beerdigt. Sie war Cellistin und sang wie ich Sopran. Wir sangen lange gemeinsam nebeneinander im selben Chor und musizierten auch wiederholt gemeinsam an Weihnachten im Gottesdienst. Sie war noch keine 68 und starb an Krebs, konnte sich ein Jahr auf ihren Tod vorbereiten und hat die Zeit genutzt auch ihre Beerdigung vorzubereiten. Ihr Anliegen war dabei, dass die Trauerfeier kein Trauergottesdienst sein soll, sondern ein Trostgottesdienst. In den Liedern, die wir gesungen haben, in den Stücken, die musiziert wurden, in dem Vers, den sie für die Ansprache ausgewählt hatte: „Herr, lehre doch mich, dass es ein Ende mit mir haben muss, und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muss.“ (Ps 38,5)

Das, was ihr im Leben Freude bereitet hatte, verband uns in diesem Gottesdienst – die Musik. So waren wir als Gemeinde eins, als wir sangen, hörten und beteten voll Dankbarkeit ein Teil ihres Lebens gewesen zu sein und selbst ein Teil ihres Lebens haben sein zu dürfen. Da brauch es keiner Worte, da brauch es keiner Sprache; im Glauben an Gott sprechen wir alle eine Sprache.
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Ein Kommentar

  1. Michael Simon

    „Dies ließ sie trunken erscheinen, aber ermöglichte ihnen, dass sie in vielen verschiedenen Sprachen verstanden werden konnten.“
    Musik als Grund des obigen Ereignisses anzunehmen ist meiner Meinung nach ziemlich abwegig. Das Weihnachtsoratorium von Bach wird als sehr emotionsgeladen empfunden, unabhängig von seinem Inhalt. Das heißt, Bachs Musik sorgt nicht dafür, dass das Evangelium verkündet wird, sondern lediglich, dass die Menschen, die die Weihnachtsgeschichte bereits kennen, emotional verstärkt werden. Würde man das Oratorium einem Regenwaldvolk im Amazonas vorspielen, fänden diese es vielleicht interessant, aber die Weihnachtsgeschichte könnte auf diese Weise nicht transportiert werden. Für die Regenwäldler bliebe der Inhalt im Dunkeln.

    „Es gibt Kirchenlieder, die über Kontinente hinweg gesungen werden.“
    Klar, da sie bereits in verschiedene Sprachen übersetzt wurden, kennt jeder Gläubige deren Inhalte. Das liegt aber nicht an der Musik, sondern an der Übersetzung.

    „…im Glauben an Gott sprechen wir alle eine Sprache.“
    Man muss dazusagen, dass das nur für Christen gilt. Und auch nur, wenn man vorher die Glaubensinhalte übersetzt. Christlicher Glaube ist also nicht universell, sondern der Grund für seine Verbreitung liegt an den Übersetzungen, damit die Inhalte dort, wo man sie verbreiten will, auch verstanden werden.

    Fazit: Entweder haben die Apostel noch Sprachen hinzugelernt (ich kann mir gut vorstellen, dass Petrus und Paulus zweisprachig waren) oder aber, dass was sie gepredigt haben, wurde simultan oder zeitnah übersetzt. Mit dem Heiligen Geist hat das aber überhaupt nichts zu tun. Das ist eine nette Geschichte, ein Märchen, was sich gut verkaufen lässt.

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