Moment mal: Flüchtlingspolitik zwischen Logik und Liebe

Die Frage nach dem angemessenen Umgang mit Bootsflüchtlingen bestimmt gerade die politischen Debatten rund um den Globus. So groß die Einigkeit darin besteht, aus humanitären Gründen sofort darauf reagieren zu müssen, so groß ist die Uneinigkeit in der Frage, wie die angemessene Reaktion auszusehen hat. Vermutlich liegt schon hier das Problem, dass wir uns in dem Dilemma wiederfinden, irgendwie re-agieren zu müssen.
Der „Politik der offenen Arme“ steht die „Politik der Abschottung“ scheinbar unversöhnlich gegenüber. Ein Vertreter des letztgenannten Lagers ist der streitbare schweizer Verleger Roger Köppel. Seine Argumente entbehren nicht einer gewissen Logik. Doch Logik allein reicht nicht aus, wenn es um konkrete Lebensgeschichten geht.
Andererseits macht man es sich auch zu einfach, die Nächstenliebe einer unbarmherzigen Logik gegenüberzustellen. Auch die „Abschottungs-Befürworter“ nehmen als Motiv die Nächstenliebe für sich in Anspruch. Ob zu Recht, mögen andere beurteilen. Jedenfalls vermisse ich aber bei so mancher Wortmeldung eine glaubwürdige Geste des Mitleids mit den Menschen, die derzeit hilflos auf dem Mittelmeer umher treiben.
Die Botschaft der Nächstenliebe ist nur glaubwürdig, wenn sie zeigt, dass sie am Einzelnen interessiert ist. Die konkrete Not droht jedoch aus dem Blick zu geraten, wenn ein gewisser Abstand eingenommen wird, um die großen Zusammenhänge zu überschauen.

„Think global, act local“ ist die Devise der Nächstenliebe. Einige in der Flüchtlingsdebatte erhobenen Forderungen scheinen jedoch eher dem Motto „Think local, act global“ zu entsprechen.

Schließlich sollte der Ruf nach einer langfristigen Strategie, welche die Ursachen der Flucht anzugehen sich rühmt, auch einen selbstkritischen Blick auf den eigenen Wohlstand beinhalten. Die aktuellen Flüchtlingsströme sollten uns Anlass geben, uns aufrichtig und ergebnisoffen mit dem globalen Wohlstandsgefälle auseinander zu setzen. Dazu braucht es aber auch die Einsicht, dass nicht alle „Flüchtlinge“ um das nackte Überleben kämpfen. (Zumindest nicht zum Zeitpunkt der Abreise.) Einige versprechen sich von der Überfahrt schlichtweg ein besseres Leben. Das ist alles andere als illegitim, aber eine zutiefst unbequeme Wahrheit.

Denn der Wohlstand Europas ist angesichts der Masse an Bedürftigen rechtfertigungsbedürftig. Das Phänomen des „Wirtschaftsflüchtlings“ ist der Stachel, der uns daran erinnert, dass unsere Lebensqualität nicht selbstverständlich ist. Wenn wir dieses Phänomen aber pauschal verleugnen, weichen wir sowohl der Rechtfertigung dieses Zustands aus, als auch – und das ist weitaus schlimmer – der Pflicht, etwas an diesem Zustand zu ändern.

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