Mit Kind im Seminar
Foto: Stephan Sperlich

Mein letztes Semester besteht fast nur aus Selbststudienzeit bzw. Schreibzeit für die Masterthesis. Nur noch mittwochs trabe ich brav in das einzige und letzte Seminar, dass ich noch habe. Einmal in der Woche sitze ich von 10 bis 14 Uhr in der Hochschule und gewöhne mich an den Gedanken, dass das Studium nun bald vorbei ist. Zur Freude aller Mitstudierenden und Dozierenden bringe ich jedes Mal meinen kleinen Sohn mit, der im Juni schon ein Jahr alt wird. Mit ihm bleibt kaum Raum wehmütig zu sein.

So zum Beispiel letzte Woche. Nach einer lustigen Busfahrt, bei der mein Kind jedes Auto mit „da!“ kommentieren musste und zwei nette Seniorinnen ihn lauthals mit ihren Enkeln verglichen, setzte ich ihn vor mir auf den Tisch und schälte uns aus dem Tragetuch, setzte seine Mütze ab, zog ihm seine Weste aus, ebenso seine von Uroma gestrickten Krabbelsocken, um auch endlich meine Jacke auszuziehen. Ein ansehlicher Berg aus Sachen und Stoff türmte sich vor uns auf. Dann bereitete ich den Platz unter dem Tisch vor: Ein Stoffbeutel mit allen (möglichst geräuscharmen) Kinderspielsachen auf die eine Seite, die Kuschelmaus und den Becherturm auf die andere – die mag er nämlich besonders –, Feuchttücher und Ersatzwindel griffbereit im Rucksack daneben (darunter natürlich auch die obligatorischen Wechselsachen). Auf dem Tisch, neben dem Klamottenstapel, stellte ich meine Trinkflasche und möglichst außerhalb seiner Reichweite (also zu meiner Nachbarin) meinen Schreibblock. Den Kuli hatte ich vergessen. Zum Glück sind meine Kommilitoninnen auf so etwas vorbereitet und haben immer einen Ersatzkuli für mich dabei.

Mein Sohnemann saß immernoch neugierig guckend auf dem Tisch und erfreute den einen oder anderen mit einem charmanten Lächeln, genoss die Aufmerksamkeit in vollen Zügen, ehe er sich zu mir umdrehte und mich aufforderte ihn auf den Schoß zu nehmen. Dort sitzend schnappte er sofort meine Flasche und fing geräuschvoll an das Plastik einzudrücken.

Das Seminar begann. Zuspätkommende polterten herein. Mein Sohn schaute zwar auf, ließ sich aber nicht davon abbringen meine Trinkflasche zu malträtieren. Der Professor ignorierte ihn und begann mit der Biblischen Hermeneutik und leitete als erstes eine Gruppenarbeit an. Ich atmete erleichtert auf. Gruppenarbeiten sind leichter zu handhaben, weil so viel Unruhe im Raum herrscht, dass mein Sohn niemanden stören kann. Unsere Gruppe setzte sich draußen auf die Wiese und mein Sohn konnte seelenruhig dem Jagen einer Ameise nachgehen. Zum Glück sind Ameisen sehr flink und ich musste ihn nicht davon abhalten sie zu essen. Wieder im Plenum applaudierte mein Baby brav nach jeder Gruppe. Wohl erzogen! Bis er Hunger bekam. Laut und vehement forderte er meine Brust ein. Ich drehte mich ein wenig weg und er konnte losschmatzen. Währenddessen kamen die letzten Gruppen an die Reihe. Zum Mitschreiben bin ich bisher nicht gekommen. Mein Block liegt neu und jungfäulich genau da, wo ich ihn hingelegt hatte. Gesättigt setzte ich meinen Liebling unter den Tisch, wo er anfing mit Plastikbechern um sich zu werfen und zu brumm-singen. Ich griff nach dem Stift und wollte eben schreiben, als er an meinem Hosenbein zog und wieder hoch wollte. Ich nahm ihn hoch, er schnappte sich meinen Stift und warf ihn durchs ganze Zimmer.

Der Dozent unterbrach seinen Vortrag, schaute erst den Stift, dann mein Kind an und meinte trocken: „Aber hinterher wird aufgeräumt!“ Woraufhin alle schallend zu lachen anfingen. So witzig war die Bemerkung nun auch wieder nicht, dachte ich. Als ich jedoch nach unten schaute, begriff ich: Mein Kind hatte es geschafft innerhalb kürzester Zeit das gesamte Spielzeug zu verteilen. Es sah aus „wie bei Hempels unterm Sofa“. Etwas peinlich berührt merkte ich, dass ich nun ganze drei Plätze beanspruchte und die neben mir Sitzenden zunehmendst mit meinem Kram einengte …

Als ich meine Aufmerksamkeit wieder dem Dozenten zuwandte, riss dieser gerade einen Witz über die Katholiken. Mein Kind kommentierte es mit einem zustimmenden Brummen, während es versuchte den Kuli auseinander zu basteln. Ich schob meine Sachen etwas enger zusammen. Der Dozent stellte eine Frage. Niemand sagte etwas. Ich hatte vor lauter Sachen sortieren gar nicht mitbekommen, was er gefragt hatte, schaute also dezent zu Boden. Mein Sohn betrachtete die Stille als Aufforderung zu reden und rief laut: „Mama!“ Ich wurde rot, denn ich befürchtete, dass mein Dozent das als Aufforderung sehen könnte, mich zum Antworten zu bewegen. Aber glücklicherweise kam mir ein Kommilitone zu Hilfe. Ich atmete aus. Mein Kind pupste laut vernehmlich und lachte daraufhin. Ich überlegte gut, ob ich wirklich wieder einatmen sollte, denn nun saß ich nicht nur in einem Berg von Spielzeug, sondern auch noch in einer Wolke feinstem Babypups.

Ich setzte ihn wieder unter den Tisch, wo er erfreut anfing den Rucksack einer Mitstudentin zu essen. Ich schrieb endlich die Überschrift des Seminars auf meinen Block. Eine Weile spielte er ruhig und ich konnte einigermaßen folgen. Leider ging es gerade um Karl Barth und ich hatte den Anfang verpasst. Plötzlich begann mein Kind laut alle Worte und Töne, die er schon drauf hat von sich zu geben. Ich fragte meine nächsten Nachbarn, ob sie es als störend empfänden? „Nö, ich hör eh grad nicht zu,“ war die lapidare Antwort. Na da.

Als nächstes räumte er den besagten Rucksack aus. Oder er versuchte es, denn ich hinderte ihn daran, was ihn zu leichtem Protest reizte. Ich nahm ihn wieder auf den Schoß. Er gluckste und klatschte in die Hände. Einige Kommilitonen begannen faxen zu machen, damit er weiterlacht. Der Professor dozierte in aller Seelenruhe weiter. Bald wurde meinem Sohn das Klatschen auch zu langweilig und er rutschte wieder auf den Boden. Dort krabbelte er zielstrebig zum Herrn Professor vor und zog sich an dessen Tisch hoch. Was sehr kompliziert ist, da die Tischkante knapp über seinem Kopf ist! Mit aller Kraft versuchte er über den Tisch zu linsen. Mein Dozent grinste ihn an und schnitt eine Grimasse. Nebenbei erläuterte eine Studentin gerade irgendwas, ich wusste nicht was, da ich noch zwischen Aufspringen und Abwarten schwankte. Irgendwann verstummte sie. Der Dozent guckte verlegen auf und meinte: „Entschuldigung, ich war abgelenkt. Was haben Sie gesagt?“ Hihi.

Endlich Ende. Ich packe Windel, Feuchttücher und Wechselsachen zusammen, um ihn zu wickeln. Eine Kommilitonin rief mir hinterher: „Du hast aber ein wirklich ruhiges Kind!“ Meinte sie das ironisch?

PS: An alle, die auch vorhaben mit Kind zu studieren: So aufregend ist es nur selten. Es gibt auch ganze Seminare, in denen er ruhig spielt, zwischendurch gestillt wird und teilweise sogar schläft! Es gibt also durchaus Momente, in denen man sich entspannt zurücklehnen und mehr als drei Worte auf den Block kritzeln kann.

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