Moment mal: Kritik an der Kritik
Foto: Jenny Mealing CC-BY 2.0

Letzte Woche hat Philipp für die Moment mal-Kolumne auf theologiestudierende.de einen Artikel geschrieben, in dem er die Frage stellte, was es bedeutet, „konservativ“ zu sein. Das Ganze war vor allem eine Abrechnung mit Christen, die ihre persönlichen Ressentiments gegen Homosexualität als „konservative Werte“ zu verkaufen versuchen.

Dieser Text hat bei einigen Lesern für reichlich Unruhe gesorgt. In den Kommentaren wurde Philipp vorgeworfen, dass er über andere herziehe und selbst eben solche Ressentiments zur Schau stelle, wie er sie an „konservativen“ Christen kritisiert – nur halt nicht gegen Homosexuelle, sondern gegen Evangelikale.

Dies ist in meinen Augen eine extrem problematische Argumentation. Hier wird die diskriminierende Ablehnung von Menschen mit homosexueller Prägung gleichgesetzt mit der Ablehnung solcher diskriminierender Meinungen.

Es scheint mir angemessen, von Diskriminierung zu sprechen, wenn eine Person aufgrund ihrer inhärenten Attribute benachteiligt oder herabgewürdigt wird. In keiner Weise mit Diskriminierung gleichzusetzen ist es, wenn jemand die Meinung oder Position einer Person kritisiert oder penalisiert – vor allem, wenn diese Position selbst andere diskriminiert. Schließlich ist niemand an eine theologische Meinung gebunden – sexuelle Orientierung hingegen ist eine Eigenschaft einer Person, die nicht einfach abgelegt werden kann.

Außerdem muss die Verhältnismäßigkeit im Blick bleiben. Viele schwule oder lesbische Menschen haben auch in Deutschland und auch in der Gegenwart noch mit massiven gesellschaftlichen Benachteiligungen zu kämpfen, sei es durch strukturelle Diskriminierung oder einfach durch die psychologische Belastung, die mit der Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm einhergeht.

Extrem konservative Christen hingegen müssen zwar durchaus auch damit rechnen, aufgrund ihrer Weltanschauung belächelt oder kritisiert zu werden, jedoch scheint es mir nicht angemessen, hier von Verfolgung oder struktureller Benachteiligung zu sprechen. Eine Gleichstellung der Schicksale Homosexueller auf der einen und streng konservativer Christen auf der anderen Seite empfinde ich als äußerst unverhältnismäßig und als Verhöhnung der Opfer der jahrhundertelangen Verfolgung von Schwulen und Lesben durch die christliche Kirche, die teilweise bis heute anhält.

Ich kann das auch gern noch biblisch begründen. In Mt 22 heißt es:

Und es fragte einer von ihnen, ein Gesetzesgelehrter, und versuchte ihn und sprach: Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz? Er aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“ Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Das Doppelgebot der Liebe ist der unumstrittene Kern aller Ethik, die sich „christlich“ nennen will. Mt 22,40 sagt sehr deutlich, dass „das ganze Gesetz und die Propheten“ dem Liebesgebot untergeordnet sind. Demnach kann, soweit ich das sehe, eine Bibelhermeneutik, die zu lieblosen Handlungsmaximen (sei es gegenüber Gott oder den Menschen) führt, nicht dem Evangelium entsprechen.

Also: Positionen, die diskriminierend sind (nämlich weil sie Menschen aufgrund ihres Wesens herabwürdigen) müssen und dürfen im theologischen Diskurs abgelehnt werden. Es mag sein, dass diese Ablehnung lieblos erscheint. Aber wahrhaft lieblos wäre es doch, nicht für unsere lesbischen und schwulen Mitmenschen einzutreten.


 

  1. Ich kenne die Argumente, nach denen eben das Aufzeigen der Sündhaftigkeit homosexueller Praktiken ein Akt der Nächstenliebe sein soll. Diese Argumentation scheitert daran, dass selbst ein flüchtiger Blick in die Christentumsgeschichte zeigt, wie viel Elend und Leid die kirchliche Ablehnung von Homosexualität für jene Menschen gebracht hat. 
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6 Kommentare anzeigen

  1. Felix Weise

    Ich gebe dir Recht Max. Es ist wirklich ein Unterschied, ob man Menschen auf Grund einer unveränderlichen Eigenschaft diskriminiert, oder auf Grund eines veränderbaren Gehabens. Ich möchte auch noch mal betonen, dass nach meinem Schriftverstädnis Homosexuelle genauso in der Kirche willkommen sind wie jeder andere Mensch und Homosexuelle Partnerschaften von gleichem Wert sind wie heterosexuelle. Trotzdem frage ich mich, wie eine solche Debatte fruchtbar geführt werden kann. kritisiert oder aufGrund. Und indem ich den gegenüber als rückwärtsgewandt und minderbemittelt darstelle, erreiche ich doch in keinem Fall das mein Gegenüber seine Meinung ändert, sondern vielmehr eine Veränderung der Fronten. ich glaube demgegenüber kann man versuchen die Argumente des Gegenübers zu verstehen, sie ernst zu nehmen und dann aber auch entschieden zu widersprechen und seine eigene Meinung darstellen. Das ist, was ich in den Kommentaren unter besagtem Artikel sagen wollte und auch gesagt hat. Mir geht es gar nicht um eine Rechtfertigung einer Position, die Homosexualität ablehnt, aber eine zu vorschnelle einfache Einordnung als homophob und rückwärtsgewandt vertieft doch nur Gräben anstatt aufeinanderzuzugehen. Nun kann man natürlich sagen, dass man sich mit Menschen die Homosexualität ablehnen nicht annähern möchte, dann läuft aber m.E. nach langfristig alles auf eine Spaltung der Kirche hinaus.

    • Lieber Felix,

      ich sympathisiere Grundsätzlich mit deiner Haltung, statt auf Konfrontation auf Diskurs zu setzen. Nur befinden wir uns in vielen solchen Diskussionsräumen nach meinem Empfinden bereits auf einer Ebene, in der ein Argumenteaustausch nichts mehr bringt und Position gegen Position steht (wie zum Beispiel offenbar in der sächsischen Synode).

      In so einer Situation habe auch ich grundsätzlich das Bedürfnis, den anderen, mit seiner Position zu akzeptieren – sozusagen „um des Friedens Willen“. Nur kann ich das als Theologe nicht *verantworten*, solange das bedeuten würde, die massive Ungleichbehandlung und eben Diskriminierung Schwuler und Lesben hinzunehmen. Für mich ist das eine Frage danach, wem ich mehr verpflichtet bin: Dem Frieden in der Kirche oder der gerechten Behandlung aller Menschen, unabhängig von sexueller Orientierung. Und da muss ich mich jedes Mal für Letzteres entscheiden – im Zweifel bis zur Spaltung (natürlich in der Hoffnung und Vermutung, dass es soweit nicht kommen wird).

  2. Michael

    Hey Max,

    vielen Dank für Deinen Artikel. Natürlich finde ich es auch nicht gut, wenn sich dann die evangelikalen Christen wieder diskriminiert fühlen. Als ich jedoch Deinen Einstieg in den Artikel las und Du schriebst: »Extrem konservative Christen hingegen müssen zwar durchaus auch damit rechnen, aufgrund ihrer Weltanschauung belächelt oder kritisiert zu werden, jedoch scheint es mir nicht angemessen, hier von Verfolgung oder struktureller Benachteiligung zu sprechen«, hatte ich etwas Bedenken. Gewünscht hätte ich mit eine adverbiale Bestimmung cf »in Deutschland« o.ä., denn was wir im Moment v.a. im nahen Osten und Süden erleben, ist doch, das Christen (in anderen Ländern) um ihres (evangelikalen/radikalen) Glaubens willen diskriminiert, verfolgt und getötet werden. Vielleicht kann man das ja noch ändern?

    Anbei (wen es interessiert) zwei (pro-und-contra-)Links zur aktuellen Diskussion in der katholischen Kirche zum Thema der Homosexualität (Segnung,…)

    pro: http://de.radiovaticana.va/news/2015/05/09/katholikenkomitee_fordert_segnung_gleichgeschlechtlicher_paa/1142936

    vorsichtiges contra: https://de-de.facebook.com/permalink.php?story_fbid=1594308884172265&id=1399859893617166

    LG

    • Hey Michael,

      vielen Dank für deinen Hinweis auf verfolgte Christen in anderen Ländern. An die hatte ich ehrlicherweise beim Schreiben nicht gedacht. Ich bin mir allerdings auch nicht sicher, ob man wirklich behaupten kann, dass in solchen Ländern „konservative“ Christen stärker verfolgt würden als Christen insgesamt. In den Gebieten, in denen es zu massiven, blutigen Christenverfolgungen kommt, begründet sich diese Verfolgung ja wohl kaum in deren Einstellung zu Homosexualität.

      Das soll natürlich in keiner Weise bedeuten, dass ich christlichen Geschwistern, die unter ernsthafter Verfolgung leiden irgendwie meine Solidarität entziehen möchte oder ähnliches – das wird ja, hoffe ich, auch im Kontext meines Textes deutlich.

      • Michael

        Hallo Max,

        wahrscheinlich hast Du Recht, dass es bei der Verfolgung weniger um die Einstellung zum Thema der Homosexualität geht. Ich wollte Dich damit auch nicht kritisieren, sondern es einfach noch mal gesagt haben, damit es angedacht werden kann.

        Das Thema Homosexualität ist m.E. in den Ländern des nahen Ostens sehr schwer zu thematisieren, so dass ich da sehr vorsichtig sein würde. Bspw. die (recht umstrittene) Professorix für Genderwissenschaften in Berlin vertritt die These, dass es da gar kein Problem ist, homosexuele Gefühle zu haben/leben(?) (es bspw. auch eine Fülle an homoerotischer Literatur gibt), der Umgang damit aber ein anderer ist, weil nur wir in Europa der Meinung seien, dass man sich definitiv für eine sexuelle Orientierung entscheiden müsse und das in anderen Ländern nicht der Fall sei. Aber auch das nur zum Andenken.

        Liebe Grüße
        Michael

        • Kein Ding, ich hatte deinen Kommentar schon als konstruktiv verstanden. Die Situation außerhalb unserer „kulturellen Sphäre“ zu beurteilen ist natürlich immer knifflig. Ich würde mir auch nicht anmaßen, über solche Sachen im Detail Bescheid zu wissen.

          (Was aber schade ist. So etwas wie eine gründliche interkulturelle Theologie könnte uns als Weltkirche (die es ja auch im prostestantischen gibt ;) ) bestimmt voranbringen im gegenseitigen Verständnis und in der Horizonterweiterung. Danke also für den Denkanstoß.)

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